Der neue Magna-Europa-Chef Günther Apfalter im 1. Interview nach Amtsantritt

Günther Apfalter, neuer Boss von Magna Europe, verrät in seinem ersten Interview seit seinem Amtsantritt, welche neuen Aufträge winken und welche Pläne er hat.

Günther Apfalter, 50, ist der Nachfolger von Magna-Europe-Boss Siegfried Wolf. Der Linzer ist bereits seit November 2007 Präsident von Magna Steyr und Aufsichtsratsmitglied der Magna Powertrain Gruppe. Sein Reich ist groß: Magna Europe entwickelt und fertigt in 15 Ländern mit 33.000 Mitarbeitern an 123 Standorten Autos und Komponenten. Magna Steyr mit Hauptsitz in Graz entwickelt und produziert weltweit im Auftrag anderer Hersteller ganze Autos (Mini Countryman, Aston Martin Rapide, Peugeot RCZ, Mercedes-Flügeltürer). 2011 soll der Umsatz des drittgrößten Autozulieferers der Welt mit Zentrale in Kanada für Magna Europe rund acht Milliarden Euro ausmachen. Der Umsatz wuchs teils zweistellig.

FORMAT: Seit Sie nach dem Abgang von Siegfried Wolf bei Magna Europe das Steuer übernommen haben, hat sich auch formal einiges geändert. Firmengründer Frank Stronach hat im Sommer seine Stimmrechtsmehrheit verkauft und ist bei Magna nur noch Aufsichtsratspräsident. Und es gibt nicht mehr zwei Konzernchefs. Die Konzernleitung sitzt jetzt ausschließlich in Kanada. Welchen Einfluss haben diese Änderungen auf das Europageschäft?

Apfalter: Auf den Stellenwert des Europageschäfts haben die personellen Veränderungen keine Auswirkung. Unser Anteil macht fast 40 Prozent des Volumens aus. Europa bleibt damit ein wichtiges Standbein. Schließlich haben viele Hersteller hier ihren Sitz.

FORMAT: Hat sich seit dem Verkauf der Mehrheit von Stronachs Stimmrechtsanteilen und seinem Wechsel in den Aufsichtsrat sein Arbeitspensum verringert?

Apfalter: Frank ist nach wie vor intensiv da. Er teilt seine Arbeitszeit wie bisher zwischen Kanada und Europa auf. Wenn er hier ist, hat er immer gute Ideen und fordert einen als Sparringspartner zum Gespräch.

FORMAT: Gute Ideen sind gefragt, stocken doch viele Autohersteller derzeit ihr Budget für Forschung und Entwicklung massiv auf. Gelingt es da einem Zulieferer wie Magna, der wie die Hersteller etwa an Antriebstechniken oder Methoden der Leichtbauweise forscht, Schritt zu halten?

Apfalter: Wir sind nicht die Konkurrenten unserer Kunden, sondern entwickeln mit ihnen gemeinsam neue Techniken. Aber es ist wichtig, dass man bei gewissen Techniken die Nummer eins ist, wie wir es etwa weltweit bei Allradsystemen sind. In Europa sind wir es bei der Auftragsentwicklung und -fertigung von Autos.

FORMAT: Haben Sie derzeit einen speziellen Forschungsschwerpunkt?

Apfalter: Mehrere. Die Leichtbauweise ist einer davon. Die werden wir auch am Genfer Autosalon im März präsentieren. So haben wir gemeinsam mit Aston Martin für den Rapide und bei Mercedes für den AMG jeweils spezielle Leichtbautechniken entwickelt.

FORMAT: Im Vorjahr hat Magna International 900 Millionen Dollar investiert, 40 Prozent in Europa. Werden Sie Ihr Investitionsvolumen ebenfalls erhöhen?

Apfalter: In den vergangenen Jahren waren sie ähnlich hoch. Europa bleibt ein wichtiger Kernmarkt, in dem wir weiter investieren. Der Grad der Investitionen hängt unter anderem von den Produktanläufen ab.

FORMAT: Wie viele solcher Produktneuheiten erwarten Sie heuer?

Apfalter: Das lässt sich schwer abschätzen, aber das Jahr läuft bereits gut an. Im Vorjahr haben wir mit dem Bau von vier neuen Automodellen begonnen, so viel wie noch nie in einem Jahr.

FORMAT: 2011 haben Sie bereits einen Großauftrag an Land gezogen und erweitern jetzt das Werk in Lannach.

Apfalter: Die Nachfrage eines großen deutschen Kunden, der in Asien hohe Stückzahlen verkauft und unser Allradsystem benötigt, hat diese Investition notwendig gemacht.

FORMAT: Große Aufträge wie früher der Jeep Grand Cherokee von Chrysler und der BMW X3 fehlen derzeit allerdings. Wie stehen die Chancen, die Kapazitäten wieder kräftig auszuweiten?

Apfalter: Als wir den Auftrag für den X3 bekommen haben, hat auch niemand geahnt, dass die Nachfrage so groß sein wird. Beim Mini Countryman, den wir seit September in Graz fertigen, liegen die Verkäufe beispielsweise schon deutlich über den Erwartungen.

FORMAT: BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Draeger hat angekündigt, ab Ende 2012 auch den Mini Paceman bei Magna Steyr in Graz fertigen zu lassen.

