China auf großer Einkaustour: Die asiatische Supermacht investiert massiv in Europa

Die asiatische Supermacht tritt als Großinvestor und Retter der europäischen Schuldenstaaten auf. Worauf es China eigentlich abgesehen hat und was das für Europa bedeutet.

In der Öffentlichkeit müssen Regierungschefs von Schuldenstaaten einen ununterbrochenen Balanceakt bestehen. Studieren lässt sich das dieser Tage gut an José Sócrates. „Portugal ist in der Lage, seine Schulden auf den Kapitalmärkten zu finanzieren“, wird der portugiesische Ministerpräsident nicht müde zu betonen. Sócrates hat die schwierige Aufgabe, die psychologische Macht der Finanzmärkte zu bändigen.

Gut möglich, dass er deshalb zu einem Mittel greifen wird, das in Europas Peripherie immer populärer wird: Finanzhilfe durch die Chinesen. Schon vor wenigen Tagen erhielt Portugal über eine Privatplatzierung von Staatsanleihen Geld von unbekannter Seite, nun wurden über eine Anleihenplatzierung knapp 1,25 Milliarden Euro lukriert.

Dass dahinter auch Geld aus der finanzstarken Volksrepublik steckt, gilt als wahrscheinlich. Denn Chinas Volksvertreter, mit Devisenreserven von mehr als 2,6 Billionen Dollar gesegnet, touren ständig durch Europa, um ihre Hilfe anzubieten. China will „Pakete zur Finanzstabilität“ aufkaufen, versprach Li Keqiang, Vizepremier des Landes, schon vor seinem Europa-Besuch zu Jahresbeginn.

Der reiche Onkel aus China  

An den Rändern Europas kommt die Hilfe aus dem Reich der Mitte gut an. Bereits im vergangenen Juni hatten die Chinesen Island mit einem Währungsdeal von einer halben Milliarde Euro unter die Arme gegriffen, zudem wurden spanische Staatsanleihen im Wert von Hunderten Millionen Euro gekauft – weitere sechs Milliarden sollen hinzukommen. Auch griechische und portugiesische Anleihen stehen seit Herbst auf der Einkaufsliste.

Anleihen von Pleiteländern sind jedoch nur die eine Seite der Shoppingtour à la China. Daneben investieren die Asiaten Milliardenbeträge in europäi­sche Unternehmen und Infrastruktur. Sie bauen Autobahnen in Polen, Industriezonen in Bulgarien, Brücken in Serbien und Häfen in Griechenland. Und sie suchen aggressiv nach Unternehmensbeteiligungen.

Waren es in den vergangenen Jahren Afrika, Süd­amerika und Australien, die im Fokus Chinas standen, ist nun Europa dran. Den schlingernden Randstaaten mag die Hilfe der Asiaten willkommen sein, in Europas Mitte dagegen überwiegt die Skepsis, wenn nicht blanke Angst. „China übernimmt die EU, und wir Europäer verkaufen unsere Seele“, zog kürzlich EU-Kommissar Günther Oettinger ein furchtsames Fazit.

Klar ist: „China kann vor Kraft kaum laufen“, so Eberhard Sandschneider, China-Experte und Direktor der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik. „Wenn ein Land 30 Jahre lang wirtschaftlich wächst, wird es selbstbewusst, auch in seiner Wirtschafts- und Außenpolitik.“ Dabei geht es aber weniger um Protzgehabe, sondern um klare strategische Ziele. Europa spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Was China hiermit vorhat, lässt sich an ökonomischen und politischen Zielen festmachen:

China benötigt ein stabiles Europa

Dass China Europas Pleitekandidaten Irland, Griechenland, Portugal und auch Spanien unter die Arme greift oder greifen will, hat vielleicht mehr mit Freundschaft zu tun, als es auf den ersten Blick scheint: Geht es Europa gut, geht es nämlich auch China gut. Europa ist Chinas wichtigster Absatzmarkt, rund 20 Prozent seiner Exporte gehen in die EU, 18,5 Prozent in die USA. Schlittern Europas Staaten in die Krise oder zerfällt die Eurozone gar, vermindert sich in Europa die Nachfrage nach chinesischen Fabrikaten. Die momentane Freundlichkeit soll sich durch ein stabiles Europa in Zukunft also bezahlt machen. Zudem hat China Interesse daran, dass seine bisherigen, im Vergleich zu jenen in die USA allerdings geringen Investitionen in Europa nicht wertlos werden.

China will in Europa weiter expandieren

China als Werkbank der Welt – das könnte bald der Vergangenheit angehören. Ziel der dortigen Führung ist der Vorstoß in den Hightech-Bereich, ob aus Wertschöpfungsüberlegungen heraus oder um im Heimmarkt die ausländischen Konkurrenten zurückzudrängen. Am einfachsten erreicht man das durch Übernahme schwächelnder europäischer Technologiekonzerne – Know-how inklusive.

