Crowdfunding: Neuerfindung einer alten Finanzierungsform

In Zeiten klammer Kassen wird eine alte Finanzierungsform neu entdeckt - "Crowdfunding“. Weit abseits der Kapitalmärkte finden auch größere Projekte jede Menge Investoren.

Schauplatz Rio de Janeiro. Jede halbwegs hippe Band, die in der Millionenmetropole einen Gig haben will, wendet sich heute an die Veranstaltertruppe Queremos - beispielsweise der Ex-Oasis-Leadsänger Liam Gallagher mit seiner neuen Partie Beady Eye im vorigen Herbst. So wie die Investmentbank Goldman Sachs in Sachen Kapitalmarktfinanzierungen als das obere Ende der Fahnenstange gilt, haben die brasilianischen Eventmanager von Queremos das Prinzip des Crowdfundings - grob übersetzt etwa "Schwarm-Finanzierung“ - ebenfalls zu einer eigenen Kunstform veredelt.

Ihr Konzept zum Einsammeln von Geldern vieler Leute, die zur Realisierung eines Projektes beitragen wollen, funktioniert bestechend einfach. Via Facebook, Twitter oder andere soziale Medien wird ein Auftritt angekündigt. Bis zu einer bestimmten Deadline können die Fans sogenannte "refundable tickets“ kaufen, die zur Vorfinanzierung des Konzerts dienen. Kommt die benötigte Summe zusammen - gleichzeitig ein ganz gutes Indiz für das Publikumsinteresse -, beginnt der reguläre Kartenverkauf. Finden sich nicht genug Unterstützer, gibt es einfach kein Konzert, und die Erstinvestoren bekommen ihr Geld wieder. Falls die Sache doch steigt, erhält die Crowd ihren Kapitaleinsatz ebenfalls zurück und als Dividende ein Gratisticket obendrauf. Ein gutes Geschäft für alle.

Finanzierung? Läuft!

Auch in Europa wird das Prinzip des Crowdfundings in Zeiten klammer öffentlicher Kassen und einer risikoaversen Kreditpraxis der Banken immer beliebter. Vor allem wenn es sich um szenige Kulturprojekte oder sozial orientierte Engagements handelt, die mit herkömmlichen Kapitalmarktmethoden nur schwer einzuschätzen und zu bewerten sind. Solche Vorhaben fallen zwar meist durch jeden Kreditraster, finden aber inzwischen dank der aus dem Spendenwesen bekannten Massenfinanzierungspraxis jede Menge bereitwilliger Investoren.

Erst vor wenigen Monaten machte ein ziemlich großes Crowdfunding-Projekt in Deutschland überregionale Schlagzeilen. Der Kölner Produktionsfirma Brainpool ist es vorigen Dezember gelungen, innerhalb einer Woche immerhin eine Million Euro einzusammeln. Mit diesem Geld anderer Leute, jeweils 500 bis 1.000 Euro, soll noch heuer der Dreh für einen Kinofilm zur ProSieben-TV-Comedyserie "Stromberg“ starten - eine Parodie auf den ganz normalen Alltagswahnsinn in der Abteilung Schadensregulierung der fiktiven Capitol-Versicherung. Ganz im Sprech des bösen Bürochefs Stromberg verkündete Brainpool zu Weihnachten allen Unkenrufen zum Trotz: "Finanzierung? Läuft!“

Rasantes Wachstum

Inzwischen gibt es allein im deutschsprachigen Raum rund ein Dutzend Plattformen, auf denen die verschiedensten Projekte mit potenziellen Investoren verlinkt werden. Das reicht von schrägen Kunstacts - wie dem erotischen Videofilm "Hotel Desire“, der sich so die Produktionskosten von rund 170.000 Euro finanzieren konnte und demnächst auf Arte ausgestrahlt werden soll - bis hin zu vielversprechenden Start-up-Unternehmen wie dem Dolmetsch-Dienstleister "Lingoking“ oder der Bildungsinitiative "Reisehörspiele für Kinder“.

