Der ÖOC als Selbstbedienungsladen: Wie Neo-Präsident Stoss nun aufräumen will

Falsche Abrechnungen, verlorene Unterlagen, Freunderlwirtschaft: Im Olympischen Comité verfilzte der Sport mit Privatinteressen. Nun mistet der neue Präsident Karl Stoss aus.

Karl Stoss, der neue Präsident des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC), hat die Spiele in Vancouver nicht nur dazu genutzt, die heimischen Sportler anzufeuern. Nach einem Rodelbewerb machte er in Whistler City auch eine Stippvisite bei den Schweizern. Dort inspizierte er, wie die Eidgenossen ihr Gästehaus organisieren. Sofort stach dem Casinos-Austria-General eines ins Auge: Die Hütte war zum Bersten voll, und jeder bezahlte anstandslos seine Rechnung selbst. Im Österreich-Haus, wo sich die rot-weiß-roten Olympioniken und Fans treffen, speist man auf Kosten des Gastgebers. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zu den Schweizern. Die Nachbarn haben bislang nicht nur mehr Goldmedaillen eingeheimst, sondern auch für weniger interne Skandale gesorgt. Im ÖOC hingegen lief vieles falsch und läuft auch heute noch nicht ganz richtig.

Der ÖOC als Selbstbedienungsladen
Der Verein mit einem Budget von rund drei Millionen Euro
(siehe Grafik ) war für manche ein Selbstbedienungsladen, für andere ein güns­tiges Reisebüro. Bei Abrechnungen und der Buchhaltung wurde wenig Sorgfalt an den Tag gelegt, viele Verträge wurden nur mündlich geschlossen. Eine Geschäftsordnung fehlte ganz. „Das war vielleicht ein Schwachpunkt“, gibt der frühere Kassier Gottfried Forsthuber zu. Jetzt soll alles anders werden. Derzeit werden noch Unterlagen gesichtet, sofern man sie findet, und Bankkonten geöffnet. Bis Ende März soll ein Bericht vorliegen, an dem die Wirtschaftsprüfer Walter Knirsch und Bernd Winter sowie der Jurist Franz Marhold arbeiten. Finden die drei strafrechtliche Verfehlungen, wird es auch neue Anzeigen geben.
Insider erwarten, dass Finanzstrafverfahren eine Folge des Prüfberichts sein könnten. Denn es gibt Personen, die zu ihrem Privatvergnügen auf Kosten des ÖOC zu den Spielen fuhren. In diesem Fall werden Flug und Unterkunft als finanzielle Zuwendung gewertet, und sie müssten in der Steuererklärung berücksichtigt werden. „Es gab keine Richtlinien, wer zu Spielen anreisen darf“, sagt Forsthuber.

Ex-Generalsekretär im Visier
Bereits im Vorjahr wurde der frühere ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth wegen des Verdachts auf Untreue angezeigt. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob bei der Bewerbung der Olympischen Spiele 2014 alles mit rechten Dingen zugegangen war. Vor allem Jungwirth steht im Zentrum der Anschuldigungen. Reisen und Handykosten für seine Familie habe er dem ÖOC verrechnet. Mittlerweile gab es Rücküberweisungen von ihm. Zum Abschied vor einem Jahr soll er jedenfalls 176.000 Euro bekommen haben. „Schweigegeld“ nannte es der „Kurier“. „Blödsinn“, heißt es dazu aus dem ÖOC. Jungwirth wollte damals aus seinem Vertrag, der immer für vier Jahre verlängert wurde, aussteigen. Ein Drittel der ihm zustehenden Summe habe man ihm zum Abschied überwiesen – ohne Auflagen. Besonders scharf schießt Peter Schröcks­nadel gegen Jungwirth. Der „Ski-Napoleon“, wie ihn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nennt, liegt seit dem Doping-Skandal bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren in Turin im Clinch mit Jungwirth. Österreichischen Sportlern wurde damals vorgeworfen, ihr Blut unerlaubt behandelt zu haben. Der Präsident des mächtigen Skiverbands musste das ÖOC verlassen, angeblich auch wegen einer falschen Zeugenaussage von Jung­wirth. Jetzt ist Schröcksnadel als Vizepräsident zurück – und andere mussten gehen.

Vorwürfe auch gegen Stoss
Auch der jahrelange Mr. Olympia Leo Wallner, den Stoss Ende des Vorjahres abgelöst hat, musste seine Koffer packen. Der Grandseigneur steht weiter unter Druck: Dass er von den Entgleisungen seines Generalsekretärs Jungwirth wirklich nichts mitbekommen hat, wird mancherorts angezweifelt. Andere sehen in den Vorwürfen gegen Wallner und Jungwirth eine Intrige. Die beiden seien wichtigen Akteuren im und um das ÖOC unbequem geworden. Jedenfalls gilt bis zur Aufklärung der Causa für alle Genannten die Unschuldsvermutung. Eine ruhige Kugel kann auch der neue ÖOC-Präsident nicht schieben. Denn auch gegen Karl Stoss werden Vorwürfe laut: Er habe als eine seiner ersten Amtshandlungen den Catering-Vertrag mit dem Modul für das Österreich-Haus aufgelöst und stattdessen viel teureres Essen von Do & Co beauftragt. Stoss kontert: „Es gab nie einen aufrechten Vertrag mit dem Modul. Außerdem werden die Aufwendungen im Österreich-Haus komplett von Sponsoren getragen.“ Kritisiert wurde auch, dass sein Cousin Hansjörg Stohs das Österreich-Haus leitet. „Das interessiert mich so viel, wie wenn in Peking ein Rad umfällt“, so Stoss (siehe Interview ) . Sein Cousin arbeite nämlich unentgeltlich.

„Das hat sich so ergeben“
Stoss kämpft auch gegen die „Automatismen“, die sich im ÖOC eingeschlichen haben. Etwa dass die Ausrüster der Olympia-Mannschaft Geld dafür erhalten, dass sie Kleidung zur Verfügung stellen. Während in anderen Ländern Firmen dafür bezahlen, die Teams auszustatten, werden in Österreich bis zu 800.000 Euro dafür ausgegeben. Die Ausrüster finden das normal. Alfons Schneider etwa stellt seit mehreren Jahren die Festkleidung der Olympia-Teilnehmer. Bereits 1976 trugen die österreichischen Sportler „Schneiders“. Wie er Ausstatter der Mannschaft wurde, „kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen, das hat sich ergeben“, sagt Schneider. Sein Unternehmen bekommt einen „vom ÖOC gedrückten Einkaufspreis“ für die Jacken, Sakkos und Hosen refundiert. „Wenn wir draufzahlen, würden wir das nicht mehr machen. Wir sind ja auch Kaufleute“, sagt Schneider. Ähnlich denkt Romy Hubegger, die Tücher und Krawatten liefert. „Das ÖOC ist ein Stammkunde von uns, das ist bereits eine langjährige Partnerschaft“, sagt Hubegger. Sie kann sich ebenfalls nicht erinnern, wie sich die Zusammenarbeit mit den Olympioniken ergeben hat.

Ausstattung wird künftig ausgeschrieben
Stoss will das nächste Mal über eine Ausschreibung die Ausstatter suchen, auch andere Aufträge – etwa an Reisebüros – sollen nicht mehr ohne Unterlagen vergeben werden. Auf die Bremse wird in Zukunft bei anderen Ausgaben getreten: Künftig sollen weniger Funktionäre auf ÖOC-Kosten reisen. Abgesehen von den Sportlern und Betreuern, soll niemand mehr auf Kosten des Comités unterwegs sein, so die Vorstellung von Stoss. Für das ÖOC haben die Spiele in Vancouver derzeit Priorität. Die 81 Sportler, die Österreich vertreten, sollen möglichst viele Medaillen heimbringen. Noch ist die Ausbeute dürftiger als vor vier Jahren. Aber das wird sich noch legen, davon ist Schröcksnadel überzeugt: „Meine Prognose: Wir holen 16 Medaillen.“ Werden die Spiele sportlich wirklich kein Debakel, muss nur noch der ÖOC-Neustart gelingen und das Aufräumen trainiert werden. Denn mit der derzeitigen Linie sind die im ÖOC vertretenen Fachverbände nicht alle zufrieden. „Es könnte zu einem Aufstand kommen, wenn es so weitergeht“, sagt Forsthuber.

G. Schnabel (Vancouver), M. Koch

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