Der russische Patient: Das Reich des russischen Industriellen Oleg Deripaska bröckelt.
Nach dem Aus bei Magna wackelt auch die Strabag-Beteiligung.

Das Reich des russischen Industriellen Oleg Deripaska bröckelt. Nach dem Aus bei Magna wackelt auch die Strabag-Beteiligung.

Sacher-Chefi n Elisabeth Gürtler
steht gerade ziemlich unter
Druck. In zwei Monaten soll die
Sacher Hotels Betriebsges.m.b.H.
das Management einer neuen
Ski-Nobelherberge in Lech am Arlberg
übernehmen. Das Hotel Aurelio erhält derzeit
noch den letzten baulichen Schliff. Ab
1. Dezember wird jene zahlungskräftige
Klientel erwartet, die sich Zimmerpreise
von 570 bis 18.720 Euro pro Nacht gerne
leistet. Es gibt allerdings noch ein nicht
unwesentliches Problem, sagt Gürtler:
„Der Management-Vertrag ist noch nicht
unterschrieben – bisher gibt es lediglich
eine Absichtserklärung.“ Dass das mit akuten
Finanzproblemen ihres Vertragspartners
zu tun hat, glaubt Gürtler allerdings
nicht. „Ich habe mit Oleg Deripaska aktuell
nicht gesprochen, gehe aber davon aus,
dass sich seine Probleme mit Magna nicht
auf unser Hotelprojekt auswirken“, hofft
die Aurelio-Managerin in spe. Um ganz
sicher zu gehen, hat sie dennoch kurz Magna-
Manager Sigi Wolf angerufen, jenen
Herrn, der einst Kontakt zum angeblich
reichsten Russen hergestellt hat. Wolf hat
beruhigt – genauso wie zu Beginn vergangener
Woche, als der Automanager gemeinsam
mit der Chefin von Deripaskas
Firmenimperium auftrat und beteuerte,
man wolle trotz des plötzlichen Ausstiegs
Deripaskas weiter kooperieren. Auch wenn
das Umfeld des durch die Finanzkrise neuerdings
armen reichen Russen um Beruhigung
bemüht ist, der Ausstieg aus seiner
zweiten österreichischen Großbeteiligung,
dem Viertelanteil am Bauriesen Strabag,
erscheint immer wahrscheinlicher.
Imperium auf Pump. Denn in Deripaskas
Firmengruppe Basic Element (BasEl)
scheppert es gewaltig. Schon als das amerikanische
Magazin „Forbes“ ihn mit 28,6
Milliarden Dollar zum reichsten Russen ernannte, kritisierte der Oligarch mehrfach,
dass „Forbes“ nicht die Verbindlichkeiten
von BasEl mittaxiere. Schließlich wird der
Schuldenstand von BasEl aktuell auf erkleckliche
14 Milliarden Dollar geschätzt.
Und: Die Finanzierungen vieler Akquisitionen
Deripaskas sollen ebenso mit Aktien
als Sicherheit hinterlegt sein wie das Paket
an Magna. Sinkt der Wert der Aktien, muss
für den Differenzbetrag ständig frisches
Geld nachgeschossen werden.
Sicherer Absturz. „Es war eine sehr
schwierige Entscheidung“, beteuert BasEl-
Chefi n Gulschan Moldaschanowa gleich
mehrmals bei ihrem Kurzbesuch in Wien.
Aber letztlich habe man sich eben doch
dazu entschließen müssen, den 20-Prozent-
Anteil an Magna International an die
kreditgebende Bank abzugeben. Liquiditätskrise
gebe es im Imperium des russischen
Oligarchen aber sicher keine, versichert
dessen Vorstandsvorsitzende. Auch
die Zusammenarbeit zwischen Magna und
Russian Machines, einer Tochter von Gaz,
Russlands zweitgrößtem Automobilproduzenten,
werde fruchtbringend, aber eben
jetzt „ohne Trauschein“ weitergeführt, bestätigen
Magna-Boss Wolf und Moldaschanowa
unisono. Das Motto der Veranstaltung
letzten Montag im Wiener Imperial
Hotel lautete: Beruhigung. Beruhigung
der Medien, Beruhigung der Aktionäre
und der Investoren.
Denn nach außen bietet sich nicht gerade
ein rosiges Bild: Die Magna-Aktie
hat in den letzten fünf Monaten rund 50
Prozent an Wert eingebüßt. Deripaska, der
