Der Back-Doktor: August Oetker, Chef des Oetker-Milliarden-Imperiums, im Interview

Konzernchef August Oetker erzählt im FORMAT-Interview über die Entwicklung des Milliardenimperiums, über künftige Machtverhältnisse, die Bankenkrise, und er gibt Einblick in den Familien-Clan.

Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker binden und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung“, dieser Spruch, der am Eingang des Bankhauses Lampe angebracht ist, steht für die Philosophie der Oetker-Unternehmensgruppe mit Sitz in Bielefeld. In Österreich verbindet man mit der Marke Oetker meist nur Backhilfen und Puddingpulver (siehe Jubiläum im Pudding-Reich ). Dabei sind unter dem Dach des Familienkonzerns sechs zum Teil völlig unterschiedliche Geschäftsfelder (siehe Das Oetker-Reich ) mit mehr als 400 Firmen untergebracht. Mit Puddingpulver, diversen Spirituosen, einer Bank, fünf Luxushotels und einer Flotte Containerschiffen erzielte die Oetker-Gruppe mit 22.680 (+1,5 %) Beschäftigten zuletzt einen Umsatz von 7,7 (+8,4 %) Milliarden Euro.

August Oetker am Steuer
Am Steuerrad des Mischkonzerns steht seit fast drei Jahrzehnten August Oetker, 64, der anlässlich der 100-Jahr-Feier in Österreich FORMAT ein Interview gab. Der sechsfache Vater führt den Konzern, der bereits in vierter Generation immer von Familienmitgliedern gelenkt wird. Oetker, dem es wichtig ist, dass seine Kinder nach ihrer Fasson glücklich werden, lebt auch selbst nach dem obersten Gebot der persönlichen Zufriedenheit. Erst kürzlich schloss der Unternehmer seine dritte Ehe. Seine drei Jahrzehnte jüngere Frau, die Fotografin Nina, lernte er durch die gemeinsame Leidenschaft für Oldtimer kennen. Anfang 2010 wird sich August Oetker in den Konzernbeirat zurückziehen und den Chefsessel an seinen Bruder Richard, das einstige Entführungsopfer, übergeben.

Weihnachtspost von Frau Gürtler
FORMAT: Herr Oetker, Sie feiern in Österreich 100 Jahre Oetker. Wäre das nicht eine Gelegenheit für einen Markenrelaunch, zumal Sie Young & Rubicam bei einer Markenstudie von Platz 19 auf 34 zurückgestuft hat?
Oetker: Wir arbeiten seit 25 Jahren mit BBDO zusammen, das ist für andere Agenturen ein Ärgernis. Da lässt man die Marken der Konkurrenten gerne mal abstürzen.
FORMAT: Wie wichtig ist Österreich im Oetker-Reich?
Oetker: Österreich war die erste Auslandsgesellschaft, mit der wir den gesamten Osten erschlossen haben. Wir sind mit dieser Tochtergesellschaft sehr zufrieden.
FORMAT: Sie haben gerade den insolventen Eurofisch-Supermarkt in Österreich erworben. Ist Ihnen bekannt, dass in dieser Causa Anwälte wegen angeblicher Konkursverschleppung zugange sind?
Oetker: … gewesen sind. Wir wussten davon, haben jedoch nur die Assets wie die Kundendatei und technische Anlagen gekauft. Wir haben auch mal über die Konditorei Demel als Submarke nachgedacht, uns dann jedoch die Rechte für die Tiefkühl-Sachertorte gesichert. Heute haben wir auch die Torten nicht mehr. Frau Gürtler schreibt mir aber noch immer zu Weihnachten.

