"Der Motivationsgrad der Menschen im Osten ist gewaltig"

"Der Motivationsgrad der Menschen im Osten ist gewaltig"

FORMAT: Wie wirkt sich die Krise auf Osteuropa aus?

Peter Hagen: Ich lese manchmal, dass die Wachstumsfantasie in Osteuropa geplatzt sei. Ich halte das aber für übertrieben pessimistisch. Natürlich wird das Wachstum nicht immer in einer 45-Grad-Kurve linear hinaufgehen. Es wird sich eher treppenförmig weiterentwickeln, mit Verschnaufpausen zwischen den Stufen. Und wir sind momentan in so einer Verschnaufpause, die weltwirtschaftlich begründet ist.

Wir sind noch nicht am Ende der Treppe angelangt?

Hagen: Das Potenzial in dieser Region ist nach wie vor enorm. Der Aufholwille der Leute dort ist ungebremst. Und die Kombination aus beidem - der Wille, mehr zu schaffen, und das Aufhol-Potenzial - ist für mich die Garantie für weiteres Wachstum über sehr viele Jahre.

Haben die osteuropäischen Länder schon die Kraft, aus sich heraus die Krise Europas abzuschwächen?

Hagen: Man kann das wahre "innere“ Potenzial dieser Länder nur beurteilen, wenn man ihre Wirtschaftsleistung um die direkten Auslandsinvestitionen und um den weltweiten Konjunkturrückgang bereinigt betrachtet. Polen hat gezeigt, dass es trotz rückläufiger Auslandsinvestitionen und schwächer werdender Weltwirtschaft positive Wachstumszahlen schafft. Die Inlandsnachfrage war groß genug. Das ist in den kleineren Ländern noch nicht der Fall.

Wie könnte man die Inlandsnachfrage der kleinen osteuropäischen Länder stärken?

Hagen: All diese Länder haben sich nach dem Zerfall des kommunistischen Comecon (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, Anm.) 1991 schlagartig Richtung Westen orientiert. Das war für die Qualität ihrer Produkte extrem wichtig, da sich damit auch die Exportchancen verbessert haben. Die Frage ist aber, ob sie sich gerade jetzt nicht wieder mehr auf ihre eigene Region konzentrieren sollten. Polen hat sich am eigenen Schopf aus dem Konjunktursumpf gezogen. Warum nicht die gesamte Region? Und das sind ja immerhin 180 Millionen Menschen. Da ist ein enormes Potenzial, aus dem Wachstum entstehen kann.

Die einzelnen Regierungen lockern deshalb gerade ihre Sparbestrebungen.

Hagen: Selbst der Internationale Währungsfonds hat ja unlängst in einer neuen Studie bekannt gegeben, dass er die Wirtschaftsimpulse, die aus Ausgaben des Staates entstehen, unterschätzt hat. Er hat verkannt, um wie viel das BIP zurückgeht, wenn die Staatsausgaben zurückgenommen werden müssen.

Aber die Regierungen aller Länder Europas müssen derzeit sparen.

Hagen: Man darf aber den Menschen nicht nur einfach den Gürtel enger schnallen. Man muss ihnen auch eine Perspektive geben, wann der Gürtel einmal wieder gelockert werden kann. Das verstehen mittlerweile auch die meisten Politiker und internationalen Institutionen.

Wie stark ist die VIG in Polen gewachsen?

Hagen: Wir sind entsprechend unserer Mehrmarkenstrategie mit einer ganzen Reihe von Gesellschaften in Polen vertreten und die Nummer drei am Markt. 2005 waren wir noch irgendwo. Wir haben uns in den vergangenen Jahren aber extrem verbessert.

Welches CEE-Land ist Ihre Nummer eins?

Hagen: Vom Umsatz und Ertrag her ist das Tschechien. Unser Konzern kommt in Polen bei den Prämien aber Tschechien schon sehr nahe. Am Ertrag müssen sie noch arbeiten. Es gibt nur zehn Millionen Tschechen, aber 38 Millionen Polen, irgendwann einmal wird Polen die Nummer eins innerhalb unseres Konzerns sein.

Wie ist die Situation in Tschechien?

Hagen: Seit den letzten ein bis zwei Jahren ist ein klares Krisenbewusstsein da. Das ist natürlich auch noch politisch begründet, durch eine sehr instabile Situation der Regierung. Die Regierung könnte alle zwei Monate scheitern. Wirtschaftlich mache ich mir keine Sorgen um das Land. Das wirklich Schwierige ist die politische Situation.

Korruption ist ja in Tschechien ein großes Thema.

Hagen: Themen wie Korruption, die die Bevölkerung schon lange beschäftigt haben, werden jetzt aufgegriffen. Es wird bei der Bekämpfung der Korruption auch nicht vor höchsten Repräsentanten des Staates Halt gemacht. Das ist gut so. Das Paradoxe ist, dass mit der nunmehr verstärkten Aufdeckung plötzlich das Gefühl entsteht, dass es heute mehr Korruption gäbe als früher. Und das führt in der Bevölkerung zu zusätzlicher Politikverdrossenheit.

In Ihrem drittwichtigsten Markt, der Slowakei, ist die politische Situation nun wieder stabiler. Die wirtschaftliche auch?

Hagen: Die Slowakei ist ein bedeutender Staat in Osteuropa, der im Übrigen gegenwärtig politisch wesentlich stabiler ist als Tschechien. Und der auch wirtschaftspolitisch - unabhängig von der Farbe der Regierung - einen sehr vernünftigen Kurs fährt. Egal ob früher die eher Konservativen und jetzt die Sozialdemokraten - man hat den Eindruck, da sind vernünftige Leute am Werk.

Das kann man von Serbien nicht gerade behaupten.

Hagen: Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen - Politik überlassen wir anderen. In der Hoffnung, dass die das besser können. Aber grundsätzlich ist Serbien ein Teil Europas, und deshalb sollte das Land auch Mitglied der Europäischen Union werden. Natürlich gibt es nationalistische Tendenzen. Andere Länder verbergen die vielleicht ein wenig geschickter.

Sie meinen Slowenien?

Hagen: Auch Slowenien ist nicht frei von Nationalismus. Das ist in keinem dieser Länder der Fall. Das muss man auch verstehen. Das sind junge Länder, die ihre Identität erst definieren. Und dazu gehört auch, dass man sich von anderen abgrenzt. Und dann muss man sich von einem blinden Nationalismus zu einem gesunden Patriotismus weiterentwickeln.

Verunsichern solche politische Aktionen nicht ausländische Investoren?

Hagen: Wenn man sich die drei großen Wachstumsregionen der Welt - Südamerika, Asien und Osteuropa - ansieht, hat man bei all diesen drei ein einziges Gebiet, das von einem supranationalen Regelwerk erfasst ist: nämlich den zentral- und osteuropäischen Raum im Rahmen der Europäischen Union. Das heißt, es gibt einen gewissen Investitionsschutz. Das ist eines der wesentlichsten Argumente für den gesamten CEE-Raum: Er ist nicht nur ein Wachstumsmarkt, sondern versucht sich auch einem einheitlichen Regelwerk anzupassen.

Wie wichtig ist der EU-Beitritt der CEE-Länder für die VIG?

Hagen: Man darf die Entwicklung und unser Engagement im CEE-Raum nicht so kurzfristig sehen. Und das Projekt Europäische Union ist ja auch nicht nur für zwei oder drei Jahre angelegt. Das ist ein Jahrhundertprojekt. Und man sollte bei aller berechtigten Kritik an der EU nicht vergessen, dass sie ursprünglich und wesentlich ein Friedensprojekt ist. Und diesbezüglich ist sie doch ziemlich erfolgreich: Wann in der Geschichte hat es eine so lange Periode des Friedens zwischen jenen Staaten gegeben, die jetzt EU-Mitglieder sind?

Trotz Ihrer Euphorie: Das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche prophezeit dem Osten ein schwieriges Jahr.

Hagen: Wenn man die Analysen genau liest, sind die bei weitem nicht so dramatisch. Tschechien wird 2013 Wachstum aufweisen. Natürlich zeigen einige Indikatoren nach unten. Aber diese Länder unterliegen einer anderen Form von Treibern, wie wir sie aus dem Westen kennen. Der Motivationsgrad der Menschen im Osten ist gewaltig. Die Leute wollen einfach ihre wirtschaftliche Situation verbessern und Wohlstand schaffen. Und das ist die Triebfeder der Märkte im Osten.

Zur Person: Peter Hagen, 53, ist seit Juni 2012 Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Vienna Insurance Group, der größten Versicherungsgruppe Österreichs. Hagen studierte Rechtswissenschaft und trat 1989 in das Unternehmen ein. Im Jänner 1998 wurde er Leiter des Internationalen Bereichs und Vorstand der zum Konzern gehörenden tschechischen und slowakischen Kooperativa-Versicherungen. 2009 wurde er Generaldirektor-Stellvertreter der Vienna Insurance Group.

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