Chinas Problemzonen

Die Supermacht soll Europa mit Milliardenzahlungen retten. Doch das boomende asiatische Land hat selbst mit einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten zu kämpfen.

Da wird auch der herzliche Empfang in Österreich, wo man die Delegation um den chinesischen Staatschef mit Mozartkugeln und Schnaps beglückte und Menschenrechtsdemonstranten tunlichst fernhielt, wenig nutzen: Das Interesse der asiatischen Großmacht, den Euro-Schutzschirm mit ihren Billionen zu finanzieren, ist gering. Dennoch wird dieser Tage beim G-20-Gipfel im französischen Cannes wieder einmal alles darangesetzt werden, den Kommunisten aus dem Osten die Rettung des westlichen Kapitalismus schmackhaft zu machen.

Chinas Zaudern, Milliarden für Europa lockerzumachen, ist auch, aber beileibe nicht nur Koketterie. Die vermeintlichen Heilsbringer aus dem Fernen Osten haben derzeit ihre eigenen Sorgen – und das nicht zu knapp.

Erfolgreiche Underground-Banker

Auf den ersten Blick bleiben die Schwierigkeiten hinter der Maske des Booms verborgen: Die Wirtschaft wächst – wie seit den 80er-Jahren – um rund zehn Prozent per annum, das Land verfügt über Devisenreserven von 3,2 Billionen Dollar, und chinesische Unternehmen bauen ihre Stellung in der Welt weiter aus. Umgekehrt sind westliche Luxusmarken in großen Städten wie Peking und Shanghai längst Alltag geworden.

Doch Chinas Konjunktur droht sich zu überhitzen, und der Versuch, das Wachstum durch höhere Mindestreservesätze für Banken zu drosseln, bleibt nicht ohne Folgen: Weil die staatlichen Geldinstitute weniger Kredite vergeben dürfen, sind Underground-Banker in die Bresche gesprungen. „Vor allem mittelständische Unternehmer versuchen so, an Kredite zu kommen“, sagt Horst Löchel, Volkswirtschaftsprofessor in Frankfurt und Shanghai.

Auf den Seiten der Lokalzeitungen findet man Telefonnummern und Namen wie „Himmlisch leichte Investments“ oder „Schnelle Gewinne“. Dahinter stecken Geldverleiher, die ihre Geschäfte illegal machen. Das japanische Bankhaus Namura schätzt, dass umgerechnet bereits mehr als eine Billion Euro in den chinesischen Schattendarlehen stecken – rund ein Fünftel des gesamten Kreditsektors des 1,4-Milliarden-Einwohner-Landes.

Die Risiken im Schattenbankensystem könnten sich zu einer „Subprime-Krise“ auswachsen, warnt die Investmentbank Barclays. Denn die Wucherer verleihen das Geld zu Zinssätzen zwischen 20 und 100 Prozent, was die Rückzahlung selbst im Wachstumsmarkt China schwer macht. An Geldnachschub mangelt es nicht: Private Investoren geben in der Hoffnung auf hohe Renditen gerne Geld her, zumal ein normales Sparbuch kaum Erträge bringt. Sie unterschätzen die Gefahr, dass Kredite nicht zurückbezahlt werden.

Auch vor dem Platzen einer gigantischen Immobilienblase wird gewarnt: Die Volumina im Real-Estate-Sektor haben sich allein in den ersten neun Monaten 2011 erneut um ein Drittel ausgeweitet. Gleichzeitig stehen ganze Stadtteile leer, weil die Preise zu hoch sind.

Auch sonst wird das Leben teurer: Zwar meldet China eine Inflationsrate von 6,1 Prozent für September. Aber viele zweifeln an dieser offiziellen Darstellung und halten Teuerungsraten von bis zu zehn Prozent für realistischer. Besonders Lebensmittel sind vom Preisschub betroffen. „Das birgt natürlich einen gewissen sozialen Brennstoff“, so Professor Löchel.

Arbeiter ohne Sicherheit

Chinas neuer Reichtum ist ungleich verteilt: Der Boom findet vor allem entlang der Küste statt. Im Landesinneren ist vom Aufschwung weniger zu spüren. Rund 200 Millionen Wanderarbeiter haben ihre Dörfer verlassen, um auf den großen Baustellen der Megacitys für einige Monate Beschäftigung zu finden. Ihr Leben ist ohne jede Sicherheit: Selbst die staatliche Eisenbahn musste aufgrund der Kreditklemme den Weiterbau im Schienennetz stoppen – die betroffenen sechs Millionen Bauarbeiter erhielten wochen-, teils sogar monatelang kein Geld.

„Die ungleiche Verteilung ist Chinas größtes Problem“, sagt Johan Galtung, norwegischer Friedensforscher und Berater des chinesischen Zentralkomitees. Denn wenn alle arm sind, gibt es wenig Neid. Wenn aber wie in China ein Teil der Einwohner sehr reich wird, kommt es zu Spannungen, die zu Volksaufständen führen könnten. „Das ist die große Angst der Regierung“, so Galtung.

Längerfristig problematisch ist auch die Ein-Kind-Politik, die einen Männerüberschuss zur Folge hatte: Im Jahr 2020 werden rund 30 Millionen chinesische Männer keine Frauen finden. Hinzu kommen die Überalterung der Gesellschaft und Schwierigkeiten, die Pensionen zu bezahlen.

Passive Politik

In der Parteispitze sind diese Probleme zwar bekannt, aber für Lösungen scheint nicht die richtige Zeit zu sein: In den kommenden zwei Jahren bekommt China eine neue Führung. Der Vizepräsident wird Präsident, der stellvertretende Premierminister Premier. Derzeit hält sich laut Beobachtern jeder im Zentralkomitee zurück und bleibt aus Sorge, etwas falsch zu machen, passiv. „Es herrscht eine gewisse Lähmung, wie es das auch in Europa vor Wahlen gibt“, erklärt Löchel.

Aus diesem Grund ist es unwahrscheinlich, dass die Chinesen in Cannes viel Geld für Griechenland lockermachen. Jacob Kirkegaard vom Peterson Institute for International Economics in Washington hält dies angesichts des bevorstehenden Stabwechsels sogar für ausgeschlossen.

In staatlichen chinesischen Medien wird antieuropäische Stimmung gemacht. Auf der anderen Seite ist die EU der größte Handelspartner Chinas: Kommt hier die Wirtschaft zum Stillstand, trifft das auch die Exportweltmeister. „China investiert rational. Wenn es gewisse Sicherheiten und politische Zugeständnisse bekommt, wie etwa die Anerkennung als Marktwirtschaft, wird es auch in den Euro-Rettungsschirm investieren“, glaubt Löchel.

Mit dem Status Marktwirtschaft vereinfachen sich die Handelsbeziehungen, und der Westen kann sich weniger gegen chinesische Waren abschotten. Auch ein Ende des Waffenembargos steht auf der Wunschliste. Mozartkugeln und Schnaps allein werden daher nicht reichen, um aus den Chinesen Euro-Retter zu machen.

– Martina Bachler, Miriam Koch

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