Comeback der Krise?

Comeback der Krise?

Auffällig viele Topunternehmen schreiben Verluste, eine Besserung der Konjunktur ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Russland-Sanktionen drücken das Wachstum. Kommt die überstanden gehoffte Wirtschaftskrise zurück?

Es gibt ihn wieder, den Tag X. Am Höhepunkt der Euro-Krise kursierten im Internet beinahe im Wochentakt neue Termine, zu denen Untergangspropheten den großen Crash erwarteten. Jetzt, so behaupten die Pessimisten vollmundig, würden sich wieder Anzeichen für den finalen Systemzusammenbruch mehren. Zu 80 Prozent würde er im September oder Oktober stattfinden.

Dass in wenigen Wochen die Weltwirtschaft untergeht, kann stark angezweifelt werden. Aber dass sich die Lage laufend verschlechtert, ist unbestritten: Die Konjunkturprognosen werden nach unten revidiert, große Unternehmen plagen sich mit Verlusten, und geopolitische Krisen schüren die Unsicherheit. Heißt es jetzt wirklich schon wieder "Adieu, Aufschwung“, obwohl der Boom noch gar nicht richtig begonnen hat? Feiert die Krise ihr Comeback? Oder war sie gar nicht überwunden und der Aufschwung nur eine Schimäre? Klar ist nur eines: Die klassischen Konjunkturmodelle, die nach einer Delle wieder einen Aufschwung und dann einen Boom vorhersagten, funktionieren heute nicht mehr.


Österreichs Wirtschaft wird heuer nur um rund ein Prozent wachsen.

Aufräumarbeiten

Walter Pudschedl, Ökonom in der Bank Austria, sieht es so: "Die Finanz- beziehungsweise Staatsschuldenkrise ist Geschichte. Was wir derzeit erleben, würde ich als die Folgen der Aufräumarbeiten beziehungsweise der Verunsicherung nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre bezeichnen.“ Auch Friedrich Mostböck, Head of Research bei der Erste Group, will nicht von einem Comeback der Krise sprechen, denn jede Krise sei immer eine andere. "Aber die Auswirkungen der ursprünglichen Krise sind definitiv nicht überwunden.“ Die Staaten schleppen große Schuldenberge vor sich her, daher ist ihr Spielraum für Investitionen und Steuerreformen gering. Manche fühlen sich an Japan erinnert und die dort verlorenen Jahrzehnte, geprägt von Stagnation und dauerndem Durchwursteln.

Dieser Tage hat die Bank Austria ihre Konjunkturprognose für Österreich nach unten revidiert, um weniger als ein Prozent soll die Wirtschaft heuer wachsen. Auch die Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS sowie die Notenbank werden demnächst nüchternere Prognosen als bisher vorlegen. Statt bei 1,5 Prozent, wie Ende Juni erwartet, soll das BIP-Plus heuer nur bei rund einem Prozent liegen. Zwar gab es auch im Juni schon viele Fragezeichen, aber der Optimismus war noch zu spüren. Das Jahr hatte relativ gut begonnen, der ab dem dritten Quartal 2013 eingeschlagene Wachstumspfad schien zu halten. Doch nun prasseln die Bad News nur so herab: Die deutsche Wirtschaft stagniert und zieht damit die gesamte Eurozone nach unten. Die Entwicklungen in Frankreich und Italien fallen enttäuschend aus. Am schlimmsten sind aber die Kämpfe um die Ukraine und die daraus resultierenden Sanktionen: Sie werden Österreichs Wirtschaft 0,5 Prozentpunkte an Wachstum kosten - sofern es zu keiner weiteren Eskalation kommt. Denn ein offener Krieg zwischen Russland und der Ukraine könnte die Eurowirtschaft im kommenden Jahr in die Rezession stürzen, glauben Experten. Dann müsste die Europäische Zentralbank versuchen, mit Liquiditätsspritzen die taumelnde Konjunktur zu stützen und in großem Umfang Staatsanleihen zu kaufen.


Die Zahl der Arbeitslosen steigt, eine kleine Trendwende wird 2015 erwartet.

Für viele Unternehmen haben die Konflikte in der Ukraine, im Nahen Osten und im Nordirak sowie Schreckensnachrichten aus Libyen und Argentinien im Juli die Vorzeichen geändert. Sie lassen sich von der vorherrschenden negativen Stimmung anstecken und sind lieber vorsichtig als mutig.

Daher werden Investitionen aufgeschoben, auch wenn die nötigen Mittel vorhanden und die Zinsen für weitere Kredite niedrig wären. 2013 sind nach Angaben der OeNB die realen Bruttoanlageninvestitionen um knapp ein Prozent geschrumpft, besonders stark fiel der Rückgang bei den Ausrüstungsinvestitionen (Maschinen und Fahrzeuge) aus.


Investitionen bleiben Österreich trotz niedriger Zinsen gering.

Heuer gab es im ersten Quartal mit 0,6 Prozent ein leichtes Wachstum, aber schon im zweiten Quartal wieder ein Minus, und der Ausblick hat sich weiter eingetrübt. "Die Folge ist die derzeitige Wachstumsschwäche der Wirtschaft. Also keine Fortsetzung, kein Comeback, aber möglicherweise der Beginn einer neuen Krise. Das werden wir aber erst in ein paar Jahren beurteilen können“, so die Einschätzung von Bank-Austria-Ökonom Pudschedl.

Hohe Abschreibungen nötig Vergangene Investitionen werden nun ebenfalls in dem von Unsicherheit geprägten Licht gesehen - was vor allem in Osteuropa zu hohen Abschreibungen führt. Österreichs Wirtschaft hat stark auf diese Region gesetzt, unter den derzeitigen Rahmenbedingungen alles andere als ein Vorteil. Daher mussten viele Unternehmen Gewinnrückgänge beziehungsweise Verluste vermelden. Prinzipiell wären die heimischen Unternehmen relativ gut aufgestellt, glaubt Bernhard Gröhs, Partner bei Deloitte Österreich. Doch das Umfeld lasse eben keine großen Sprünge zu. Auch IHS-Chef Christian Keuschnigg sieht das größere Problem des österreichischen Marktes im globalen Umfeld. "Grundsätzlich ist Österreich jedoch gut positioniert.“

Doch jetzt drückt die schlechte Stimmung auch das Konsumentenvertrauen. Die relativ hohe Inflation und die ungünstigen Aussichten am Arbeitsmarkt machen die Konsumenten vorsichtig. Das und die sinkenden Investitionen führen langfristig zu weniger Arbeitsplätzen und noch weniger Konsum, es ist eine Spirale nach unten, so Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung. Die größten Sorgen macht ihm, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs so markant von der deutschen und der US-amerikanischen unterscheidet. "Gerade angesichts der unsicheren Lage setzt Deutschland vermehrt auf die Binnenkonjunktur“, so Helmenstein. Im Weltmeisterland sind die Konsumenten zuversichtlich, die Zahl der Arbeitslosen geht zurück. Diese Entwicklung fehle in Österreich. "Was nicht zuletzt als Ausdruck sinkenden Vertrauens in den heimischen Standort zu werten ist“, sagt Helmenstein.


Der private Konsum schwächelt aufgrund der hohen Unsicherheit.

Das größte Problem ist: Je länger die Wirtschaft so schwach ist, desto schwieriger wird es, so Marcus Scheiblecker vom Wifo: "Dann müssen neue Strategien gefunden werden. Die Unternehmen müssen auf die Sparschiene gehen, und daher kommt es zu einer Verfestigung der Arbeitslosigkeit.“ Damit wird aus einer Krise eine chronische Krankheit.

Prinzipiell hätten die Unternehmen genug Mittel, um die Investitionen zu finanzieren, auch das Zinsniveau ist niedrig. "Deshalb könnte es, sobald sich die Stimmung dreht, sehr steil nach oben gehen“, glaubt Asset Manager Wolfgang Matejka. Doch in den nächsten ein, zwei Jahren sei nicht zu erwarten, dass die Wirtschaft wieder in die Höhe rasselt, so Gröhs.

Es gibt viele Rezepte, mit denen stärkeres Wachstum erzeugt werden könnte: Am wichtigsten wäre, den Investitionen einen Schub zu geben. Dafür müssten auch die politischen Unruhen ein Ende nehmen - was sich derzeit nicht abzeichnet. Für IHS-Direktor Keuschnigg wäre es Zeit für Reformpakete. "Wenn Unternehmen Änderungen sehen würden, würde es vermutlich anders laufen“, vermutet er.

Mitterlehner setzt auf EU

Bank-Austria-Ökonom Pudschedl nimmt die EU in die Pflicht: "Ich denke, dass es nunmehr an der Zeit ist, zumindest über eine Lockerung in der Budgetpolitik in Europa nachzudenken, um der Wirtschaft - bitte aber koordiniert auf EU-Ebene, denn nur etwa Österreich allein würde nichts bringen! - frische Impulse verleihen zu können.“ Auf Lösungen auf EU-Ebene setzt auch der neue ÖVP-Chef und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner: "Der zu Jahresbeginn erwartete Aufschwung ist aufgrund der vielen politischen Krisen sehr gedämpft worden. Das ist für ganz Europa ein Problem, und ich werde das beim nächsten Wettbewerbsfähigkeitsrat in Brüssel thematisieren“, kündigt er gegenüber FORMAT an. "Was wir jetzt brauchen, sind eine Lösung der politischen Krisen, neue Exportmärkte und Investitionen in Europa selbst, auch wenn die budgetären Spielräume dafür eng sind.“

Doch es gibt nicht nur Rezepte, um die Wirtschaft anzukurbeln. Soeben ist ein "Krisen-Kochbuch“ erschienen, das zeigen will, wie man aus "Notlösungen“ köstliche Gerichte machen kann. Oder zumindest ein Geschäft mit all jenen, die ganz pessimistisch sind und an den Tag X und den globalen Zusammenbruch glauben.

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