Das griechische Drama: Ein Schuldenberg von 300 Milliarden Euro

Österreich war siebenmal pleite, Spanien gar 13-mal: Warum dagegen kein Kraut gewachsen ist, erklären die US-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart in ihrem Buch „Dieses Mal ist alles anders“.

Griechenland sitzt schön in der Patsche. Und auf einem Schuldenberg von 300 Mil­liarden Euro. Dorthin hat sich das Land durch Lügengespinste ganz allein hinmanövriert. Die drohende Staatspleite der Hellenen sollen nun die Europäische Union (EU) und der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einem Hilfspaket in Höhe von 45 Milliarden Euro richten. Ein Tropfen auf den heißen Stein, wird gemunkelt. „Dieses Drama wird noch einige Zeit weitergehen, bevor Griechenland dann doch den Bankrott erklärt“, sagt US-Harvard-Professor Kenneth Rogoff, der es wissen muss. Schließlich hat der einstige Chefökonom des IWF gemeinsam mit Carmen Reinhart, seiner ehemaligen IWF-Stellvertreterin, 800 Jahre an Krisen und Staatspleiten analysiert und im eben erschienenen Buch „Dieses Mal ist alles anders“ zusammengefasst. Dazu haben sie Krisen von 66 Ländern, die heute 90 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung (BIP) repräsentieren, untersucht. Die beiden Autoren kommen zum Schluss, dass auf Bankenkrisen meist eine Welle von Staatsschuldenkrisen folgt und dass Überheblichkeit und Ignoranz der Menschen für die Krisen verantwortlich sind, à la „Finanzkrisen passieren nur anderen Menschen in anderen Ländern“, und alte Regeln ihre Gültigkeit verloren haben.

In zweifelhafter Gesellschaft  
Mit Staatspleiten kennen sich die Griechen schon aus. Das Land hat schließlich seit 1800 die Hälfte der Zeit in Auslandsschuldenkrisen verbracht. Österreich rangiert mit sieben Zahlungsausfällen zwar davor – die letzte war 1940 –, konnte sich aber immer schnell davon erholen (siehe Tabelle). Spitzenreiter ist übrigens Spanien, das gleich 13 Pleiten und Umschuldungen zu Buche stehen hat, sich aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts keinen Bankrott mehr erlaubte. Derzeit gehört Spanien allerdings neben Griechenland, Italien, Portugal und Irland wieder zu den Sorgenkindern. Den Rekord des größten Zahlungsausfalls hält übrigens Argentinien, das im Jahr 2001 erschreckende 95 Milliarden Dollar an Auslandsschulden nicht mehr zahlen konnte. Dass Schuldenkrisen meist im Konzert auftreten und wie Wellen auf eine große Anzahl an Ländern übergreifen, zeigt die Historie. Der erste Pleiten-Höhepunkt ereignete sich während der Napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der zweite Zyklus dauerte von den 1820er-Jahren bis zum Ende der 1840er-Jahre. Auch während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren befand sich beinahe die Hälfte der Länder der Welt in einer Schuldenkrise. So richtig explodiert sind die Schulden aber erst im Jahr vier bis sechs nach dem Crash von 1929 (siehe Grafiken). Geht es in ähnlicher Tonart weiter, so steht die Staatsverschuldung in der derzeitigen globalen Finanzkrise also erst am Anfang und dürfte sich weiter verschärfen.

Zuckerbrot und Peitsche  
In der „guten alten Zeit“ wurde mit Schuldnern ein bisschen anders verfahren als heute. Da fehlte es oft an Geduld. So marschierte England 1876 in der Türkei und 1882 in Ägypten ein, weil beide Länder unfähig waren, ihre Schulden zu begleichen. Nicht anders erging es Haiti, das die USA im Jahr 1915 wegen Zahlungssäumigkeit besetzten. Und Neufundland büßte 1936 seine Souveränität ein und wurde kurzerhand zu einer kanadischen Provinz. ­Heute ist es nur schwer vorstellbar, dass Truppen in Griechenland einreiten, weil das Land wegen jahrelanger Misswirtschaft seine Schulden nicht bedienen kann. Vielmehr zahlen die EU-Staaten ungeheure Summen an Krediten, damit den Griechen nicht die Luft ausgeht. US-Ökonom Rogoff warnt: „Griechenland ist es nicht gewohnt, den Gürtel enger zu schnallen. Die Rettungsmaßnahmen der EU für die Griechen bedeuten für die EU-Staaten eine lange Phase von schleppendem Wachstum. Für den Euro sieht das auch nicht gut aus, da ist eine essenzielle Krise möglich.“

