Der Kreislauf des Grauens

In seiner Doku "Behind the Screen“ beleuchtet der Filmemacher Stefan Baumgartner die Wertschöpfung in der PC-Branche. Das Ergebnis ist ein Lehrstück über den Zynismus der Globalisierung.

Kein Konzern bringt die Augen von Börsianern und Konsumenten gleichermaßen zum Strahlen wie Apple. 80 Millionen Stück verkauften sie vom neuen iPad - an einem einzigen Wochenende Mitte März.

Kalt lassen solche Rekorde auch den Salzburger Stefan Baumgartner nicht. Kultprodukte wie das iPad berühren allerdings eher die negative Seite von Baumgartners emotionaler Skala. Der Filmemacher hat sich in den vergangenen zwei Jahren intensiv mit den Schattenseiten der globalen Computerindustrie auseinandergesetzt. Für seinen Film "Behind the Screen“, der gerade auf den ersten Festivals Premiere feiert, ist der Salzburger mit seinem Team um die halbe Welt gereist, zu jeder Station im Wertschöpfungsprozess eines Computers: vom Abbau der Rohstoffe über die Fließbandfertigung bis zum digitalen Massengrab. "Wir wollten den Lebenslauf eines globalen Produktes verfolgen“, sagt der Filmemacher. Mit der glitzernden Welt der Gadgets, die uns Marketingstrategen vorgaukeln, hat Baumgartners Doku allerdings nichts zu tun; sie zeigt eine hochgetaktete Industrie, die Mensch und Natur gleichermaßen schonungslos ausbeutet.

Die Goldküste

Baumgartners Reise beginnt am Südwestzipfel Ghanas, des afrikanischen Staates, der zu den größten Goldproduzenten der Welt gehört. Die hohe Leitfähigkeit und Korrosionsbeständigkeit machen das glänzende Metall zum gefragten Rohstoff für die Elektronikindustrie - diese ist mit zehn Prozent der globalen Produktion einer der Hauptabnehmer.

Ato Assel Amuaful hat davon nichts, er ist das letzte Glied in der Kette globaler Rohstoffbeschaffung. Amuaful ist ein "Galamsey“, ein illegaler Kleinstschürfer, von denen es Hunderttausende gibt in Ghana. Von morgens bis nachts wühlt Amuaful buchstäblich im Schlamm, ein winziger Krümel des Edelmetalls ist das Produkt eines ganzen Tages Schwerarbeit, umgerechnet 35 Euro sein gesamter Monatsverdienst. "Das reicht nicht einmal für mich allein“, sagt Amuaful, dem trotzdem nichts anderes übrig bleibt. Früher hat er als Bauer gearbeitet, wie fast jeder dort. Früher, das war, bevor der südafrikanische Goldproduzent AngloGold Ashanti, einer der größten Minenbetreiber der Welt, dort in großem Stil mit dem Abbau des begehrten Rohstoffs begonnen hat.

Gold-Bergbau ist ein schmutziges Geschäft, besonders in Ghana, wo das Metall nicht in der Tiefe, sondern, ähnlich wie im Braunkohle-Bergbau, überwiegend an der Oberfläche gewonnen wird. Um das Gold aus dem Gestein zu lösen, wird Zyanid eingesetzt, eine hochgiftige Substanz, die ehemals fruchtbares Ackerland ebenso verseucht zurücklässt wie das Grundwasser.

Auch das Management von AngloGold Ashanti ist sich dieser Problematik bewusst, schon vor über einem Jahrzehnt wurde deshalb die Initiative "Land for Land“ ins Leben gerufen. Betroffenen soll damit die Umsiedlung in andere, landwirtschaftlich nutzbare Gebiete ermöglicht werden. "Passiert ist seither aber nicht das Geringste“, erzählt Baumgartner, der selbst an Verhandlungen zwischen der Bevölkerung und dem Minenbetreiber teilgenommen hat.

Der Auftragsfertiger

Über Händler im ghanaischen Goldschürferstädtchen Tarkwa gelangt das Edelmetall schließlich in die PC-Produktion. Etwa zu Foxconn, dem mit über einer Million Beschäftigen größten Auftragsfertiger der IT-Industrie weltweit. Ob Platinen für Intel oder gleich verkaufsbereite Endgeräte für Branchenschwergewichte wie Dell und HP, an dem Riesen aus Taiwan kommt im Elektronikbusiness keiner mehr vorbei.

Ins Gerede gekommen ist Foxconn spätestens im vorvergangenen Jahr, als sich eine Reihe von Arbeitern im chinesischen Foxconn-Werk Shenzen das Leben nahmen und damit die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Unternehmen in den Fokus rückten. Eine mittlere Katastrophe war das auch für Apple, die iPhone und Co ebenfalls von Foxconn bauen lassen.

So wie im tschechischen Pardubitz, 100 Kilometer östlich von Prag. Hier laufen Apples iMacs für den europäischen Markt vom Band. Gemessen an Exportvolumen und Ertrag, ist Foxconn unter den Top 3 in Tschechien, was das Unternehmen aber nicht daran hindert, die Arbeitsschutzbestimmungen äußerst großzügig auszulegen. Das belegen Gespräche, die Baumgartner mit Janko und Altan geführt hat, Foxconn-Beschäftigten, die aus Angst vor Repressalien nur unter Pseudonym auftreten. Beide sind Migranten, beide schuften sechs Tage die Woche in Zwölfstundenschichten am Fließband. "Immer wieder brechen Arbeiter ohnmächtig zusammen“, kommentiert Janko die Situation in den Fertigungshallen.

Foxconn-Leiharbeiter aus dem Ausland - im Jahr 2009 lag ihre Quote bei 58 Prozent - haben es besonders schwer. Sie werden über Agenturen in ihren Heimatländern angeheuert, lassen sich locken von dem vermeintlich großen Geld in Tschechien. Gerne greift Foxconn dabei auf Arbeitskräfte aus weit entfernten Staaten zurück, allen voran Vietnam oder die Mongolei.

Einer Branchenuntersuchung zufolge lassen sich die Agenturen das nicht nur von ihren Auftraggebern, sondern auch von den künftigen Arbeitskräften bezahlen, Beträge von bis zu 9.000 US-Dollar für einen Job in Osteuropa sind dabei keine Seltenheit. Diese dürfen sie dann abarbeiten, zu Stundenlöhnen von knapp über zwei Euro netto. Urlaub gibt es für solche Lohnsklaven keinen. Wer krank ist, verliert erst seinen mageren Bonus, wer krank bleibt, fliegt.

Aus Sicht der Computerbranche machen solche Arbeitsverhältnisse Sinn: Die bekannten Marken entledigen sich durch Auslagerung ihrer Produktionsrisiken, Fertiger wie Foxconn eben ihrer Arbeitgeberrisiken. Wird mehr oder weniger geordert, müssen eben Überstunden geschoben werden oder Leiharbeiter das Unternehmen verlassen. Das Risiko trägt in jedem Fall der Beschäftigte.

Das Endlager

Der Film endet am selben Ort, wo er begonnen hat: in Ghana. Wieder geht es um wertvolle Rohstoffe, diesmals allerdings jene, die ausrangierten Computern vor dem endgültigen Exitus noch abzutrotzen sind. Täglich landen in Ghanas wichtigster Hafenstadt Tema Schiffe aus den Industriestaaten, deren Fracht als "Spende“ oder "Secondhand-Ware“ deklariert ist. "Hochgiftiger Zivilisationsmüll“ wäre die treffendere Bezeichnung, denn die angelieferten Computer und Fernseher sind schrottreif und stecken voller toxischer Schwermetalle wie Blei oder Quecksilber. Da aber der Export von giftigen Abfällen nach der Genfer Konvention seit 1989 verboten ist, benennen rücksichtslose Geschäftemacher ihre Fracht einfach um. Am leichtesten geht dies in Staaten wie den USA, die das Genfer Abkommen wohlweislich nicht unterzeichnet haben. Doch auch in Europa gibt es noch schwarze Schafe, die innereuropäische Rücknahme- und Entsorgungspflichten zu umgehen wissen.

Nach einer Studie der Vereinten Nationen wächst der weltweite Elektronikschrottberg um 40 Millionen Tonnen im Jahr, Tendenz: stark steigend. Die Entsorgungs- und Aufbereitungskapazitäten in den Industrieländern können damit nicht Schritt halten. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnten sich deshalb die afrikanischen E-Schrott-Importe verachtfacht haben, schätzen Experten.

Nach ihrer Ankunft im Hafen wandern die ausgedienten Computer und Fernseher zu Händlern, die die wenigen noch funktionstüchtigen Geräte aussortieren und weiterverkaufen. Der Rest landet in Agbogbloshie, einem der Endlager des Informationszeitalters. "Das war der mit Abstand gespenstischste Teil des Drehs“, erinnert sich Baumgartner, "giftige Dämpfe wabern aus dem Boden, immer wieder liegen Menschen wie tot inmitten des Mülls.“

40.000 Menschen sollen es sein, die hier Abfall zertrümmern, die auf kleinen Scheiterhaufen Kabel abbrennen, um an das begehrte Kupfer zu gelangen. "Viele davon sind Kinder“, sagt der Umweltaktivist Mike Anane, "und nur wenige werden ihr zwanzigstes Lebensjahr erreichen.“

Auch wenn die zynischen Seiten der globalen Computerindustrie immer wieder thematisiert werden - vom Kauf des neuesten Trendproduktes werden sich die wenigsten abhalten lassen. Und doch sind sie, ohne es zu wissen, das letzte Glied in der Kette, sagt Elektroschrott-Expertin Claudia Sprinz von Greenpeace: "Die Giftstoffe von den Müllkippen gelangen ins Meer und damit ins Fettgewebe der Fische - Speisefische, die wieder auf den Tellern der Industrieländer landen.“

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- Arndt Müller

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