Der Franken-Höhenrausch ärgert die
Schweizer Wirtschaft

Der Franken ist im Höhenrausch. Schweizer Exporteure leiden, die Politik ist hilflos – und manche österreichischen Unternehmen profitieren davon.

Ein gewisser Hang zur Selbstironie ist Jan-Egbert Sturm nicht abzusprechen. „Hätte mir jemand vor einem halben Jahr prophezeit, dass der Euro heute nur mehr 1,1 Franken kostet, ich hätte laut gelacht“, sagt Sturm. Dabei ist der hagere Niederländer kein x-beliebiger Bankenanalyst aus der zweiten Reihe, sondern Chef des Konjunkturforschungsinstituts der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich – und damit einer der angesehensten Wirtschaftsforscher der Schweiz.

So verblüfft wie Sturm sind derzeit nicht nur Ökonomen, die den Höhenrausch der Schweizer Währung verfolgen. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten in den USA sowie im Euro-Raum hat zu einer regelrechten Flucht in die als absolut sicher geltende Schweizer Währung geführt. Alleine in den vergangenen vier Wochen hat der Franken gegenüber dem Euro um 11,5 Prozent aufgewertet, seit dem Tiefststand vor vier Jahren sogar um gut 50 Prozent. Mittlerweile muss man 93 Cent bezahlen, um einen Franken zu erwerben, und schon demnächst, glauben manche Analysten, könnte er mit dem Euro gleichauf liegen. Die eidgenössische Währung hat seit April selbst den beispiellosen Run des Goldpreises übertroffen.

Zwei Seiten einer Münze

Während sich unter Experten Ratlosigkeit über die Kursexplosion breitmacht, herrscht bei Unternehmenslenkern jenseits der Grenze blankes Entsetzen. Denn wer in der Schweiz Waren bezieht und produziert, aber im Ausland verkauft, dessen Margen schrumpfen rapide. Nick Hayek, Chef des Uhrenriesen Swatch, konnte den Halbjahresgewinn zwar noch kräftig steigern, mahnte aber eindringlich: „Das wird nicht nur für uns, sondern für alle Industriefirmen in der Schweiz und für den Tourismus sehr, sehr schwierig. Wir werden das alle noch massiv spüren.“

Und während in den Schweizer Randregionen Hotels und Einkaufszentren zunehmend verwaisen, reiben sich Geschäftsleute diesseits der Grenze die Hände. Scharen von Eidgenossen nutzen den steigenden Wert des Frankens, um in den umliegenden Euro-Billigparadiesen einzukaufen oder zu urlauben.

Dass der Höhenflug jäh abreißt – oder zumindest in ein sanftes Abwärtsgleiten übergeht –, glaubt niemand. Zu viele Gründe sprechen für die fundamentale Kraft des Frankens: Die Schweiz gilt als wettbewerbsfähigstes Land der Welt, mit starken exportorientierten Unternehmen und einer stabilen Politik. Und während andere Industriestaaten unter ihrer Schuldenlast zu zerbrechen drohen, haben die Schweizer dank einer rigorosen Sparpolitik Budgetüberschüsse erzielt und so die Staatsschulden binnen weniger Jahre von knapp 80 auf nur mehr 45 Prozent des BIP gesenkt. Kurz: Das Land ist enorm erfolgreich – und mit ihm seine Währung.

Der Preis des Erfolgs

Doch wie lange noch? Das ist die Frage, die in Vorstandssitzungen, in Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Ökonomenzirkeln immer intensiver diskutiert wird. Vor allem in exportstarken Firmen gibt es kaum ein anderes Thema. Einer aktuellen Umfrage des Consulters Deloitte zufolge fürchten Unternehmer nichts mehr als den hohen Frankenkurs und als dessen Folge eine schwächere Nachfrage aus dem Ausland. Knapp die Hälfte der Befragten, doppelt so viele wie vor einem Jahr, sorgen sich um hohe Lohnkosten – ebenfalls eine Folge der Frankenstärke.

Genau hier versuchen viele betroffene Betriebe anzusetzen. Der Industriespezialist Dätwyler streicht an seinem Stammsitz Altdorf im Zentralschweizer Kanton Uri 100 Stellen, die Deloitte-Berater erwarten, dass vor allem große Konzerne in den nächsten Monaten vermehrt Stellen ins Ausland verlagern.

