Der Dominoeffekt

Der Dominoeffekt

Die EU-Kommission arbeitet fieberhaft an neuen Schranken für die Banken. Eine unkontrollierte Pleitenserie gefährdet auch den Euro.

Den Konzernstrategen rauchen die Köpfe. In Europas Banken herrscht seit einer Woche Ausnahmezustand - wieder einmal. Diesmal steckt nicht nur ein Regierungswechsel in Frankreich, eine Parlamentswahl in Griechenland oder die Nervosität an den globalen Finanzmärkten dahinter, sondern die Brüsseler Bürokratie. In monatelanger Kleinarbeit hat das Team rund um EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier einen Gesetzestext entworfen, der Europas Banken in die Schranken weisen soll.

Das 191 Seiten starke Papier trägt den sperrigen Titel "Richtlinie zur Festlegung eines Rahmens für die Sanierung und Abwicklung von Kreditinstituten und Wertpapierfirmen“ und landete zu Wochenbeginn auch in Österreich. Seine Kernidee: Die Steuerzahler sollen nicht mehr für Bankenprobleme aufkommen müssen. In Zukunft zumindest, denn noch sieht das anders aus: Ob in Portugal, Griechenland, Irland, Spanien und nun wahrscheinlich auch in Zypern - überall muss der europäische Steuerzahler den Banken zu Hilfe eilen. Zu groß ist die Sorge, dass es durch Bankenpleiten zu einer ähnlich fatalen Ansteckung kommt wie nach dem Bankrott der US-Investmentbank Lehman Brothers. Denn über allem droht die Gefahr, dass eine unkontrollierbare Serie von Bankenpleiten einen finanzwirtschaftlichen Dominoeffekt auslöst und das gefürchtete Endspiel um den Euro beschleunigt.

Um solche Szenarien mittelfristig zu verhindern, muss sich einiges ändern. Und das soll nach den Plänen der EU-Kommission nun vor allem die Banken betreffen. Denn als Großeinkäufer von Euro-Staatsanleihen ist deren Schicksal eng mit der EU verbunden. Ein ganzer Sektor steht vor dem Umbruch - und nichts bleibt, wie es einmal war.

Was auf die Banken nun zukommt

Über sogenannte "Bail-in“-Klauseln sollen Bankeigner und Gläubiger für die Sanierungskosten aufkommen müssen, bevor es wieder der Steuerzahler tut. Ein verpflichtendes, noch zu guten Zeiten erstelltes Bankentestament ("Living Will“) soll eine geordnete Abwicklung sicherstellen. Diese Zwangsmaßnahmen und eine EU-weite Bankenunion sollen frühe Interventionen sicherstellen (siehe Kasten S. 26).

Zur Erinnerung: Die gigantischen Staatszuschüsse der letzten Jahre sind auch auf das späte Eingreifen der Aufsicht zurückzuführen, die lange zuschaute und erst handelte, als es bei einigen Banken bereits zu spät war. Als nahezu prototypisch können dafür die drei österreichischen Banken Kommunalkredit, Hypo Alpe Adria und ÖVAG gelten. Nach den geplanten neuen Richtlinien der Binnenmarktkommision wären die drei Banken bereits geordnet in die Pleite geschickt worden - ohne davor Geld vom Steuerzahler in Anspruch genommen zu haben.

"Die Finanzkrise hat den Steuerzahler eine Menge Geld gekostet“, resümiert deshalb Kommissar Barnier. Von Oktober 2008 bis Oktober 2011 wurden in Europa insgesamt 4.500 Milliarden Euro an staatlichen Beihilfen für krachende Kreditinstitute bereitgestellt. Eine Entwicklung, die sich weiter fortsetzen könnte: Die Analysten der japanischen Bank Nomura haben errechnet, dass allein die 90 größten europäischen Banken 2012 im Falle einer schweren Rezession weitere 420 Milliarden Euro abschreiben müssten - nahezu ein Drittel ihres Kapitals (siehe Grafik S. 23). In einigen Fällen könnte wieder der Staat eingreifen müssen, in anderen Fällen werden Banken schlicht von der Bildfläche verschwinden.

In Österreich wurden bisher rund zwölf Milliarden Euro Staatshilfe bereitgestellt. Auch gesunde Institute wie Erste Group und Raiffeisen International wurden gestützt. Doch das meiste Geld schluckten hierzulande die Zombiebanken Kommunalkredit, Hypo und ÖVAG - und das ist für den Staat wohl für immer verloren (siehe Kasten rechts).