Es geht natürlich auch anders
Die französischen Monarchen hatten bis ins 18. Jahrhundert die Gewohnheit, wichtige inländische Gläubiger hinzurichten, um ihre Schulden nicht zurückzahlen zu müssen. Frankreich hat das nicht geschadet, denn es ist das einzige Land, das seit dem 19. Jahrhundert keine Schuldenkrise mehr auf seinem Konto verbuchen musste. Krise wird im Boom gesät. Da solche Maßnahmen in der heutigen Zeit wenig Anklang finden, ist guter Rat teuer. Denn wirkliche Lösungsvorschläge, um aus der Misere wieder herauszukommen, bieten auch Rogoff und Reinhart nicht. Aber sie zeigen in zahlreichen Tabellen und Grafiken, wie sich eine Krise entwickelt und immer wieder einem ähnlichen Muster folgt. Sie belegen auch, dass der Kern allen Übels in den Boom-Phasen gesät wird. Nämlich dann, wenn sich Staaten, geblendet vom billigen Geld, hoch verschulden.

Schwarzer Freitag
So folgte der Dekade des grenzenlosen Optimismus in den 1920er-Jahren – übrigens eine ähnliche Boomphase wie die vor der Finanzkrise 2007 – ein plötzlicher Börsenkrach im Jahr 1929 und der Ausbruch der schlimmsten globalen Krise überhaupt. Damals hielt man einen Zweiten Weltkrieg für undenkbar. Man dachte auch, dass das globale Wachstum auf unbegrenzte Zeit anhalten würde. Ebenso in Tränen endete die Asien-Krise in den 1990er-Jahren. Der Glaube, dass asiatische Länder gegen Finanzkrisen immun sind, bewahrheitete sich damals nicht. Die Folge: Japans Asset­preisblase platzte und löste eine zehn Jahre dauernde Bankenkrise aus. Der aktuellen Finanzkrise war ein Anstieg der US-Immobilienpreise um 100 Prozent innerhalb von fünf Jahren vorausgegangen. Das allein hätte ein Alarmsignal sein müssen, wurde jedoch wegen des „Dieses Mal ist alles anders“-Syndroms ignoriert.
Was nach der Krise kommt. Die Folgen der Finanzkrisen werden im Buch ebenfalls akribisch ausgewertet. So beträgt der Einbruch der Immobilienpreise im Durchschnitt 35 Prozent, die Erholung erstreckt sich über sechs Jahre, während Aktienpreise im Mittel um 56 Prozent nachgeben und drei Jahre auf einem niedrigen Stand verharren. Österreich übertraf diesen Durchschnittswert 2008 mit einem Minus von fast 70 Prozent bei weitem.

Fünf vor zwölf
Die Arbeitslosenquote stieg für fast fünf Jahre weltweit im Schnitt um sieben Prozent, die Staatsschulden weiteten sich explosionsartig in allen Krisen nach dem Zweiten Weltkrieg im Durchschnitt um 86 Prozent aus. Dieser Wert könnte bereits veraltet sein, da sich nach einer Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich die Verschuldung einzelner Länder bereits verdreifacht hat. Ein Schuldnerland kommt nur so lange zurecht, wie seine Kreditgeber ihm vertrauen. Dass in Griechenland Feuer am Dach ist, zeigen wohl am ehesten die Risikoaufschläge für Staatsanleihen, die trotz der angekündigten Hilfspakete bereits auf fünf Prozent geschossen sind. Die Zweifel an der Zahlungsfähigkeit Griechenlands sind noch lange nicht vom Tisch. Aber damit kennen sich die Griechen ja aus.

Ingrid krawarik

Zur Person
Mit 14 Jahren war Kenneth Saul Rogoff US-Staatsmeister im Schach, elf Jahre später Internationaler Großmeister. Seit 1999 lehrt er an der US-Eliteuniversität Harvard und war von 2001 bis 2003 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Rogoff ist 57 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Das Buch
„Dieses Mal ist alles anders“ nimmt acht Jahrhunderte an Finanzkrisen unter die Lupe. Erschienen im FinanzBuch Verlag, 592 Seiten, 34,90 Euro.

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