Andere Schweizer Konzerne versuchen, weniger rabiat an der Lohnschraube zu drehen: Der Chemieriese Lonza etwa, dessen Reingewinn zum Halbjahr um ein knappes Drittel eingebrochen ist, lässt einige seiner Angestellten ab September um zwei Stunden länger arbeiten – eine Maßnahme, von der auch die Mitarbeiter des Küchenproduzenten Franke betroffen sind.

Der Transformatorenhersteller Von Roll ist besonders kreativ: Dessen 100 Mitarbeiter, die zwar in den im Kanton Jura gelegenen Werken Choindez und Delsberg arbeiten, aber im benachbarten Frankreich leben, sollen ab Jänner in Euro statt in Franken bezahlt werden. Eine Maßnahme, die künftig bis zu 420.000 Grenzgänger betreffen könnte. „Das ist ganz klar illegal“, zürnt Niko Lutz, Sprecher der Schweizer Großgewerkschaft Unia, „weswegen wir auch bereits die ersten Verfahren angestrengt haben.“

Auch Henrique Schneider, Leiter Wirtschaftspolitik beim KMU-Dachverband sgv, hält von solchem Lohndumping wenig: „Dadurch wird das Franken-Risiko einseitig auf die Arbeitnehmer abgewälzt.“ Er glaubt aber, dass viele Schweizer Betriebe, die Derartiges erwägen, letztlich Lösungen finden werden, die Arbeitgeber und ihre Angestellten zufriedenstellen. Das liegt vor allem am Arbeitsrecht: Da nur die Hälfte aller Arbeitnehmer von Gesamttarifverträgen geschützt ist, können oft flexible Pakete innerhalb der betroffenen Unternehmen geschnürt werden.

Die Profiteure

Doch können österreichische Unternehmen davon profitieren, dass ihre eidgenössischen Konkurrenten unter dem hohen Franken leiden? Immerhin versuchen viele Schweizer Betriebe, vermehrt Vorprodukte im Euro-Raum statt im Inland zu beschaffen. Heimische Konzerne aus der Vorarlberger Grenzregion, ob Seilbahnbauer Doppelmayr oder Beschlägeprofi Blum, merken davon noch wenig. Denn meist haben solche Unternehmen mit gegenläufigen Effekten zu tun. Zumtobel etwa produziert im Komponentenbereich auch in der Schweiz, womit sich der Frankenkurs nachteilig auswirkt. Umgekehrt stehen die Vorzeichen im Leuchtengeschäft des Konzerns, was unterm Strich für ein leicht positives Ergebnis sorgt.

Viel erfreulicher ist die Situation im Einkaufszentrum Messepark Dornbirn. An Tagen wie dem 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, macht der Anteil der Nachbarn an den Einkaufenden gut 50 Prozent aus. An normalen Werktagen ist dieser Anteil immerhin von 15 auf 20 Prozent gestiegen. Kunden, die im Rheinpark auf der anderen Seite der Grenze fehlen, „vor allem, wenn die Sonne scheint“, kommentiert Rheinpark-Vizechef Heinz Wetter etwas betrübt.

Im Tourismus sieht es nicht anders aus: Bereits 2010 genossen zwei Prozent weniger Besucher die teure helvetische Gastfreundlichkeit, heuer rechnet Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid mit einem Minus von bis zu fünf Prozent. Und während er die größte Tourismus-Werbeaktion in der Schweizer Geschichte lanciert, haben seine Landsleute Österreich als Urlaubsland entdeckt. Zwischen Jänner und Juni urlaubten hierzulande 13 Prozent mehr Schweizer als im Vorjahreszeitraum.

Die Qual der Wahl

Anbinden an den Euro, Gründen eines 100-Milliarden-Rettungsfonds, Negativzinsen oder Kapitalverkehrskontrollen – in der Schweiz wird heftig debattiert, ob und wie Politik oder Schweizer Nationalbank (SNB) etwas gegen das Franken-Hoch tun können. Die Wahl fällt schwer: Im Jahr 1978 druckte die SNB Geld, um den Franken zu drücken, es kam zu einer Inflation. Beim nächsten Höhenflug im Jahr 1995 hielt sich die Notenbank zurück, die Folge war eine Rezession. Und während die eidgenössische Politik, abgesehen von unterstützenden Strukturmaßnahmen, auf Abwarten setzt, präferieren Ökonomen wie KOF-Mann Jan-Egbert Sturm mittlerweile die Geldmengenausweitung à la 1978: „Inzwischen ist ein Frankenkurs erreicht, der an Schwachsinn grenzt.“

– Arndt Müller

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