Apfalter: Das zu lesen freut uns sehr, aber ich bitte Sie um Verständnis, dass wir noch nicht mehr dazu sagen können.

FORMAT: Auch Opel soll trotz der gescheiterten Übernahme Ihr Know-how in Anspruch nehmen wollen. Sie sollen den Auftrag für die Entwicklung des neuen Opel Calibra Cabrios erhalten haben.

Apfalter: Wir hatten schon bislang eine intensive Zusammenarbeit mit Opel und hoffen, sie weiter auszubauen.

FORMAT: Der russische Autohersteller Gaz ist ein wichtiger Kunde von Magna Steyr in Russland. Jetzt ist Wolf Chef von Russian Machines, zu dessen Konzern auch Gaz gehört. Haben Sie schon neue Geschäfte mit ihm eingefädelt?

Apfalter: Wir arbeiten daran, in Russland neue Aufträge abzuschließen, Wolf wird dabei sicher eine wichtige Rolle spielen. Aber auch Hyundai, GM, VW und Nissan sind in Russland wichtige Kunden für uns.

FORMAT: Ein Hoffnungsträger ist auch die 2010 von Stronach gegründete Elektrosparte E-Car Systems. Gibt es schon Kunden?

Apfalter: Wir sind noch in Verhandlungen. Aber Stronach widmet sich intensiv diesem Thema.

FORMAT: Der Spatenstich für ein Batteriewerk für Elektroautos, für das auch das Burgenland als Standort im Gespräch war, muss also noch warten?

Apfalter: Es gibt noch keine Entscheidung. Zusätzlich verfügt Magna schon bisher über eine eigene Sparte, die sich mit alternativen Antrieben beschäftigt. So produzieren wir für Volvo-Lkws Hybridbatterien.

FORMAT: Magna-Konzernchef Walker hat angekündigt, 2011 größere Restrukturierungen vorzunehmen. Er will Kosten senken, die seiner Ansicht nach vor allem in Europa zu hoch sind. Wie konkret sehen die Pläne, dieses Vorhaben umzusetzen, aus?

Apfalter: Es ist ganz normal, dass sich bei Produktanläufen, wie wir sie etwa im Vorjahr in Europa hatten, höhere Kosten ergeben. Magna in Übersee wächst derzeit vor allem bei angestammten Produkten wie SUVs und Pick-ups stark. Da sind auch die Kosten entsprechend geringer. Dennoch haben wir noch Einsparpotenzial.

FORMAT: Walker erklärte, Anfang 2011 soll ein Plan vorliegen, wo und wie restrukturiert werden muss.

Apfalter: Der ist gerade im Entstehen. Derzeit wird jeder Stein umgedreht. Ich habe Walker gerade drei Wochen durch 25 unserer europäischen Werke begleitet. Es geht dabei nicht um Werksschließungen, sondern um Optimierungen. Das ist aber ein ständiger Prozess bei Magna.

FORMAT: Magna Steyr ist auch in Schwellenländern wie China oder Indien tätig. Können Sie sich vorstellen, dort auch komplette Autos zu bauen?

Apfalter: Das ist im Bereich des Möglichen. Es gibt Gespräche, und wir werden sehen, ob sich das realisieren lässt.

FORMAT: Sie arbeiten in Asien mit lokalen Zulieferern zusammen. Haben Sie keine Angst, dass sie Ihre Produkte kopieren?

Apfalter: Man muss sowieso immer aufpassen, aber das sind wir gewohnt. Wenn wir etwa in einem Werk für fünf Kunden mehr oder weniger dasselbe Produkt herstellen, müssen wir die Eigenheiten des jeweiligen Produkts des Kunden schützen. So ist bei allen Fertigungen strikte Geheimhaltung und Trennung zwischen den Kunden oberstes Gebot.

FORMAT: Wo sehen Sie in Asien neben China und Indien derzeit noch Aufholpotenzial?

Apfalter: Etwa in Thailand und Malaysia. Dort sind wir jetzt mit Standorten vertreten. Generell ist Asien ein wichtiger Wachstumsmarkt für unser Unternehmen.

Interview : Anneliese Proissl

Mit Apfalter übernimmt ein Manager das Ruder, der seit dem Abschluss des Studiums für Agrarökonomie 1985 in der Autobranche tätig ist. Zunächst als Verkaufsleiter für Traktoren bei der damaligen Steyr-Daimler-Puch AG in St. Valentin. 1995 wurde er Chef des Landmaschinenherstellers Case Steyr und vier Jahre später Vizepräsident von Case für West- und Zentraleuropa. Seit zehn Jahren ist er für Magna tätig. 2007 wurde Apfalter zum Präsidenten von Magna Steyr bestellt und ist in dieser Funktion, die er auch weiter ausübt, für 9.000 Mitarbeiter verantwortlich.

Berühmter Vater

Auch sein Vater, Heribert Apfalter, war als Chef der Voest-Alpine bis Mitte der 80er-Jahre ein wichtiger Mann in der heimischen Wirtschaft. Waffengeschäfte der Voest-Tochter Noricum und Spekulationsverluste der Tochter Intertrading zwangen den gesamten Vorstand zum Rücktritt. Er galt als brisanter Zeuge, daher gab sein plötzlicher Herztod 1987 Anlass zu heftigen Spekulationen.

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