Noch bevor Crowdfunding durch den "Stromberg“-Erfolg salonfähig gemacht wurde, hat das deutsche Institut für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom) im April 2011 eine Studie veröffentlicht, in der 125 Projekte auf den sechs wichtigsten Online-Plattformen - inkubato.de, mySherpas.de, pling.de, Respekt.net, visionbakery.de und startnext.de - analysiert wurden. "Diese alternative Finanzierungsform, vor allem für die Kreativwirtschaft, weist ein rasantes Wachstum auf“, sagt ikosom-Chef Karsten Wenzlaff. "Die Anzahl der Projekte und Förderer verdoppelt sich von Quartal zu Quartal. Selbst ohne das ‚Stromberg‘-Beispiel - das ziemlich intransparent ist - haben diese Plattformen in nicht einmal zwei Jahren über zwei Millionen Euro Kapital eingesammelt.“

Laut der ikosom-Studie wurde bisher jedes zweite Projekt erfolgreich ausfinanziert. Bei jenen, wo das nicht gelungen ist, erhielten die Erst-Investoren ihr Geld zurück, oder sie kanalisierten es in andere Vorhaben um. Der Großteil der Projekte war im Film- oder Veranstaltungsbereich angesiedelt, oft auch mit einer ausgeprägten sozialpolitischen Komponente. Nur selten überschritt die Zielsumme der jeweiligen Vorhaben 25.000 Euro, der Durchschnitt lag bei etwa 3.000 Euro, wobei jeder Einzelne im Mittel zirka 80 Euro investierte.

Vorreiter Musik-Business

Verglichen mit der US-Crowdfunding-Plattform kickstarter.com, über die seit ihrer Gründung 2009 mehr als 10.000 Projekte im Gesamtwert von rund 100 Millionen Dollar finanziert wurden, nimmt sich das alles noch ziemlich bescheiden aus. In den USA wachsen solche Online-Märkte inzwischen wie die Schwammerln aus dem Boden, und Anbieter wie indiegogo.com oder sonicangel.com haben sich bereits zu einem Gutteil von sozial-kulturellen Engagements auf kommerziell orientierte Projekte verlegt.

Allgemein gilt die im Jahr 2000 lancierte Plattform ArtistShare.com als die Mutter des Crowdfundings. Ihr Gründer rief sie vor allem als Alternative zum rigiden Copyright-Regime der Musikindustrie ins Leben. Als dann 2006 das Forum sellaband.com startete und vom Fleck weg für das Album nur einer Combo 50.000 Dollar aufstellen konnte, breitete sich die Kunde dieser neuen Finanzierungsvariante wie eine Stampede aus. Sogar etablierte Bands wie etwas Public Enemy greifen inzwischen auf dieses Konzept zurück.

Die erste wirklich breite öffentliche Aufmerksamkeit erregte dann 2010 das Crowdfunding-Projekt "Diaspora“ - eine Art Gegenentwurf zu Facebook mit einer besseren Datenschutzpolitik, für das vier Studenten um läppische 10.000 Dollar warben. Das gefiel immerhin gleich weltweit über 6.000 Leuten, die die Sache mit gut 200.000 Dollar mehr als ausfinanzierten. Darunter auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der das laut "Wired“ für "eine coole Idee“ hält.

Altruismus und Idealismus

In Österreich wird die Idee der Schwarm-Finanzierung vor allem durch die seit Herbst 2010 öffentliche Projektbörse Respekt.net propagiert. "Wie viele meiner Freunde hatte auch ich das Gefühl, zu wenig für die Allgemeinheit zu tun, mich nicht genügend zu engagieren“, resümiert der Unternehmensberater und Respekt.net-Gründer Martin Winkler . "Dabei gibt es genügend Projekte, die bei den Banken auf Ablehnung stoßen, aber es dennoch wert sind, finanziell unterstützt zu werden“.

Seit es der um die Jahreswende online gegangenen Transparenz-Datenbank "Meine Abgeordneten“ gelungen ist, via Respekt.net von mehr als 200 Investoren etwa 20.000 Euro Startkapital einzusammeln, sei auch hierzulande die anfängliche Skepsis einer - noch verhaltenen - Euphorie gewichen. Laut Winkler haben bereits nach etwas mehr als einem Jahr über 200 Projekte für ihre Anliegen auf Respekt.net geworben, von denen bisher 72 ausfinanziert werden konnten. Die Hauptgründe dafür ortet Winkler nicht nur im Altruismus der Unterstützer, sondern auch darin, dass Crowdfunding vielen Menschen die Möglichkeit biete, "ganz persönliche Ziele und Ideale zu verfolgen, für die die üblichen Kapitalmarktregeln eine zu hohe Hemmschwelle bilden“.

Dass es ganz ohne diese Richtlinien nicht geht, wurde den Respekt.net-Leuten allerdings von der hiesigen Finanzmarktaufsicht schnell klargemacht. Denn diese witterte im Online-Einzahlsystem sofort die Möglichkeit der Geldwäsche und unterzog die Plattform einer strengen Banklizenzprüfung. Ergebnis: keine Bedenken.

Wichtige Links:

inkubato.de
mySherpas.de
pling.de
Respekt.net
visionbakery.de
startnext.de
kickstarter.com
indiegogo.com
sonicangel.com
ArtistShare.com

- Rainer Himmelfreundpointner

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