Das Reich der Mitte bietet Europas Schuldenstaaten seine Hilfe an

Drache statt Drachme: China bietet westlichen Pleitestaaten seine Hilfe an – und stellt harte Forderungen. Firmen aus dem Reich der Mitte übernehmen weltweit das Ruder. Was die neue Supermacht im Westen wirklich will.

Erst der Kulturschock, dann auch noch das Misstrauen. Der Job als Finanzvorstand des Flugzeugzulieferers FACC ist für Minfen Gu keine leichte Mission. Zuletzt war die Chinesin mit deutscher Staatsbürgerschaft für den deutschen Konzern Evonik Degussa in Shanghai tätig, einer 19-Millionen-Metropole. Seit März sitzt sie in Ried im Innkreis, das so viele Einwohner hat wie zwei Straßenzüge der chinesischen Weltstadt, nämlich 11.400.

Was erschwerend hinzukommt: Die 45-Jährige ist Vertreterin des neuen FACC-Eigentümers, des chinesischen Luftfahrtkonzerns Xi’an Aircraft Industry Company (XAC), der im Herbst 2009 insgesamt 91,25 Prozent der FACC-Anteile übernommen hat – und die Dame Gu ist die Stimme der neuen chinesischen Herren. Und damit je nach Sichtweise Retterin, Spionin oder gar Exekutorin. „Ich habe Verständnis für ein gewisses Misstrauen. Viele sind verunsichert, wie es weitergeht, das ist ganz normal“, sagt Minfen Gu. Nachsatz: „In China werden ausländische Investoren gerne gesehen und mit offenen Armen empfangen, in Europa ist das anders.“

Die Erfahrungen der Chinesin zeigen im Kleinen, was sich gerade auf großer Bühne abspielt. Hier die Staaten des Westens, viele Jahrzehnte erfolgsverwöhnt, nun aber satt und hoch verschuldet, kurz: auf dem absteigenden Ast. Dort das aufstrebende Reich der Mitte, mit billionenschweren Währungsreserven auf der hohen Kante, im Wachstumsrausch – und hungrig nach Weltgeltung.

„China hat einen gewaltigen, vielen unheimlich gewordenen Aufholprozess vollzogen“, sagt China-Kenner und Investor Hannes Androsch (siehe Analyse ). Die ehemalige Werkbank des Westens entwickelt sich mit Riesenschritten weg vom passiven Absatzmarkt zum immer aktiveren Konkurrenten. Gleichzeitig bieten chinesische Toppolitiker ihren westlichen Pendants immer häufiger ihre Hilfe an.

Von „helfenden Händen“ ist dann die Rede, wenn es darum geht, dass China den Pleiteregierungen Europas Staatsanleihen abkaufen will. Nicht ohne jedoch immer lautere Forderungen zu stellen: nach Anerkennung als Marktwirtschaft oder nach Öffnung der Westmärkte für handfeste Investitionen. In Europa wie den USA, in den Vorstandsetagen wie in der Politik sorgt diese Taktik von Zuckerbrot & Peitsche für Verwirrung – oder Angst. Der Westen fragt sich: Was sind die Chinesen wirklich – Retter oder Räuber?

Finanzspritze aus Fernost

Giulio Tremonti hat vor kurzem seine eigenen Erfahrungen mit dieser Frage gemacht. Mitte September traf sich der Finanzminister Italiens mit Lou Jiwei, dem Chef des chinesischen Staatsfonds CIC. Es sei um den Einstieg in strategisch wichtige italienische Industriekonzerne gegangen, der Kauf von italienischen Staatsanleihen habe keine Rolle gespielt, hieß es später. Wenig glaubhaft: Italiens Schulden liegen bei 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach Griechenland ist es das höchstverschuldete Euro-Land. Und weil es Ministerpräsident Silvio Berlusconi nicht gelingt, mit Sparprogrammen zu überzeugen, sind die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen heute um ein Drittel höher als vor einem Jahr. Alleine 2012 muss Italien 388 Milliarden Euro refinanzieren, eine Geldspritze aus China käme da gerade recht.

Was läge auch näher? Tag für Tag wachsen die Währungsreserven des Exportschwergewichts China um zwei Milliarden Dollar. 3.200 Milliarden Dollar (2.300 Milliarden Euro) bedeuten den weltweiten Spitzenplatz. Und: China will seine Währungsreserven über kurz oder lang umschichten: Noch macht der Dollar-Anteil zwei Drittel, der Euro-Anteil nur ein Viertel aus. Das weckt Hoffnungen unter den Lenkern europäischer Schuldenstaaten. Und Chinas Premier Wen Jiabao macht keine Anstalten, diese Hoffnungen zu zerstreuen. Schon im April signalisierte Wen, in portugiesische, spanische und griechische Anleihen zu investieren. Am Mittwoch der vergangenen Woche bekräftigte er, sein Land sei bereit, eine „helfende Hand auszustrecken“.

Politik süß-sauer

Der reiche Onkel Jiabao zögerte aber nicht, sein Angebot mit harten Forderungen zu verknüpfen. Die Regierungen müssten „ihr eigenes Haus in Ordnung bringen“, hieß es noch zurückhaltend. Er hoffe auf einen „Durchbruch“ beim nächsten EU-China-Gipfel Mitte Oktober und mehr Marktöffnung für chinesische Unternehmen das klang schon ganz anders.

Der „Durchbruch“ betrifft Chinas Status bei der Welthandelsorganisation WTO. Erst 2016 soll China dort als reguläre Marktwirtschaft anerkannt werden, Wen Jiabao will diesen Prozess beschleunigen. Eine Anerkennung hieße, dass der Westen weniger leicht Anti-Dumping-Maßnahmen wie hohe Strafzölle auf chinesische Importgüter umsetzen könnte. Das wäre ein Freifahrtschein für chinesische Unternehmen, mit ihren Preiswert-Produkten die europäischen und nordamerikanischen Märkte aufzurollen.

Genau dort werden Unternehmen aus dem Reich der Mitte ohnedies stetig präsenter (siehe Weltkarte ). Ob Finanzschwergewichte in den USA oder Belgien, Rohstoffriesen in Russland oder Afrika oder Industriegiganten in Großbritannien oder Norwegen – „bei den Auslandsinvestments chinesischer Unternehmen gibt es zurzeit nur eine Richtung: aufwärts“, sagt Jens-Peter Otto, der seit fünf Jahren für den Berater PricewaterhouseCoopers (PWC) in Shanghai sitzt.

Den letzten großen Coup landete Lenovo. Anfang Juni stellte sich das Unternehmen, das vor Jahren die PC-Sparte von IBM übernommen hat, beim Essener Konkurrenten Medion an. Wenn der 630-Millionen-Deal besiegelt ist, wird Lenovo der drittgrößte Computerhersteller der Welt sein. „Die chinesischen Firmen sind sehr ambitioniert und haben auch entsprechende Mittel für Akquisitionen“, sagt Minfen Gu von FACC, „sie treten selbstbewusst auf – ich begrüße das.“

Mit einem ausgeprägten Fall von Selbstbewusstsein kann sich derzeit Island auseinandersetzen. An der dortigen Nordküste will der Multimillionär Huang Nubo für 100 Millionen Dollar Land für ein Golf resort erwerben. Mit 300 Quadratkilometern hätte dieses drei Viertel der Fläche von Wien, weswegen Gegner des Projekts handfeste geostrategische Interessen unterstellen. Der atlantische Inselstaat wird als künftiges Drehkreuz für die Ausbeutung der Arktis gehandelt, ein Fünftel der noch nicht erschlossenen globalen Ölreserven wird dort vermutet.

Geostrategisch motiviert war auch der Einstieg beim griechischen Hafen Piräus, der jetzt zum Einfallstor für Chinesen nach Europa umgebaut wird. Überaus selbstbewusst war der Europa-Erpressungsversuch mit Airbus. Hintergrund: Ab 2012 müssen Fluggesellschaften, die Europa anfliegen, CO2-Zertifikate erwerben. Den Chinesen war das offenbar zu teuer, weswegen sie einen anstehenden Milliardendeal mit dem Flugzeugbauer Airbus an Zugeständnisse Brüssels knüpften. Die Chinesen siegten auf ganzer Linie: Sie müssen weniger zahlen, und Flüge, die direkt aus China kommen, sollen sogar ganz befreit werden. Airbus-Chef Tom Enders, der für die chinesischen Abnehmer in Brüssel vorsprach, half das nur bedingt – man orderte trotzdem weniger Flugzeuge.

Langsam mächtig

Sind also die Investoren aus Fernost zwar nicht Räuber, aber zuweilen Erpresser? Werden sie westliche Firmenchefs und Politiker künftig ganz nach ihrer Pfeife tanzen lassen? PWC-Berater Jens-Peter Otto verneint: „Sie verhalten sich wie andere Investoren auch. Die Regeln in einer freien Marktwirtschaft gelten schließlich für alle, auch für die Chinesen.“

Der Westen hat vor allem Angst, dass die Chinesen sämtliches technologisches Wissen aufsaugen und dann gegen uns verwenden, da sie zu wesentlich geringeren Kosten produzieren. Otto: „Wenn Europäer Angst vor Technologie-Klau haben, könnten Chinesen umgekehrt genauso gut Angst vor Marktanteils-Klau in ihrem Land haben.“

Der Asien-Spezialist verweist auch auf den aktuellen Fünfjahresplan der Chinesen. Dort wird die Autoindustrie zu einer Schlüsselbranche erklärt, die besonders schnell zum Westen aufschließen soll. Im Bereich der alternativen Antriebe, etwa von Elektroautos, müssen nun auch die wichtigsten Motorelemente zusammen mit chinesischen Partnern gebaut werden. Das bedeutet, dass Chinesen künftig mehr Zugriff auf West-Know-how haben. Aber es bedeutet auch, dass es den Chinesen trotz jahrzehntelanger Anwesenheit westlicher Autobauer bisher nicht gelungen ist, technologisch gleichzuziehen.

Also sind sie doch die ersehnten Retter? Theoretisch würden ihre Devisenreserven reichen, Europa auf Jahre zu refinanzieren. Praktisch allerdings nicht, sagt Steffen Dyck, Asien-Volkswirt bei der Deutschen Bank: „China hat das Geld ja nicht wie auf einem jederzeit abrufbaren Tagesgeld-Konto einfach so herumliegen.“ Denn ob Dollar oder Euro, das Kapital ist zum großen Teil in langfristigen Staatsanleihen investiert. Verkauft China beispielsweise große Bestände an Dollar, um Euro zu kaufen, sinkt deren Wert rapid – ein Schnitt ins eigene Fleisch.

Zu hoher Schuldenberg

China kann deshalb nur langsam umschichten und nur zusätzliche Devisen in Euro anlegen. Im kommenden Jahr werden das nach Dycks Schätzung 650 Milliarden Dollar (500 Milliarden Euro) sein. Ein Teil davon wird weiter in die hoch liquide Währung Dollar fließen. Und selbst wenn China seinen Euro-Anteil von derzeit einem Viertel auf ein Drittel erhöhen würde, wären das, gemessen an den nächstjährigen Reserven, maximal 175 Milliarden Euro. Damit könnte China zwar locker den Refinanzierungsbedarf Griechenlands, Portugals und Irlands im Jahr 2012 stemmen, würde sich aber an Spanien und vor allem Italien verheben. In Summe beträgt der Finanzierungsaufwand dieser Staaten 730 Milliarden Euro, wesentlich mehr, als China aufbringen kann.

Hinzu kommt, sagt Dyck, dass in „chinesischen Blogs und Zeitungen immer häufiger hinterfragt wird, warum die Führung scheinbar riskante Auslandsinvestments anstrebt, wenn das Geld besser für die Entwicklung im Inland angelegt sein könnte“. Auch besagter Staatsfonds CIC hat in seinen Statuten festgeschrieben, nur „akzeptable Risiken“ einzugehen. Und von Peking aus betrachtet, sind fast alle Europäer irgendwie Griechen.

Trotzdem bleibt China wenig übrig, als die Europäer zu unterstützen. Denn 40 Prozent von Chinas Wirtschaftsleistung hängen am Export. Wenn der Westen also zu klamm zum Kaufen ist, leidet auch der Handelspartner im Fernen Osten. Große Konkurrenz hin oder her, man ist auch aufeinander angewiesen. Es wird nichts anderes übrig bleiben, als sich mehr aufeinander einzustellen. So wie Minfen Gu, die Finanzmanagerin von FACC: „Ich lerne wohl bald Ski fahren – sonst wird der Winter hier ganz schön einsam.“

– Arndt Müller, Arne Johannsen
Mitarbeit: M. Bachler, C. Weissenböck

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