Der Millionär als Bauer und Banker

Hans Jörg Schelling will als neuer Aufsichtsratspräsident der ÖVAG die Vergangenheit auf strafrechtliche Verfehlungen untersuchen und als Winzer Goldmedaillen sammeln.

Hans Jörg Schelling blickt irritiert auf die Wand im Atrium der ÖVAG-Zentrale. Die wilden Striche des Künstlers Otto Zitko auf dem 4.000 Quadratmeter großen Wandgemälde sollen "die Auflösung der Dritten Dimension“ darstellen. Das ist der Bank, die heuer dank eines Verlustes von 1,35 Milliarden Euro teilverstaatlicht werden musste, wahrlich gut gelungen. "Heute würde man das Bild vielleicht nicht mehr dort machen“, feixt Schelling lachend. Dafür soll er jetzt als Aufsichtsratspräsident die maroden Dimensionen des Finanzinstitutes wieder zusammenführen. Kann er das?

Nach Meinung von Finanzministerin Maria Fekter absolut. Sie hatte Schelling gegen den Willen der SPÖ, die Gertrude Tumpel-Gugerell an die Spitze des Kontrollgremiums der ÖVAG setzen wollte, durchgesetzt. Auch in der ÖVAG selber ist man von ihm überzeugt. "Schelling hat als Manager im Möbelhandel seine Fähigkeiten bewiesen“, sagt der Betriebsratsobmann der ÖVAG Hans Lang, der auch im Aufsichtsrat der Bank sitzt - mit einem leise kritischen Nachsatz: "Aber jetzt müssen wir auch bei der ÖVAG Taten sehen.“ Auch Christoph Leitl, Präsident der WKO, deren Vizepräsident Schelling ist, streut ihm Rosen: "Schelling hat bei der Reform der Wirtschaftskammer überzeugende Schritte gesetzt und den Hauptverband aus den roten Zahlen gebracht. Er ist für die ÖVAG der richtige Mann.“

Und wie beurteilt Schelling, der noch nie in einer Bank gearbeitet hat und sich deshalb bei der Finanzmarktaufsicht einem Eignungstest unterziehen muss, selber seine Qualifikation als oberster Kontrollor der ÖVAG? "Mein Leumundszeugnis für die FMA habe ich schon beschafft“, sagt Schelling mit feiner Ironie. Und weiter: "Das Wichtigste ist, mich reizt die Aufgabe, und ich habe die dafür notwendige Unabhängigkeit.“

Schellings Unabhängigkeit besteht darin, dass er für seine Tätigkeiten kein Gehalt bezieht - oder zumindest nur sehr wenig. Für seinen Job als Vorsitzender des Verbandsvorstandes im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger erhält er eine Aufwandsentschädigung von rund 3.000 Euro zwölfmal im Jahr. Und die Aufsichtsratsentschädigung bei der ÖVAG wird für einen zweifachen Familienvater, der Kochen, Golfen und Segeln als Freizeitbeschäftigungen liebt, einen Zweitwohnsitz am Attersee und ein Weingut gepachtet hat, auch nicht ganz ausreichen. "Ich kann es mir leisten“, sagt Schelling, "Entscheidungen zu treffen, die nur ich für richtig erachte.“

Die finanzielle Unabhängigkeit hat sich Schelling in seinem früheren Leben als Möbelmanager geschaffen. Er begann seine berufliche Laufbahn 1981 bei der Leiner/Kika-Gruppe. 1988 wurde er dort Geschäftsführer, und alles lief gut, bis er sich mit Herbert Koch, der als Schwiegersohn des Gründers Rudolf Leiner ebenfalls aktiv und erfolgreich in der Unternehmensführung tätig war, überwarf. Schelling ging, wurde 1992 Geschäftsführer beim damals noch unbedeutenden Möbel Lutz und kündigte an, das Unternehmen zur Nummer eins in Österreich zu machen. Die Branche lachte. Die Eigentümer von Möbel Lutz, die Brüder Richard und Andreas Seifert, nahmen Schelling jedoch ernst und beteiligten ihn mit 12 Prozent am Unternehmen.

2003 wurde die XXXLutz-Gruppe mit einem Umsatz von 1,25 Milliarden Euro das größte Möbelhaus Österreichs. 2009 erreichte das Unternehmen einen Umsatz von zwei Milliarden Euro und wurde hinter Ikea zum zweitgrößten Möbelhaus der Welt. Jetzt war die Zeit reif. Schelling stieg aus, verkaufte seine Anteile an die Seiferts und lachte als Letzter.

Warum aber tut sich jemand, der über ein Vermögen in der Höhe eines beträchtlichen zweistelligen Millionenbetrags verfügt, Aufgaben wie die des Vizepräsidenten der Wirtschaftskammer Österreich, politische Mandate auf Bundes- und Landesebene, seine Funktion im Hauptverband und jetzt eben den Aufsichtsratsvorsitz in der ÖVAG an? Geltungsdrang? Lust am Spiel mit der Macht? "Er gestaltet gern, wirklich sehr gern“, sagt Prälat Maximilian Fürnsinn, Propst des Stiftes Herzogenburg, dessen Weingut Schelling gepachtet hat. "Er macht alles, egal ob im Weingarten oder seine Aufgaben im Hauptverband oder bei der ÖVAG, immer hundertprozentig.“

Hans Jörg Schelling - ein Multifunktionär und Heiliger?

