Der Bawag-Schattenmann: Johann Zwettler packt aus

Ex-Gewerkschaftsbank-Chef Johann Zwettler ortet einen politischen Schauprozess, reitet Attacken gegen Milliarden-Spekulant Flöttl und hadert mit seinem eigenen Schicksal.

Kaisermühlen-Blues hautnah. Im Schatten der UNO-City stehen ein paar Häuser einer Gartensiedlung. Hier wohnen Arbeiter, Fischer, kleine Angestellte. Man fährt Opel, Mazda oder vielleicht eines dieser koreanischen Kompakt-SUVs. Inmitten dieser beschaulichen Kleinbürgerwelt lebt Johann Zwettler, der einstige Chef der Bawag.

Der Garten der Zwettlers ist gepflegt, der kleine schwarze Hund Bobby begrüßt Besucher herzlich. Johann Zwettler selbst ist bis auf Gerichtstermine in der Hollywoodschaukel-Idylle zwischen Alter und Neuer Donau völlig abgetaucht. Im Zuge des neuen Bawag-Prozesses wird er aber die nahe U-Bahn Richtung Graues Haus nehmen müssen, um einen Verhandlungstermin zu absolvieren. Als Zeuge - die Staatsanwaltschaft hat auf eine neuerliche Anklage verzichtet.

Und doch war Zwettler vor wenigen Jahren auch für größere Räder zuständig: für Wertpapier-Kredite und Bankgeschäfte in zigfacher Millionenhöhe. Kurz gesagt: Für den bodenständigen Ex-Bawag-Generaldirektor war die Wall Street einst ganz nahe. Zu nahe. Denn nach nur drei Jahren an der Spitze der früheren Gewerkschaftsbank musste er den Chefsessel gegen die Anklagebank tauschen. Ein 2005 an das US-Brokerhaus Refco vergebener Kredit bedeutete nicht nur das Ende der Bawag. Das Publikwerden der Milliarden-Verluste aus Karibikgeschäften brachte auch eine fünfjährige Haftstrafe für den früheren Bankchef - die Zwettler aus Gesundheitsgründen allerdings nie antreten musste.

Seit Mitte dieser Woche rollt die Justiz den Skandalfall erneut auf. Richterin Claudia Bandion-Ortner hatte beim ersten Urteil formal geschlampt.

Krank, aber kämpferisch

Wer Zwettler trifft, weiß, warum ihm der Gang ins Gefängnis erspart blieb. Zwettler ist krank, und er gibt sich wenig Mühe, das zu verbergen: "Ich nehme zwölf Pulver pro Tag.“ Körperlich wirkt der 70-Jährige gebrochen. Wirbelsäule und Gelenke sind kaputt. Seine Haftunfähigkeit hat aber auch mit psychischen Problemen zu tun. Auch wenn es dem früheren Generaldirektor der einst drittgrößten österreichischen Bank schwerfällt, das zuzugeben - Zwettler ist depressiv und gesteht ein, sogar an Selbstmord gedacht zu haben.

Denn er sieht sich als Opfer enormer Ungerechtigkeit. Erstmals seit Platzen des Bawag-Skandals redet er öffentlich. Beim Treffen mit FORMAT formuliert er: "Das Bawag-Verfahren war ein rein politischer Schauprozess. Wir waren Spielball von SPÖ und ÖVP im Wahlkampf. Das Urteil stand bereits nach 16 Tagen fest - man hätte nicht 116 Tage verhandeln müssen.“

Szenenwechsel. An der Wiener Ringstraße, kaum acht Kilometer, aber doch Welten entfernt, lebt Zwettlers Vorgänger Helmut Elsner. Auch er ist verurteilt und krank: Herz, Lunge, Tuberkuloseverdacht - ein Patient der gesamten Heilkunde. Aber er bleibt, wie er immer war: kämpferisch, energisch, bisweilen herrisch. Und beseelt von der Aufgabe, seinen Ruf wiederherzustellen, Untreue- und Betrugsvorwürfe abzuschmettern und nach seiner Haftstrafe rehabilitiert zu werden. Auch Elsner hat einen schwarzen Hund. Seine Nachbarn fahren allerdings Jaguar, schwere BMWs oder Range Rover. Zwettlers Meinung zum ersten Prozess teilt Elsner vollinhaltlich: "Der Ausgang stand schon zu Beginn fest. Man machte sich nicht einmal die Mühe, Flöttls Konten zu öffnen - ein handfester Skandal.“

Was Elsner und Zwettler noch teilen, sind die Feindbilder. Die Liste ist lang: Ex-Bawag-Richterin und -Justizministerin Claudia Bandion-Ortner, Ex-Staatsanwalt Georg Krakow, aber auch der ÖGB, Kurzzeit-Bawag-Chef und nunmehriger Notenbanker Ewald Nowotny und vor allem Wolfgang Flöttl.