Sind Banken noch profitabel?

Das Barnier-Regelwerk ist wohl der Anstoß für eine komplette Neuordnung der europäischen Bankenlandschaft. Nachdem bereits das Regelwerk Basel III die Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften verschärfte, bleibt bei den rund 8.300 Kreditinstituten nun kein Stein auf dem anderen. "Angesichts der Schuldenkrise und neuer Regulierungen werden sich Banken in Zukunft fragen müssen, welche Geschäftsfelder für sie überhaupt noch profitabel sind“, sagt etwa Roland Schöbel, Partner und Finanzexperte bei PricewaterhouseCoopers.

"Eine gute Bank wird langfristig immer Gewinne machen“, sagt Alois Steinbichler, der Ende 2008 zur Sanierung der Kommunalkredit antrat. Doch die Zeiten grenzenlosen Wachstums seien vorbei. Eigenkapitalrenditen von 25 Prozent, wie sie der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann propagierte? "Nicht mehr möglich.“ Die Banken seien in Europa unterkapitalisiert, es gäbe kaum Polster, kritisiert Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager und Geschäftsführer von Eyb & Wallwitz. Einen Grund dafür sieht er in den hohen Gehältern der Banker. Trotz Krise sind diese und auch die Boni seit 2007 im Durchschnitt um sieben Prozent gestiegen. Von Wallwitz: "Parallel dazu werden die Risiken immer weiter zurückgeschraubt, und die Möglichkeiten für Banken, Geld zu verdienen, werden beschnitten.“

Für den Fondsexperten stellen Banken heute deshalb die "Eisenbahnen des 21. Jahrhunderts“ dar, also Wirtschaftsbereiche, die zwar ihre Funktion erfüllen, aber aufgrund ihrer üppigen Struktur für Investoren uninteressant werden. Schon in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass vor allem jene Banken gut durch die Krise kommen, die über ein starkes Retailbanken-Geschäft verfügen. Das klassische Geschäftsmodell - Einlagen von Sparern, relativ risikolose Kreditvergabe - hat zwar nicht den Glamour des internationalen Finanzgeschäfts der vergangenen Jahre, doch in der Krise war und ist es der Anker des Sektors.

Die Kontrollen wurden aber auch hier verschärft. Dass Immobilienkäufe zu 120 Prozent kreditfinanziert werden, ist nicht nur in Spanien vorgekommen, wo das Platzen der Immobilienblase nun vor allem die Sparkassen des Landes unter Druck bringt.

Allerdings wird auch diese Sparte in Zukunft nicht für kräftiges Wachstum sorgen. Die niedrigen Zinsen und das schwache Wirtschaftswachstum drücken die Margen, während gleichzeitig die Kosten der Banken steigen, analysiert Lars-Uwe Luther von der Boston Consulting Group (BCG). Denn zu den Regulierungen kommt hinzu, dass es Banken immer schwerer fällt, sich auf den nervösen Finanzmärkten zu refinanzieren - und wenn es gelingt, wird es teuer. Investoren sind vor allem in Europa gegenüber Bankwerten enorm skeptisch geworden. Laut einer Analyse der BCG ist die Marktkapitalisierung von westeuropäischen Banken zwischen 2007 und 2011 um 58 Prozent gesunken, jene der zentral- und osteuropäischen um 47 Prozent.

Interbankenmarkt ist ausgetrocknet

Die Krise hat auch das Vertrauen der Banken untereinander zermürbt, der Interbankenmarkt liegt darnieder, Banken finanzieren sich vor allem über die Europäische Zentralbank. "Jene Banken, die einfachen Zugang zu Eigenkapital haben, werden sich in Zukunft leichter tun“, prognostiziert auch Josef Zechner, Professor für Finanzen und Banken an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Was aus all dem folgt? "Der Ausblick ist nicht sehr rosig“, sagt Luther, "es wird zu massiven Anpassungen kommen.“

Ein Beispiel für ein bereits geplatztes Geschäftsmodell ist die Kommunalkredit, die erste Bank, die Österreich notverstaatlichen musste. Sie präsentierte sich nach außen als biederer Gemeindefinanzierer. Tatsächlich zockte die Bank über eine zypriotische Tochterfirma mit Milliarden. Als die Refinanzierungsquellen im Zuge der Lehman-Pleite im September 2008 versiegten, brach das Geschäftsmodell zusammen - und die Kommunalkredit wurde eine reine Zombiebank.

