Der große Ölpreis-Schwindel

Der große Ölpreis-Schwindel

Das schmutzige Geschäft mit dem Öl: Undurchsichtig, geheimniskrämerisch, verschlossen, ein klandestiner Klub weniger mächtiger Multis, die in einem unregulierten Markt anstellen können, was sie wollen.

Fallweise würden sie auch Kartelle bilden, um die Preise ihrer Produkte zum Schaden der Endverbraucher, ja der ganzen Weltwirtschaft, zu manipulieren.

Spätestens seit den Ölkrisen der 70er Jahre ist die weltweite Erdölindustrie solch harsche Kritik gewöhnt. Doch Mitte Mai haben Ermittler der EU-Wettbewerbskommission drei der mächtigsten Ölmultis der Welt - "Royal Dutch Shell“, "BP“ und "Statoil“ sowie "Platts“, die wichtigste Preisagentur der Branche - völlig überraschend mit Razzien eingedeckt. Kurz nach Pfingsten wurden die Untersuchungen auf gigantische Rohstoff-Handelsfirmen wie etwa "Glencore“, "Vitol“ und "Mercuria“ ausgedehnt.

Branchenkenner sehen darin erst den Beginn einer jahrelangen Investigation umstrittener Geschäftspraktiken von "Big Oil“. Offenbar hegen nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch die europäischen Kartellwächter den Verdacht, dass widerrechtlich an den Preisschrauben für Öl und Ölprodukte gedreht worden sein könnte.

Ein zweiter Libor-Skandal

In einem sperrigen Statement brachte EU-Wettbewerbshüter Joaquin Almunia seinen schlimmsten Alptraum auf den Punkt: "Die Kommission befürchtet, dass die Unternehmen gemeinsame Sache gemacht und verzerrte Preise an eine Preisagentur berichtet haben, um deren veröffentlichte Preise für Öl, raffinierte Ölprodukte sowie Biosprit zu manipulieren. Die Preise der Agenturen dienen als Leitlinie für den Handel in physischen und finanziellen Derivatmärkten für viele Rohstoffprodukte in Europa und weltweit. Selbst kleinste Preisverzerrungen könnten gewaltige Auswirkungen auf die Endverbraucher haben.“

Angesichts der immensen Bedeutung des, vorsichtigen Schätzungen zufolge, jährlich 2,5 Billionen Dollar schweren Ölmarktes, dessen Einzelpreise praktisch für sämtliche Industriebranchen, allen voran die Petrochemie (weltweiter Umsatz: rund 2,2 Billionen Dollar), einen fundamentalen Kostenfaktor darstellen, "sind diese Vorwürfe sehr, sehr ernst“, so der britische Premier David Cameron. "Falls sich herausstellt, dass die ohnehin ausgepressten Autofahrer und Konsumenten Manipulationen in ihrer Geldbörse spüren, schlägt die volle Härte des Gesetzes zu.“

Die derzeitige EU-Untersuchung ist zweifellos eine Folge der im Vorjahr aufgeflogenen Manipulationen am Interbanken-Leitzins Libor, in die offenbar alle wichtigen Großbanken involviert waren. Scott O’Malia, einflussreicher Boss der US-Derivateaufsicht CFTC, schlug bereits im Sommer 2012 in Anspielung auf eine texanische Erdöl-Hochburg als erster Alarm: "Houston, wir haben ein Problem. Bei den Ölpreisen gibt es eine auffällige Ähnlichkeit zum Libor.“ Laut Experten wie Stefan Bukold vom deutschen Branchendienst "Energy Comment“ lagen daher Aktionen wie jene der EU-Behörden in der Luft.

"Market-on-close“

Es ist vor allem der komplexe und für Schwindeleien extrem anfällige Preisfindungsprozess im Öl-Universum, der den Aufsehern Sorgen bereitet. Lediglich 20 Prozent des etwa 89 Millionen Barrel Öl umfassenden täglichen Verbrauchs werden an Rohstoffbörsen wie der Londoner Nymex oder der ICE Future Europe nach relativ klaren Regeln gehandelt, darunter wichtige Ölsorten wie beispielsweise Nordsee-Brent.

Aber 80 Prozent aller Öldeals hingegen finden "over the counter“ (OTC), sozusagen im stillen Kämmerlein, statt.

In dieses intransparente Schattenreich versuchen "Price-Reporting-Agencies“ etwas Licht zu bringen. Führend darin ist "Platts“, eine äußerst profitable Tocher des US-Medienkonzerns McGraw Hill, zu dem auch die Ratingagentur Standard & Poors zählt. Platts erhebt die Preise für rund 90 Prozent aller OTC-Ölgeschäfte. Kleinere Rollen spielen die britische "Argus Media“ und ICIS des US-Infogiganten Reed.