Letzterer hat dieser Tage seine feinen Schuhe auf Hochglanz gebracht, war beim Friseur und hat vor Gericht eine Mission: sämtliche Vorwürfe gegen ihn und seine Milliardenzockereien abzuschmettern. Und sein relativ mildes Urteil aus dem ersten Verfahren - 2,5 Jahre Haft, davon 20 Monate bedingt - nicht zu verschlimmern. Seit Bekanntwerden der Bawag-Verluste vor nunmehr fast sieben Jahren ist Flöttl eine geschickte Strategie gefahren: Ein Computerabsturz habe seine Aufzeichnungen über die Deals vernichtet, und beim Spekulieren habe er schlichtweg Pech gehabt. Auch er hat bisher geschwiegen. Bis auf Elsner, der rare Interviews (das erste nach seiner Haftentlassung mit FORMAT ) gab, hielten sich die übrigen Bawag-Banker medial zurück.

Nicht immer zu ihrem Vorteil. Litigation-PR-Experte Patrick Minar: "Der Bawag-Prozess ist ein Musterbeispiel dafür, wie gute oder schlechte Medienstrategien ein Verfahren beeinflussen können.“

Doch nun bricht Zwettler sein Schweigen. Und schildert FORMAT aus seiner Sicht erstmals die atmosphärischen und politischen Hintergründe des bislang größten Wirtschaftskriminalfalls der Zweiten Republik. "Ich habe mein ganzes Berufsleben in der Bawag verbracht. Dort herrschte unter dem Langzeit-General Walter Flöttl (dem Vater von Wolfgang, Anm.) ein despotischer Ton, aber so war die Zeit.“

Zwettler setzte seinen Dienst dennoch fort und merkte bald, dass die Bawag mit ihrem trägen Eigentümer ÖGB nicht sonderlich zukunftsträchtig sei. Ein Verkauf an die Zentralsparkasse oder ein Börsengang waren aber mit dem Selbstverständnis von Flöttl senior nicht vereinbar.

Walter Flöttl konnte auch nicht Englisch, bediente sich aber seines US-erfahrenen Sohnes Wolfgang für die ersten Karibikdeals. Nachdem diese 1994 aufflogen, musste Wolfgang in vier Wochen 25 Milliarden Schilling an die Bawag zurücküberweisen. Zwischen zwei Zügen an seiner Gauloises äußert Zwettler den schwerwiegenden Verdacht: "Gut möglich, dass sich Wolfgang Flöttl bei den darauf folgenden Karibik-II-Geschäften dieses Geld samt Verzinsung zurückholen wollte.“

ÖGB machte Druck

Während Zwettler immer wieder aufsteht und kurze Streckübungen für seinen Rücken macht, führt er weiter aus: "Der ÖGB übte außerdem großen Druck auf die Bawag aus, weil er unsere Dividende dringend brauchte.“ So nahm der neue Generaldirektor Helmut Elsner die Karibikgeschäfte wieder auf und setzte dafür erneut Wolfgang Flöttl ein. Zunächst ging alles gut, Flöttl spekulierte erfolgreich. Im Oktober 1998 waren plötzlich alle Kredite für die Währungsoptionen verloren. Zwettler: "Flöttl hätte nie alles auf den Yen setzen dürfen. Er hat gravierend gegen seine Sorgfaltspflichten verstoßen.“

Aber Flöttl verpfändete sein gesamtes Vermögen der Bawag und bekam daraufhin vom Bankvorstand einen neuen Betriebsmittelkredit (ein Kernthema des neuen Bawag-Prozesses). Flöttl verliert wieder, aber ein neuer Bawag-Kredit wird bewilligt. Flöttl dealt mit den neuen Kreditlinien über sogenannte Unibonds, muss Auflagen einhalten, aber verzockt sich erneut. Im Dezember 2000 tritt der Totalverlust ein. Flöttls Obligo bei der Bawag: knapp zwei Milliarden Euro. Aber: Der ÖGB wollte Diskretion, und die Bawag-Spitze begann die Verluste in Bilanzen einzuarbeiten. Über die Jahre - Elsner ging in Pension, Zwettler folgte nach - reduzierte man das Minus auf 300 Millionen.

2005 folgte das Chaos. Durch einen geplatzten Kredit wurden die Verlust-Deals ruchbar, und die Verantwortlichen landeten vor dem Kadi. Elsner sieht sich freilich nicht im Unrecht: "Alle Österreicher interessiert, wo das verlorene Geld hingekommen ist, nur die Justiz scheinbar nicht.“ Laut Elsners Vorwürfen auch den ÖGB nicht, der vorschnell einen teuren US-Vergleich abgeschlossen habe und nur seine Schäfchen ins Trockene bringen wollte. Zwettler zeigt sich selbstkritischer: "Es gab einen Moment, wo ich den roten Knopf hätte drücken müssen.“

- Florian Horcicka

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