Wenig Marken, viel Synergien
FORMAT: In Ihrem Kernmarkt Deutschland wachsen die Lebensmittelumsätze nur langsam.
Oetker: Das ist normal, wir wachsen stärker in Märkten, die nicht gesättigt sind. Wir setzen 60 Prozent außerhalb Deutschlands um, das wird vor–aussichtlich noch zunehmen.
FORMAT: Oetker hat im Verhältnis zu anderen Konzernen wenig Marken.
Oetker: Viele Marken bedeutet, wenig Synergieeffekte und hohe Kosten zu haben. Wir haben in der Vergangenheit über den Kauf von Marken wie Pfanni oder Bahlsen nachgedacht. Alle diese Marken sind jedoch von der gleichen volkswirtschaftlichen und demografischen Entwicklung abhängig wie Dr. Oetker auch. Deshalb sagen wir, wenige Sortimente mit nur einer Marke und nicht umgekehrt.
FORMAT: Produzieren Sie Eigenmarken?
Oetker: Hierzu gab es eine lange Diskussion. Wir haben uns dazu entschlossen, nur Markenhersteller zu sein. Der Handel fordert ja eine Preisreduktion in ein und demselben Segment um bis zu 30 Prozent, das ist selbstzerstörerisch. Wir sind bei sieben von neun Produkten Marktführer in Deutschland und mit Tiefkühlpizzen Nummer eins in Europa.
FORMAT: Wollten Sie nie an die Börse?
Oetker: Wir sind froh, nicht an der Börse zu notieren. Ich möchte nicht von einem 26-jährigen Analysten heute hören, du bekommst einen Abschlag, und morgen meint er, wir wären zu wenig diversifiziert. Unsere Entwicklung ist trotzdem vergleichbar mit der von Nestlé und anderen.

Vor- und Nachteil Familienunternehmen
FORMAT: Es gibt acht Erben beziehungsweise Gesellschafter bei Oetker. Die haben noch zu Lebzeiten Ihres im Vorjahr verstorbenen Vaters Gesellschaftersitzungen zur Übung abgehalten. Hat das etwas gebracht, und wie funktioniert die Chemie in einem solchen Familienunternehmen?
Oetker: Der größte Pluspunkt bei einem Familienunternehmen ist die Familie, es kann aber auch ein großer Nachteil sein. Wir identifizieren uns mit dem Unternehmen, haben kurze Entscheidungswege und eine andere Einstellung zum Risiko.
FORMAT: ... die Kehrseite der Medaille?
Oetker: Wenn man etwa unterschiedlicher Auffassung ist, wie die Firma weiterentwickelt werden soll. Deswegen haben wir zwei Gremien, eine Gruppenleitung und einen Beirat mit jeweils fünf Mitgliedern. Beide sind von zwei Familienmitgliedern und drei Außenstehenden besetzt. Wesentliche Akquisitionen etwa entscheiden die Gremien gemeinsam unter Einbezug der Gesellschafter.

Sieben Milliarden Clanvermögen
FORMAT: Bei Oetker ist bereits die vierte Generation in der Geschäftsführung. Werden diesen Weg auch Ihre Kinder gehen?
Oetker: Ich habe meinen sechs Kindern gesagt, ihr könnt machen, was ihr wollt, schaut, wo eure Neigung und größte Freude ist, wenn ihr etwas tut. Nur dann seid ihr wirklich gut. Wenn ihr tut, was vorgegeben wird, werdet ihr vermutlich unglücklich und scheitert. Einer meiner Söhne ist in der Reederei. Ein anderer hat sich mit einer eigenen Reederei selbständig gemacht. Es gab die Vermutung, ich hätte ihm das finanziert, aber das habe ich nicht.
FORMAT: Hat er vorzeitig geerbt?
Oetker: Nein, wir sind entnahmemäßig „nicht besonders gesegnet“, wir durften nur so viel entnehmen, wie man braucht, um die eigenen persönlichen Steuern zu zahlen. Heute ist es ein wenig mehr.
FORMAT: Das Familienvermögen wurde auf 7 Milliarden Euro geschätzt …
Oetker: Ja, wenn wir verkaufen würden vielleicht. Wir verkaufen aber nichts.