Ins Visier genommen hat die EU nun das "Platts Window“, ein Zeitfenster, das sich täglich nach Handelsschluss (Fachjargon: "Market-on-close“) um etwa 16.00 Uhr Londoner Zeit für gut eine halbe Stunde, manchmal etwas länger, öffnet. Dann melden sich die Platts-Reporter bei den Händlern der Ölmultis, finanzierenden Banken und Trading-Häuser und quetschen sie über die Konditionen ihrer Geschäfte aus - Preise, Volumina, Lieferdetails. Etwa 240 Akteure sollen sich in diesem Pool befinden, in der Praxis gehen sich oft nur Recherchen bei wenigen Dutzend aus.

Dieses Verfahren öffnet jeder Menge Manipulationsmöglichkeiten Tür und Tor. Einerseits werden nur Abschlüsse geprüft, die während dieses Zeitraums stattfinden. Beispielsweise, wenn Shell einen Tanker Rohöl an Glencore vertickt. Findet innerhalb dieser wenigen Minuten in einem bestimmten Marktsegment, etwa bei Paraffinen für Autoreifen, aber kein Geschäft statt, werden andere Indikatoren wie etwa Lagerkosten zur Schätzung aktueller Preise herangezogen. Oder, wie die "Financial Times“ schreibt, "schon mal über den Daumen gepeilt.“ Dazu Fachmann Bukold: "Gerade bei engen, illiquiden Märkten ist die Gefahr von Preismanipulationen sehr hoch.“

Andererseits verfügt Platts, die mit den Tradern meist per Telefon oder SMS plaudert, über keine rechtlichen Grundlagen, detaillierte, wahrheitsgemäße oder überhaupt irgendwelche Auskünfte einfordern zu können. "Es gibt keine regulatorische Verpflichtung für die Ölhändler, über Preise zu berichten“, sagt der Experte Bassam Fattouh vom Oxford Institute for Energy Studies. "Wenn das Marktteilnehmer tun, hängt es von ihrer Bereitschaft, ihrer Geschäftspolitik und ihren Interessen ab.“

Um das Risiko von falschen Preisinformationen abzufedern, hat die Agentur seit Einführung dieses Platts-Windows 2002 - das ist etwa der Zeitraum, um den es der EU-Kommission geht - ihre Checks, Rechecks und Doublechecks Stück für Stück verschärft. Besonders widerspenstige Händler, die nicht akkurate Preise verbreiten, werden mitunter temporär vom Preisfindungsprozess ausgeschlossen - Öltrader nennen das "Boxing“. "Wenn du von Platts auf die Blacklist geboxt wirst, bist du draußen“, sagt ein Insider. "Deswegen hassen alle Platts. Aber wir können auch nicht ohne sie leben, weil wir sonst den Einfluss auf die Marktpreise verlieren würden.“

Dave Emsberger, Global Editorial Director bei Platts, verteidigt diesen Preisfindungsprozess vehement: "Früher wurden nur die Durchschnitts-Volumina der täglichen Geschäfte gewichtet. Die Ergebnisse hinkten oft den tatsächlichen Preisen hinterher, und nicht wiederholbare Deals haben sie verzerrt. Unsere Methode ist viel präziser. Wir sind von einer Welt der Meinungen inzwischen in einer Welt der Fakten angekommen.“

Geheimnisvoller Brent-Klub

Dennoch belegen etliche Fälle, dass auch die erfahrenen Preisagentur-Detektive immer wieder ausgetrickst werden. 2002 hatten ihnen Enron-Trader in Kalifornien gefälschte Gaspreise untergejubelt, 2007 der US-Ölkonzern Marathon manipulierte Daten über die Ölsorte "West Texas Intermediate“. Und immer wieder ist in der Branche von einem obskuren Brent-Klub die Rede, der die Fäden im Geheimen ziehen soll. Laut Bukold würden vor allem in den USA vermeintliche Preismanipulationen nahezu im Wochentakt vor den Kadi gebracht.

Wegen solcher Dreistigkeiten, der Erschütterungen durch den Libor-Skandal und konkreten Manipulations-Hinweisen des französischen Rohstoffkonzerns "Total“ Anfang 2012, der die Omerta der Branche gebrochen hatte, gaben die G-20-Industrieländer vor etwa einem Jahr bei der "Iosco“, dem weltweiten Dachverband der nationalen Finanzmarktaufsichtsbehörden, die Ausarbeitung eines umfangreichen Maßnahmenkatalogs zur Regulierung der gesamten Ölhandels-Industrie in Auftrag.

Deren Fazit im Endbericht vom Oktober 2012: "Die Ölpreisfindung ist stark anfällig für Manipulationen und Verzerrungen.“ Gleichzeitig aber warnte die Iosco vor überzogenen Regulierungsmaßnahmen. Grund: Etliche Ölmultis hätten mit einem totalen Info-Stopp gedroht. "Damit wäre dieser riesige Markt mit wenigen mächtigen Spielern völlig uneinsehbar“, so das kleinlaute Resumée des zahnlosen Ober-Regulators.

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff