Das verrückte Geschäft mit der Hochzeit

Die Hochzeit von William und Kate stürzt England in einen kollektiven Freudentaumel. Rund um das Liebesglück erblüht der Kitsch – und weltweit das Geschäft.

Es können nicht viele Menschen von sich behaupten, sich reich gestrickt zu haben. Fiona Goble ist die Ausnahme. Die 53-jährige Engländerin ist eine Bestsellerautorin. Ihr Buch „Knit your own Royal Wedding“ („Strick dir deine eigene königliche Hochzeit“) steht auf Platz 34 der britischen Amazon-Verkaufsliste. Anfang März kam es auf den Markt. Die erste Auflage war nach wenigen Tagen ausverkauft, die zweite geht auch schon wieder zur Neige.

Mit Gobles Anleitung kann sich jeder Royals-Fan die Hochzeitsgesellschaft von Prinz William und seiner Kate zusammenstricken – vielleicht sogar vor dem Fernseher, wenn es am Freitag, dem 29. April, um 11 Uhr Ortszeit dann endlich so weit ist: Prinz William und die Bürgerliche Kate Middleton geben sich das Jawort.

Die royale Superhochzeit könnte nicht nur für Fiona Goble, sondern auch für zahlreiche andere Unternehmen zum Supergeschäft werden. Dass William und Kate endlich heiraten, hat weltweit schon im Vorfeld einen gigantischen Medienrummel ausgelöst. Am großen Tag selbst sollen bis zu vier Milliarden Menschen mitfiebern, ob Wetter und Frisur halten, ob die Queen einen blauen oder weißen Hut trägt und ob der Rolls-Royce, der die Braut kutschieren soll, auch anspringt. Rund um den Erdball werden wie bei Fußball-Großereignissen Public-Viewing-Areale eingerichtet, in Wien hat die Frauenzeitschrift „Madonna“ dafür die Lugner City angemietet.

So viel Begeisterung für die Royals gab es seit den großen Zeiten von Lady Diana nicht mehr. Sogar die seriöse US-Online-Zeitung „Huffington Post“ hat der anstehenden Trauung schon vor Monaten ein eigenes Portal eingerichtet. Selbst hierzulande scheint sich das Interesse an der Traumhochzeit gerade in Zeiten von Atom-Krise in Japan und Kriegen in Afrika immer mehr zu steigern. Und für das ohnehin Royal-freundliche Großbritannien kommt das genau zur richtigen Zeit. Denn wegen der Finanzkrise, der Rekordverschuldung und dem radikalsten Sparprogramm seit Margaret Thatcher gab es auf der Insel lange nichts mehr zu feiern. Umso euphorischer freuen sich die Briten auf das Ereignis des Jahres, ach was, des Jahrzehnts!

Wirtschaftsfaktor Liebe

Dabei ist die erträumte Märchenhochzeit nicht nur etwas für geschundene Herzen, sondern auch für die lahmende britische Konjunktur. Mit 705 Millionen Euro Sondereinnahmen soll das Fest die Wirtschaft ankurbeln. Der royale Hochzeitstaumel scheint endlich die kollektive Konsumverweigerungshaltung der Briten zu brechen. Londons Geschäfte sind zum Bersten gefüllt mit Devotionalien des königlichen Traumpaars. Egal ob Tassen, Geschirrtücher, Sondermünzen, Schneekugeln, Bier oder sogar Kotztüten und Kondome – mit einem Foto von Kate und William verkauft sich fast alles.

Nicht nur die Briten sind begeistert vom englischen Liebespaar Nummer eins, weltweit fahren Menschen zurzeit auf die Royals und den königlichen Konsumwahnsinn ab – und manche verdienen daran mit. Das sind zum einen die Reiseveranstalter und Fluglinien: 30 Millionen ausländische Besucher kamen 2010 nach Großbritannien und brachten rund 18 Milliarden Euro Umsatz. 570 Millionen Euro nahmen dabei allein königliche Sehenswürdigkeiten wie Schlösser, Burgen und die Kronjuwelen ein. „Die Monarchie ist die wichtigste Attraktion für Touristen“, sagt Sandie Dawe, Chefin des Fremdenverkehrsamts.

London-Tourismus boomt

In einem königlichen Hochzeitsjahr werde die Zahl der Besucher natürlich massiv steigen. Allein für den 29. April erwartet Dawe mehr als eine Million Besucher. „Wir rechnen mit zusätzlichen Einnahmen von 35 bis 55 Millionen Euro.“

Wichtiger als das eine April-Wochenende ist jedoch die langfristige Werbewirkung für England. Vor allem London ist durch Will & Kate und all die Sehnsüchte nach einer heilen Welt voller Glamour, die die beiden wecken, wieder in aller Munde. Die britische BBC hat allein die Dokumentation „William und Kate – eine königliche Verlobung“ an 32 TV-Stationen weltweit verkauft. Und zumindest wenn der berüchtigte englische Regen am großen Hochzeitstag ausbleibt, dürften viele der Milliarden Fernsehzuschauer sagen: „Na, Schatz, wollen wir nicht mal wieder nach London?“

Rechtzeitig bevor der ORF am 29. April mit rund sechs Stunden Live-Übertragung und abendlichen Sondersendungen das königliche Liebesglück begleitet, haben zahlreiche österreichische Reiseveranstalter Spezialpakete für das Ereignis des Jahres im Angebot. Zu Buchungsengpässen ist es jedoch nur vereinzelt gekommen. Edward Gordon, Wirtschaftskammer-Obmann der Reiseveranstalter: „Wir rechnen mit einem Nachfrage-Plus für London von fünf bis acht Prozent, die Kapazitäten sind auch für das Hochzeitswochenende noch ausreichend.“

Mit ihrem geringen Adabei-Interesse dürften die Österreicher aber die Ausnahme sein: Bei 90.000 Hotelzimmern für eine Million erwartete Gäste sind die meisten Hotels in London längst ausgebucht. Besonders Kurzentschlossenen, die das Ereignis im Kollektiv erfahren wollen, bleibt als Schlafplatz noch die Wahl zwischen einem Zelt und einer privaten Unterkunft. Zu Tausenden bieten Londoner im Internet ihre Wohnungen und Sofas an. „Unsere Kunden können bis zu 80 Prozent Preisaufschlag an dem Wochenende verlangen“, sagt Sarah Chambers von der Londoner Online-Börse HomeAway.co.uk .

Um sich im Riesenangebot abzuheben, werben Londoner Hotels und Sehenswürdigkeiten mit besonderen Angeboten. Das Hyatt Regency Hotel hat für seine Gäste etwa das „William and Kate: The Love Story“-Paket geschnürt: Für rund 390 Euro gibt es eine Nacht im Hotel plus Kronjuwelencocktail, „Royal Wedding“-Pralinen und Touristenpass. Mehrere Hotels, das Riesenrad London Eye und der Londoner Zoo scheinen die gleiche Kreativberatung zu nutzen: Wer William heißt und mit einer Kate verheiratet ist, bekommt am Hochzeitstag dort alles umsonst.

Tassen, Teller, Tüten

Mehr als kompensiert soll dieser Geschäftsentgang mit Souvenirs werden, bei deren Gestaltung sich Großbritannien und die halbe Welt gerade übertreffen. Rund 20 Millionen Euro soll allein der Verkauf von Tassen, Tellern, Löffeln und Tüten einbringen, schätzt das britische Marktforschungsinstitut Verdict. Der Großteil der Souvenirs stammt aus China, die royalen Teebeutel und die eigens kreierte Parfum-Linie „William & Catherine“ kommen aus Deutschland. Vieles wird aber auch lokal produziert – ein weiterer Antriebsfaktor für die britische Wirtschaft.

Gut an William und Kate verdient etwa Paul Hirst, Chef der Druckerei Marvelpress: Eine Supermarktkette bestellte Tausende von Tassen, die Marvelpress mit Kate-&-William-Fotos bedrucken sollte. Die erste Lieferung war schon nach 24 Stunden fällig. „Unser Umsatz stieg dafür dank William und Kate um rund 25 Prozent“, sagt Hirst.

Auch beim österreichischen Spielkartenhersteller Piatnik laufen die Werke auf Hochtouren. Das „Royal Wedding“-Kartenspiel geht gerade in die vierte Auflage. Für Piatnik wird das Spiel zur wichtigsten Neueinführung des Jahres, für den Zuckerlhersteller PEZ wird das Ereignis des Jahres zum PR-Erfolg: Auf die Nachricht, dass PEZ das Brautpaar als PEZ-Spender versteigern wird, folgten über 400.000 Twittermeldungen – in nur acht Stunden.

Kate, Will und das liebe Geld

Die Liebesgeschichte von Kate und ihrem Prinzen scheint besonders bei Damen einen Kaufreiz auszulösen. Das blaue Issa-Designerkleid, das Kate bei der Verlobungspressekonferenz trug, war innerhalb von 24 Stunden ausverkauft. Die britische Supermarktkette Tesco ließ das Kleid industriell nachschneidern. Der „Kate-look-alike“-Fummel für 18 Euro wurde zum bestverkauftn Kleidungsstück in der Geschichte des Tesco-Onlineshops und war nach zwei Wochen vergriffen. Ähnliche Erfolgsmeldungen kamen vom Teleshoppingkanal QVC, der seit Jahren eine Billigkopie von Dianas Saphirverlobungsring verkauft. Als William das Erbstück seiner Kate über den Finger stülpte, versiebenfachten sich die Verkaufszahlen.

Überhaupt entwickelt sich der Kate-Look zum internationalen Renner: Frauen aus aller Welt steigern auf eBay um jedes Kleid mit, das Kate auch nur einmal öffentlich getragen hat, um sich optisch der Prinzessin anzugleichen. Selbst Kates Haarschnitt wird imitiert: Über 25-mal die Woche schneide sie nun „den Kate“, erzählt eine New Yorker Friseurin.

Aber auch für Männer gibt es standesgemäße Devotionalien. Wie wäre es zum Beispiel mit dem „Kiss me Kate“-Bier? Vielleicht noch ein Sealy-Bett der Limited Edition „Crown Jewel“ für 900 Euro dazu, um die Liebste glücklich zu machen? Oder aber doch eher Wetten abschließen, was ja der Briten zweitliebstes Hobby nach Fußball ist. Bei der Wettfirma Paddy Power kann man auf so ziemlich alles zocken: angefangen von der Länge des Schleiers, dem Ziel der Hochzeitsreise und dem Namen des ersten Kindes bis hin zum Zeitpunkt der Scheidung.

Aber auf so etwas Unromantisches wetten natürlich höchstens konservative Tories, die ohnehin die ganze Zeit Stimmung gegen die Hochzeit machen. Was allerdings im monarchietreuen Vereinigten Königreich kaum jemanden interessiert. Die Kosten der Hochzeit von kolportierten sieben Millionen Euro bezahlen die Royals ja selbst. Für den womöglich größten Polizeieinsatz der Geschichte um bis zu 23 Millionen Euro kommt jedoch der Steuerzahler auf. Aber wer wird denn knauserig sein, wenn es um die märchenhaft große Liebe geht?

- Tina Kaiser (London), Martina Bachler

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