Nicht wirklich. Noch als Geschäftsführer der XXXLutz-Gruppe lieferte er sich einen veritablen Rechtsstreit mit dem damaligen Bürgermeister von Tulln, Willi Stift, der Schelling vorwarf, in einer Nachbargemeinde einen Möbel-Lutz-Markt unter Verletzung der Bebauungsbestimmungen errichtet zu haben. Und Schelling wurde auch schon strafrechtlich verurteilt. Gemeinsam mit der heutigen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner warf er 2001 dem damaligen St. Pöltener SP-Bürgermeister Willi Gruber vor, ein Geburtstagsfest aus der Parteikasse bezahlt zu haben. Das Fest wurde zumindest nachträglich privat beglichen, aber Schelling wegen Verleumdung verurteilt.

Auch bei der ÖVAG wird Schelling Härte zeigen: "Ich werde eine Arbeitsgruppe zur lückenlosen Aufarbeitung der Vergangenheit einsetzen. Sämtliche Organbeschlüsse werden überprüft, und bei Verfehlungen werden die entsprechenden Personen zur Verantwortung gezogen.“

Das Spitzeninstitut der Volksbanken hat sich durch den Kauf der Investkredit, durch Engagements in Osteuropa und die Abwicklung riskanter Derivatgeschäfte an den Rand der Pleite gebracht. Erst durch einen Kapitalschnitt um 70 Prozent, den Einstieg der Republik mit 43 Prozent sowie die Übernahme der Haftungen der 62 Volksbanken, die nun 51 Prozent an der ÖVAG in einem Verbundmodell halten, konnte die ÖVAG gerettet werden.

Der wichtigste Schritt, den Schelling für die Zukunft der ÖVAG setzen muss, ist, einen neuen Vorstand zu finden. Der Ex-Bawag-Vize Stephan Koren wurde zwar schon des Öfteren als Wunschkandidat von Finanzministerin Fekter genannt, doch Schelling hat mit ihm noch keine Gespräche geführt. Er will zunächst auf Vorschläge des Beratungsunternehmens Korn/Ferry warten und erst dann einen ersten Zwischenbericht vorlegen. Ob Koren sich diesem Prozedere unterziehen will, ist fraglich. Außerdem wird ihm Interesse an einem Posten in der Oesterreichischen Nationalbank nachgesagt.

Die ÖVAG wird in der Zwischenzeit von einem Interimsvorstand geführt. Wichtige Entscheidungen werden jedoch nicht getroffen. Betriebsratsobmann Lang: "Die Zeit drängt.“ Schelling will die Entscheidung für die Führung der Volksbank und deren Zukunft aber gründlich aufbereiten: "Wir brauchen die fähigsten Köpfe. Die Aufgabe der ÖVAG sehe ich als die eines klassisches Spitzeninstitutes für die in der Mittelstandsfinanzierung starken österreichischen Volksbanken.“ Die Sanierung der ÖVAG bis zum Jahr 2017, in dem sich der Bund wieder zurückzieht, wird für einen neuen Vorstand ein beinharter Job.

Schellings Zukunft ist seit 2009 klar. Vor drei Jahren begann sein zweites Leben: der Verkauf seiner Anteile an XXXLutz, die Pacht des Weingutes vom Stift Herzogenburg und eine neue Ehe. Sein Lebensmittelpunkt ist Sankt Pölten, große gesellschaftliche Auftritte in Wien meidet er, kocht stattdessen leidenschaftlich für Freunde auf und serviert seinen eigenen Wein. Prälat Fürnsinn: "Er ist für das Stift ein Glücksfall. Er hat unheimlich viel Geld in die Sanierung und den Ausbau der Kellertechnik und der Weingärten gesteckt.“ Seither werkt Schelling in seinem Weingut, liefert den Wein selber aus, macht selber die Kellertouren. War’s das, der Weg vom Millionär zum Bauern und Banker, oder plant er noch einen Schritt in Richtung Politik? "Nein“, sagt Schelling, "mein Ziel ist, für meinen Wein Prämierungen zu bekommen und im Alter ein richtig knorriger Weinbauer zu werden.“

Zur Person: Hans Jörg Schelling wurde 1953 in Hohenems geboren. Sein BWL-Studium in Linz schloss er mit dem Doktorat ab. Während seiner Managertätigkeit für Kika/Leiner und Möbel Lutz war er auch im Aufsichtsrat von Palmers (bis 2003), der Telekom Austria (bis 2007) und der Österreichischen Post AG (bis 2007) tätig. Von 2007 bis 2008 war er Abgeordneter der ÖVP im Nationalrat.

- Thomas Martinek

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff