Der Grazer Anlagenbauer Andritz wächst, vor allem im Bereich Wasserkraft

Der Anlagenbauer Andritz ist derzeit erfolgreich wie nie: Die Gewinne sprudeln, die Kriegskassa ist prall gefüllt, und mit der Hydro-Sparte sind die Grazer auf dem Weg zur Nummer eins – weltweit.

Finnland, Dänemark, USA – so sieht das dienstliche Reiseprogramm von Wolfgang Leitner dieser Tage aus. Wer den Chef und Kernaktionär des Anlagenbauers Andritz am Firmensitz Graz sprechen will, muss mitunter Geduld haben. Viele Aktionäre goutieren die rege Reisetätigkeit des Andritz-Bosses: Leitner pflege die Kundennähe wie kaum ein anderer Industriekapitän und sei bei Auftragsanbahnungen meist persönlich vor Ort, wissen Konzernkenner. „Wir lassen keinen Auftrag aus“, bekräftigt Leitner.

Richtig jubeln Investoren angesichts der Ergebnisse, die Leitner regelmäßig liefert. Der 57-jährige Topmanager schmiedete aus der Andritz im vergangenen Jahrzehnt einen Weltkonzern mit rund 3,2 Milliarden Euro Umsatz. Bereits ein Jahr nach der Wirtschaftskrise steigerte der Anlagenbauer in den ersten drei Quartalen 2010 seinen Umsatz um sechs Prozent, der Gewinn (EBITA) kletterte gar um 62 Prozent auf 165 Millionen Euro. Andritz zählt in jedem seiner fünf Geschäftsbereiche zu den Top-Firmen und hat mehr als eine Milliarde Euro für weitere Zukäufe in der Kassa.

Die künftigen Finanzziele sind ebenfalls hoch gesteckt: Bis 2013/14 soll der Umsatz nochmals kräftig wachsen, auf 4,5 Milliarden Euro. Und mit seinen weltweit 13.500 Mitarbeitern will Andritz in allen Sparten Weltmarktführer werden. „Einige Entwicklungen wie die gestiegene Staatsverschuldung oder die hohe Arbeitslosigkeit in den USA können sich auf die Weltwirtschaft noch negativ auswirken. Ich bin aber vorsichtig optimistisch“, gibt sich Leitner im FORMAT-Gespräch gewohnt zurückhaltend. „Wir schätzen, dass dieses Ziel sogar schon früher erreicht wird“, sagt Gerald Walek, Erste-Group-Analyst.

Boomende Wasserkraft

Für Andritz ist der Bau von Wasserkraftwerken eine stete Quelle des Wachstums – sogar während der Krise. Diese hatte auch den Anlagenbauer erwischt: Der Nettogewinn sank 2009 um fast ein Drittel, und das Unternehmen fuhr ein hartes Restrukturierungsprogramm. Die Hydro-Sparte, mit 43 Prozent des Umsatzes größtes Geschäftsfeld, wuchs im Krisenjahr dennoch. Heuer stiegen die Auftragseingänge in diesem Bereich bereits um zwölf Prozent – und vom Ende des Wachstums kann noch keine Rede sein: „Klares politisches Ziel ist es, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Rund 90 Prozent der erneuerbaren Energie stammt aus Wasserkraft“, beschreibt Leitner den Wachstumstreiber der Branche.

In Europa und Nordamerika geht es dabei um die Modernisierung oder den Ausbau bereits bestehender Wasserkraftwerke. Alleine in Österreich befinden sich 60 Projekte in Bau, in Verfahren oder in Planung, darunter etwa die Pumpspeicherkraftwerke Limberg II und III im salzburgischen Kaprun, das Obervermuntwerk in Vorarlberg und das heftig umstrittene Wasserkraftwerk im Kaunertal in Tirol.

In Schwellenländern sind hingegen eine Reihe von Mega-Staudämmen in Planung. Alleine in Brasilien stehen drei Riesenprojekte auf der Agenda. Das größte Wasserkraftwerk entsteht jedoch in China, am Xiluodu-Fluss, einem Zufluss des Jangtse. Bei seiner Fertigstellung 2015 soll es eine Kapazität von 12.600 Megawatt haben – und wäre das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt.

Insgesamt sollen laut einer Studie der Vereinigung Hydro Power & Dams in den nächsten Jahren weltweit 345 Gigawatt Kapazität hinzukommen. Für Andritz, so eine interne Berechnung, ergebe das 1,4 Milliarden Euro an frischen Aufträgen pro Jahr. „Einerseits brauchen wir große Projekte, weil wir global aufgestellt sind und diese eine gute Referenz sind. Andererseits sind auch Kleinwasserkraftwerke und Modernisierungen sehr attraktiv. Bei Letzteren beträgt die Kapitalbindung meist nur ein paar Jahre“, sagt Leitner.

Derzeit rangiert Andritz Hydro knapp hinter dem französischen Konzern Alstom auf Platz zwei der Weltspitze. Dies wurde freilich nur durch die Übernahmen der VA Tech Hydro (2006) und der Wasserkraftsparte von General Electric (2008) erreicht. Seit diesen Zukäufen spielen die Grazer ganz vorne mit: Zuletzt erhielt Andritz etwa einen Folgeauftrag für das venezolanische Kraftwerk Guri II, den größten Einzelauftrag für sogenannte Erregungseinrichtungen in der Geschichte der Andritz Hydro. Und derzeit bietet der heimische Anlagenbauer in einem Konsortium für den brasilianischen Mega-Damm in Belo Monte mit. „Wir hoffen natürlich, dass wir dabei sind. Mitte 2011 sollte es eine Entscheidung geben“, rechnet Wolfgang Leitner. Wie viel der Auftrag für die Andritz bringen würde, wollte er nicht verraten.

Kritik am Mega-Damm

Eines hat das Interesse an Belo Monte hingegen schon jetzt gebracht: negative Publicity. Denn was für Andritz ein großes Geschäft ist, ist für Aktivisten Stein des Anstoßes. Eine ganze Riege Prominenter kämpft derzeit gegen den Staudamm im Herzen des Amazonas-Regenwalds. Die Speerspitze bilden Bischof Erwin Kräutler, Träger des Alternativen Nobelpreises, sowie der US-Starregisseur James Cameron. Der Filmemacher sieht eine Parallele zu seinem 3D-Kassenschlager „Avatar“: Die fiktive Filmstory eines von außen bedrohten Naturvolkes würde im Amazonas nun Wirklichkeit. Angeblich verfilmt Cameron den Fall nun in 3D.

Rund 11.000 Megawatt soll das Kraftwerk später haben, dafür müssen 500 Quadratkilometer Fläche aufgestaut und rund 20.000 Menschen, vorwiegend Indios, umgesiedelt werden. Laut Informationen der NGOs Eca Watch und WWF würden mehr als hundert Fischarten und zahllose Amphibien, Reptilien und Vögel massiv bedroht. „Wir initiieren und betreiben keine Kraftwerksprojekte, sondern sind nur einer von vielen Lieferanten“, verteidigt Wolfgang Leitner das Engagement, „und wir können solch ein riesiges Projekt sicher nicht kippen. Brasilien lässt sich von uns nichts vorschreiben“. Belo Monte ist schließlich ein Prestigeprojekt des gerade abgelösten Präsidenten Lula da Silva.

„Es muss Grenzen geben“, kontert Aktivist Ulrich Eichelmann von Eca Watch. Schließlich war auch in Österreich früher – Stichwort Hainburg – Wasserkraft umstritten. Und derzeit gibt es Widerstand gegen Projekte an der Mur in Graz. Eichelmann führt das Beispiel Illisu an: Obwohl die Weltbank und die Exportversicherer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz aus dem Staudammprojekt in der Türkei ausstiegen, weil der Konsortialführer, die türkische Nurol, gewisse Standards für eine staatliche Exportversicherung nicht erfüllte, liefert Andritz dennoch Ausrüstung um 340 Millionen Euro. „Wir halten uns an alle Gesetze, und das Projekt wurde nach allen geltenden Vorschriften von den türkischen Behörden genehmigt“, stellt Leitner klar.

Wesentlich weniger Kritik gibt es im zweitgrößten Geschäftsbereich Pulp & Paper (Zellstofffaser & Papier): Andritz liegt mit dem finnischen Unternehmen Metso Kopf an Kopf und begleitet seine Kunden zu neuen Standorten. Derzeit verlagern nämlich vor allem große Zellstofffabriken ihre Produktion vom Norden in den Süden, weil dort die günstigeren Rohstoffe wie Eukalyptus gedeihen. „Der Papierverbrauch steigt weltweit um zwei bis drei Prozent pro Jahr. Außerdem werden alte Anlagen auch in diesem Bereich immer häufiger durch neue substituiert“, erwartet Leitner auch hier Wachstum. Und Analyst Bernhard Selinger von der Raiffeisen Centrobank bestätigt: „Trotz des Preisdrucks sind die Margen bei Zellstoff-Anlagen nach wie vor gut.“

Eine Milliarde Cash

Seine ambitionierten Wachstumsziele will Andritz auch mit Zukäufen erreichen: Eine Milliarde Euro hat das größte steirische Unternehmen in der Kriegskassa. Alleine 2009 erwarb es vier Unternehmen. Erst vor wenigen Wochen die deutsche Ritz Pumpenfabrik, Spezialist in den Bereichen Wasserversorgung, Bergbau und Offshore. „Es gehört zur Unternehmenskultur, dass Wachstum teilweise auch durch Akquisitionen erreicht wird“, sagt Kurt Stiassny, Vorstand der Beteiligungsfirma Buy-Out Central Europe und Andritz-Aufsichtsrat.

Leitner gibt auch offen zu: „Je größer das Übernahmeziel, desto lieber. Wir sind diesbezüglich laufend in Gesprächen. Überwiegend schauen wir uns Unternehmen an, die eine interessante und zu uns passende Produktpalette haben, egal in welcher Region sie beheimatet sind. Komplett neue Geschäftsfelder wollen wir nicht zukaufen.“

Ob Leitner auch die derzeit strauchelnde A-Tec des Industriellen Mirko Kovats unter die Lupe nimmt? Immerhin ist der ums Überleben kämpfende Anlagenbauer in ähnlichen Segmenten tätig. „Zu einzelnen Unternehmen gebe ich keinen Kommentar ab. Nur so viel: Andritz hat nur in Einzelbereichen Berührungspunkte mit der A-Tec“, meint Andritz-Chef Leitner.

– Martina Bachler, Barbara Nothegger

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