im Mai 2007 beim Autozulieferer eingestiegen
war, hatte noch 70 bis 80 Dollar
pro Aktie hinlegen müssen, heute ist sie
um etwas mehr als 40 Dollar zu haben.
Verabschieden wird sich Deripaska
aber nicht nur aus Magna International,
sondern auch aus Frank Stronachs lukrativer
Consultinggesellschaft Stronach &
Co., an der der Oligarch mittelbar 50 Prozent
besaß. Für diese Beteiligung hat der
Russe im Vorjahr 150 Millionen Dollar
hingeblättert, als Gegenleistung dafür bekam
er jährliche Consulting-Provisionen
– in erster Linie von Magna selbst – in
Millionenhöhe.
„Vernünftige Kosten“. Auch die Strabag-
Beteiligung des Russen steht jetzt auf dem
Spiel: In nur eineinhalb Jahren fi elen die
Baupapiere von 42 auf 20 Euro. Während
Deripaska an der Börse Toronto rund 700
Millionen Dollar in den Sand gesetzt hat,
war es in Wien bei der Strabag umgerechnet
ebenfalls so viel Geld. Macht für den
erfolgsverwöhnten Russen insgesamt 1,5
Milliarden Dollar Verlust mit österreichischen
Unternehmen.
Moldaschanowa kalmiert auch in puncto
Strabag: „Wir werden die Beteiligung an
der Strabag halten – zu vernünftigen Kosten.“
Der Unterschied zu Magna sei, so
Moldaschanowa: „Der Hauptmarkt der
Strabag ist in Osteuropa und Russland.“ Sie
sei also Kerngeschäft für BasEl. Auch Strabag-
Boss Hans Peter Haselsteiner sieht sein
Unternehmen „in keiner Weise“ von den
Finanzproblemen seines russischen Teilhabers
betroffen (siehe InterviewXXXXX).
Im Hintergrund ist es dennoch zu hektischen
Szenen gekommen, hört man aus
dem Aufsichtsrat des Baukonzerns. Deripaska
habe vor kurzem angerufen und Haselsteiner
die Pistole an die Brust gesetzt:
Entweder solle der Baulöwe den Anteil des
Oligarchen zurücknehmen oder ihm kurzfristig
Kredit verschaffen. Haselsteiner
habe brüsk abgelehnt, vielleicht auch, weil
es bis dato durch Deripaska noch zu keinem
konkreten Geschäft gekommen sein
soll. Auch der Plan, einige russische Zementfabriken
gemeinsam zu bauen, war
Ende September auf Eis gelegt worden.
Die anderen Anteilseigner stehen jedenfalls
bereits Gewehr bei Fuß. Etwa Erwin
Hameseder, der Raiffeisen-Beteiligungschef:
„Derzeit ist die Frage nicht aktuell,
dass wir das Aktienpaket von Deripaska
übernehmen“, wiegelt Hameseder ab,
„sollte er aber wirklich aussteigen, springen
wir selbstverständlich ein. Am liebsten
wäre uns aber, Deripaska bliebe im Boot.“
Haselsteiner würde ebenfalls einspringen.
Für den Fall der Fälle haben sich die Aktionäre
Haselsteiner und Raiffeisen (sie halten
jeweils die Sperrminorität) mittels Syndikatsvertrag
abgesichert: Steigt einer der
drei Kernaktionäre aus, haben die anderen
beiden ein Vorkaufsrecht.
Nickel-Notlage. Durchaus wahrscheinlich,
dass sie das bald ausüben müssen.
Denn Deripaska hat sich noch mit einem
weiteren Engagement ordentlich verspekuliert:
Norilsk Nickel. Für den 15 Milliarden
Dollar schweren 25-Prozent-Anteil hat die
BasEl-Tochter Rusal im Frühjahr einen 4,5
Milliarden Dollar teuren Kredit aufgenommen.
Auch hier ist die Besicherung mit
Aktien inzwischen reine Makulatur, da der
Kurs des Nickelproduzenten seit Mai um
über 70 Prozent abgeschmiert ist. Normalerweise
könnte sich Rusal im Ernstfall mit
frischen Krediten aus der ebenfalls zum
BasEl-Konglomerat gehörenden Soyuz-
Bank versorgen. Das Problem: Soyuz hat
selbst akute Liquiditätssorgen.
– ARNDT MÜLLER, ANGELIKA KRAMER

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