Zwei Phasen mit dominantem Vater
FORMAT: Wie hoch ist Ihr Gehalt?
Oetker: Ich verdiene das, was unsere Geschäftsführer verdienen. Wir kriegen ein Gehalt, das niedrig ist, aber einen Bonus, der hoch sein kann. Der Bonus richtet sich nach der Entwicklung der Gruppe und ist nicht an eine Formel gebunden. Die Boni der Geschäftsführer bestimmen wir persönlich haftenden Gesellschafter anhand deren Leistungen.
FORMAT: Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem dominanten Vater?
Oetker: Da gab es zwei Phasen. Wenn ich alles, was vor meinem Eintritt in das Unternehmen war, weglasse, gab es Konflikte. Nicht weil wir Streithammel waren, sondern weil man sagt, der Ältere hat Erfahrungswissen, der Jüngere muss noch lernen. Ein Problem gibt es erst dann, wenn man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Und da haben wir auch eine Lernkurve gehabt. Am Anfang konnte ich wenig mit meinem Vater diskutieren. Ich hatte zwar eine Meinung zu gewissen Dingen, aber kein Gewicht. Insofern musste ich fragen, zuhören und Geduld haben. Ich habe immer die Protokolle geschrieben bei den Sitzungen. Das hat enorm geholfen, denn wenn man etwas ausdrücken kann, dann hat man es auch verstanden.

Entführungsopfer Richard folgt nach
FORMAT: Sie übergeben die Unternehmensführung 2010 an Ihren Bruder Richard, der dann sechzig Jahre alt sein wird.
Oetker: Ich übergebe nicht, diese Aufgabe ist per Gesellschaftervertrag dem Beirat überlassen. Wir wollten das auch so, weil diese Frage in vielen Familien die kritische schlechthin ist, besonders wenn es mehrere Nachfolger geben kann. Richard ist geeignet, er ist lange in der Geschäftsführung, er hat den Osten aufgebaut und ist jetzt für Österreich, die Schweiz und Italien verantwortlich.
FORMAT: Ihr Bruder ist durch seine Verletzung, die bei der Entführung entstanden ist, stark beeinträchtigt. Kann er das Unternehmen trotzdem führen?
Oetker: Wir werden uns sicher darüber unterhalten, wie viele der nicht wirklich geschäftsbezogenen Auftritte ich an seiner Stelle übernehme.

Als Beirat in der Oldtimer-Rallye
FORMAT: Gibt es innerhalb der Großfamilie nicht Stimmen, die sagen: Zuerst warst du Nummer eins, jetzt wird es dein Bruder, im Beirat sitzt dann du, und zuerst war es schon deine Schwester …?
Oetker: Das hat sich so ergeben, wir haben ja eine Altersregelung. Der persönlich haftende Gesellschafter muss Ende des Jahres aufhören, in dem er 65 Jahre wird, das heißt für mich Ende 2009. Der Beiratsvorsitzende scheidet mit 70 Jahren aus, und meine Schwester erreicht dieses Alter im Jahr 2010. Für mich gilt dann eine von meinem Vater testamentarisch verfügte Sonderregelung, nach der ich dem Beirat bis zum 75. Lebensjahr vorstehe.
FORMAT: Sie sind jung verheiratet. Wollen Sie sich tatsächlich in zwei Jahren zur Ruhe setzen?
Oetker: Eine Beiratsposition kann man ja sehr unterschiedlich ausfüllen.
FORMAT: Sie besitzen einige Oldtimer. Werden Sie dann mehr Rallyes bestreiten?
Oetker: Möglich, es gibt viele Rallye-Wettbewerbe weltweit.
FORMAT: Welches von den vielen ist Ihr Lieblingsauto?
Oetker: Der Mercedes 300 SL Flügeltürer, sonst habe ich keine Lieblingsautos. Ich segle aber auch gerne.

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