Zockerbuden wie die Kommunalkredit wird es wohl auch in der Zukunft geben - nur nicht in dieser Größe. "Die Bankenlandschaft wird sich in zwei Gruppen aufspalten“, meint Wilhelm Hemetsberger. Der Ex-Investmentbanking-Chef der Bank Austria prophezeit, dass es "in Zukunft nur mehr drei oder vier systemrelevante Banken pro Land“ geben wird. Im Bankersprech werden solche Rieseninstitute "SIFIs“ genannt - "Systemically Important Financial Institutions“ -, und sie würden laut Hemetsberger "mit allen denkbaren Regelmechanismen abgesichert“. Einerseits "sehr träge und konservativ agierend“, haben sie für Sparer einen entscheidenden Vorteil: Das Geld ist dort sicher aufgehoben. Von Investmentbanking-Geschäften wie etwa Aktien- und Anleihenhandel seien sie ausgeschlossen. So ist das im "Survival of the Fattest“. Das allerdings ist noch Zukunftsmusik. Momentan wird versucht, den von den G20 weltweit als systemrelevant definierten Banken über die Bestimmungen von Basel III hinausgehende Eigenkapitalerfordernisse abzuringen. Von den 29 Riesenbanken sind 15 in der Europäischen Union beheimatet, die österreichischen Banken zählen allerdings nicht dazu.

Parallel zur Konzentration auf einige starke, große Banken könnte laut Hemetsberger und anderen Experten eine Art Schattenbanken-System entstehen, das die Finanzierungslücke schließt. Equity-Fonds etwa, die mit weniger strengen Regelmechanismen Klein- und Mittelbetriebe finanzieren werden. Diese Finanzierungs- und Investmentgesellschaften könnten mehr Risiko eingehen - und auch pleitegehen. Aufgrund der überschaubaren Größe würden sie aber nicht dem Steuerzahler auf der Tasche liegen, sondern Eigentümern und Gläubigern.

Auch VP-Nationalrat und Sparkassen-Generalsekretär Michael Ikrath sieht einen Paradigmenwechsel: "Banken werden zu ‚Utilities‘, zu Versorgungsunternehmen.“ Jetzt gehe es um "das Brot-und-Butter-Geschäft“. Dazu gehört alles von der Kontoführung bis zum Zahlungsverkehr sowie die wichtige Funktion als Kapitalsammelstelle, wo Spareinlagen angenommen und Kredite vergeben werden.

Die Zahl weltweit operierender Universalbanken wird schrumpfen. Die Konzentration auf Kernregionen bzw. Heimatmärkte wird vorrangig sein, vor allem, solange es in Europa keine gemeinsame Bankenaufsicht mit starken Durchgriffsrechten gibt. Lokale Kreditinstitute werden reüssieren. Dem alten Banker-Grundsatz "Know Your Customer“ kommt noch mehr Bedeutung zu. Es gilt, das im Zuge der Finanzkrise eingebrochene Kundenvertrauen zurückzugewinnen.

Die Vermögensverwaltung galt in den vergangenen 20 Jahren als der Wachstumsbereich schlechthin. Das war einmal. Großbanken wie die französische BNP Paribas oder die Deutsche Bank suchen nach Abnehmern für ihre Asset-Management-Ableger. Auch hier ist ein Geschäftsmodell am Ende: Bei schrumpfenden Portfoliovermögen sind saftige Fondsmanagementgebühren kaum zu rechtfertigen. Die Kunden tolerieren das nicht mehr. Verträge werden gekündigt. Kleinen Geldverwaltern bietet das neue Geschäftschancen. So beeindruckt die Capital Bank in Graz mit einem besonderen Angebot in der Vermögensverwaltung: Der Kunde zahlt die Management Fee nur dann, wenn der Fonds eine positive Performance hat, also einen Gewinn erwirtschaftet. "Das Angebot kommt gut an“, sagt Capital-Bank-Vorstand Constantin Veyder-Malberg. "Wir haben seit Einführung 2009 viele Neukunden und Marktanteile gewonnen.“ Das verwaltete Vermögen ist von 5,5 auf zehn Milliarden Euro angewachsen. Im hart umkämpften Private-Banking-Markt ist das einerseits beachtlich. Andererseits: Nichts bleibt so, wie es einmal war.

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