Der einstige Internet-Flohmarkt wird zum Online-Super-Markt umgebaut

Umbau zum Super-Markt: Aus dem Internet-Auktionshaus eBay soll eine Mischung aus Amazon und Walmart entstehen.

Jascha Ostermann ist einer von ihnen. Der Besitzer des Ostermann Konsolenshops in Gaaden bei Mödling lebt von seinen eBay-Verkäufen. „Mir geht’s gut bei eBay“, sagt er – „eigentlich.“ Ostermann stieß 2005, zur eBay-Hochblüte, dazu. Seither ist er vor allem bei Gamern bekannt, weil er Einzelteile für die PS3 und die Xbox verkauft. 20.000 Euro setzte er in guten Monaten um, das allermeiste verschickt er nach Deutschland. Ostermann sagt „eigentlich“, weil Menschen bei eBay kaum noch erreichbar sind. Betreuer für sogenannte Powerseller wie ihn gibt es nicht mehr. Früher gab es sogar Veranstaltungen. Jetzt kann er nicht einmal mehr eine E-Mail schreiben, wenn etwas anfällt. Zuerst muss er sich mit einem Kontaktformular herumschlagen. „Das ist schon mühsam“, so Ostermann.

Als Langzeitchefin Meg Whitman beim Auktionsriesen eBay noch die Zügel in der Hand hielt, soll sie gesagt haben: „Ein Affe könnte diesen Zug steuern.“ eBay war das Online-Auktionshaus mit dem Superwachstum. Es bot das Verkaufserlebnis eines globalen Flohmarktes. Man konnte Waren über Tage hinweg beobachten, mitbieten, letztlich zuschlagen. eBay war die erste soziale Einkaufserfahrung im jungen Web.

Whitman kam 1998 zu eBay, als das kalifornische Startup gerade einmal 30 Angestellte zählte. 2008 übergab sie das Ruder an John Donahoe. Seither kommen eBay Größe und Gier in die Quere. Der Riese wirkt behäbig und arrogant. Vor allem Verkäufer werfen dem Unternehmen vor, sich auf die Interessen seiner Shareholder zurückzuziehen und die Community zu vergessen: die kleinen Verkäufer, die den Marktplatz lebendig halten.

Dass es mit dem Kundenservice nicht mehr weit her ist, weiß auch Alex Monroe. Der Amerikaner ist seit 2000 mit dabei, bis zuletzt als Powerseller. Doch das bedeutet nicht mehr viel, sagt er, die hätten ihm gar nicht erst zugehört. Einer von Monroes Kunden meldete, dass ihn ein 500-Dollar-Produkt zerbrochen erreicht habe, allerdings erst sieben Tage nach Auslieferung des Packerls. Weitere sieben Tage vergehen, bis eBay aktiv wird. Bis dahin ist die Garantie, die der Postdienst UPS auf seine Pakete bietet, abgelaufen. eBay rät Monroe, dem Kunden die 500 Dollar zu refundieren. Monroe hat kein Produkt mehr und muss 500 Dollar berappen, obwohl er sämtliche von eBay empfohlenen Schritte befolgte, inklusive Paketversand mit Trackingnummer. Erst als er den Vorfall auf Twitter thematisiert, meldet sich ein eBay-Manager bei ihm. Statt einer Entschuldigung, die Monroe verlangte, bekommt er einen 25-Dollar-Gutschein angeboten.

„Es gibt eine ganze Menge an Käuferschutz, aber kaum Schutz für Verkäufer“, sagt Monroe. Die Community der privaten Verkäufer hat dem Riesen den Namen „Feebay“ verpasst („fee“, das englische Wort für Gebühr). Seller monieren die laufend erhöhten Kosten für Annoncen, Verkauf und Payment.

Auf eigene Rechnung

Bei der Zahlungsabwicklung kommt der Druck dazu, das hauseigene System PayPal zu verwenden. Dass PayPal zu einem Standard im Web wurde, macht den Service zum Goldesel. Ganz egal, wo Kunden einkaufen, eBay schneidet mit. Marktbeobachter sind sich einig, dass eBay sein zukünftiges Hauptgeschäft rund um die Payment-Sparte anordnet. Mit 98 Millionen Konten hat PayPal mittlerweile mehr Nutzer als eBay und soll noch heuer „offline“ im US-Einzelhandel eingesetzt werden.

Super-Outlet

Donahoes Plan ist evident. Er will eBay zu einer Art Super-Outlet-Center umbauen. Kooperationen mit Unternehmen, die ihre überschüssigen Waren bei eBay abladen, sollen die Wahrnehmung des Portals grundlegend verändern. Ab September etwa verdeutlicht ein neuer Store der Textilfirma American Apparel die Strategie innerhalb von eBay. Die Ware kommt nicht mehr von Privatleuten oder Wiederverkäufern, sondern von American Apparel selbst. Die in finanzielle Nöte geratene Kleidermarke wählt diesen Kanal, weil täglich Zehntausende Suchanfragen nach ihren Produkten bei eBay eingetippt werden.

eBay-Zukäufe wie jener des deutschen Designer-Schnäppchenportals Brands4Friends verstärken den Eindruck, dass eBay dem größten Konkurrenten Amazon immer ähnlicher werden will. Und mit Tochterfirmen wie GIS Commerce bietet eBay eine komplette Rundum-Logistik nach Amazon-Strickmuster, inklusive Lagerhaltung.

Dass eBay mit dem eFlohmarkt der frühen Tage nichts mehr zu tun haben will, hat auch der Wiener Mato Knezic erfahren, der seit drei Jahren nebenberuflich als Verkaufsagent (so nennt eBay die Privatverkäufer) arbeitet. „Eine Provision von bis zu 30 Prozent klingt zwar toll. Leben lässt es sich davon aber nur, wenn das verkaufte Gut hochpreisig ist. Der ganze Aufwand lohnt kaum noch.“ In Österreich haben sich indes Alternativen herausgebildet. Privatverkäufe, wie sie Knezic tätigt, gehen heute zumeist über willhaben.at . Aber auch Powerseller Jascha Ostermann testet seit einem halben Jahr parallel zu eBay die Zugkraft alternativer Websites.

eBay-Chef Donahoe wird aufpassen müssen, dass er beim Ladenumbau zum Hyper-Gemischtwaren-Supermarkt nicht übertreibt. Ohne gutes Angebot – und Nachfrage – gibt es an der Kasse dann auch nichts zu kassieren.

– A. Riegler, B. Mayerl

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