Das prominenteste Beispiel in Österreich ist der Flugzeugausrüster FACC, der inzwischen zu über 90 Prozent den Chinesen gehört. Oder der Autobauer Volvo, die Technik von Saab oder die britische Kfz-Schmiede MG/Rover. Technologien, die chinesische Unternehmen bereits beherrschen, werden gleichzeitig energisch in die europäischen Märkte gepresst. In Österreich bringen die Telekomausrüster ZTE und Huawei Firmen wie Nokia Siemens Networks in Bedrängnis. Sie sind nicht die Einzigen, weiß China-Experte Wilfried Gunka von der österreichischen Betriebsansiedelungsgesellschaft ABA: „Seit 2005 steigen die Österreich-Investments von Chinesen über die ABA jährlich um zehn Prozent.“ Die gesamten österreichweiten Direktinvestitionen haben noch stärker zugelegt: Wurden 2007 in Summe 14 Millionen Euro investiert, war es im Vorjahr bereits das zehnfache Volumen.

In Polen baut die China Overseas Engineering Group (COVEC) zwei Teilabschnitte der Autobahn A2 zwischen Warschau und Lodz. Es ist das erste EU-Bauprojekt der Chinesen – und war ein Drittel billiger als das des zweitbesten Bieters. In Serbien wurde ein weiterer Trumpf ausgespielt. Durch eine strategische Partnerschaft gehen Projekte im Wert von mehreren Milliarden Euro an chinesische Firmen. Der Clou: Finanziert wird zum Teil mit Krediten der Export-Import Bank of China, zum Traumzinssatz von drei Prozent. „Während westliche Firmen in China durch Protektionismus ausgebremst werden, arbeiten sich chinesische Staatskonzerne in Osteuropa mit nicht marktkonformen Kreditkondi­tionen immer weiter vor – bis in die EU“, gibt man sich beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft alarmiert.

Geopolitische Ambitionen

Wie die Chinesen wirtschaftliche und geopolitische Interessen verbinden, zeigt sich am besten am Betrieb des größten Containerterminals im griechischen ­Hafen Piräus. Dort hat sich der chinesische Logistik­konzern COSCO die Betriebskonzession auf 35 ­Jahre gesichert. Das „Singapur des Mittelmeers“ (COSCO-Chef Wie Jiafu) soll Chinas Brückenkopf nach Europa werden. Auch Chinas Island-Hilfe mittels 500-Millionen-Euro-Swap-Deal ist kein reiner Freundschaftsdienst. Island liegt am Ende der bald eisfreien Nord­ostpassage, dem Seeweg von Asien nach Europa. Bei den Investitionen in Spanien und Portugal soll die Tür längerfristig in eine andere Richtung auf­gehen: nach Lateinamerika, wohin die ehemaligen Kolonialländer enge Verbindungen unterhalten und wo viele iberische Unternehmen Niederlassungen ­haben.

China nützt ein starker Euro

Indem China Staatsanleihen aufkauft, stützt es die einzelnen Länder, aber auch den Euro: Währungs­spekulationen können dadurch zumindest einge-
dämmt werden, schätzen Experten. Zudem würde ein schwacher Euro die Produkte aus den euro­päischen Ländern im weltweiten Exportgeschäft ­gegenüber den chinesischen wettbewerbsfähiger ­machen – und so dem chinesischen Exportgeschäft schaden.

In Europa winken hohe Zinsen

Mit enorm gestiegenen Zinsen auf die Staatsanleihen der Krisenländer sind die Hilfszahlungen für die Chinesen auch auf direktem Weg finanziell interessant. China würde jedoch die Einführung von Euro-Bonds begrüßen, also europäischer Gemeinschaftsanleihen – auch wenn deren Zinsniveau niedriger liegen würde als das irischer oder griechischer Anleihen. „Es wäre schlicht einfacher, große Summen zu investieren. So viele Anleihen sind von den einzelnen Staaten gar nicht am Markt“, sagt WIFO-Ökonom Stefan Ederer.

China diversifiziert seine Fremdwährungsreserven

China ist der größte Schuldner der USA, rund 846 Milliarden Dollar hat es in US-amerikanischen ­Trea­sury Bills angelegt. „Chinas Absicht, seine Währungsreserven stärker zu diversifizieren, besteht schon länger. Durch die Krise in Europa hat sich ein guter Zeitpunkt ergeben“, so Ederer. Nach offiziellen Angaben hielt China im September ein Viertel seiner ­Devisen in Euro. Der Plan ist, diesen Anteil langfristig auf 40 Prozent zu erhöhen.

China will von den USA unabhängiger werden

Mit China und den USA stehen zwei Supermächte einander skeptisch gegenüber. Die USA sehen den Renminbi auch nach der jüngsten Aufwertung als um rund drei Prozent unterbewertet an. China erhofft sich durch die Anleihenkäufe und Investitionen in Europa also auch Rückendeckung für seine Geldpolitik. „Peking träumt davon, dass die Hegemonie des US-Dollars im Weltfinanzsystem eines Tages durch eine Triade von drei Leitwährungen, US-Dollar, Euro und Renminbi, abgelöst wird“, sagt Xuewu Gu, Politikwissenschaftler an der Uni Bonn.

Von China lernen

Noch ist nicht abzusehen, wie die neue Supermacht Europa prägen wird. „China denkt anders als die westliche Welt, es denkt strategisch und langfristig“, sagt VWL-Professor Horst Löchel von der China Europe International Business School in Shanghai – und so geht es auch jetzt vor. Europa täte deshalb gut daran, sich mit ganzer Kraft darauf einzustellen, mehr mit einer Stimme zu sprechen und ebenso strategisch zu denken wie China. Die deutsche Idee einer „Rohstoff AG“, welche die Inter­essen von Industriepartnern bündelt und stärker auf den Beschaffungsmärkten auftritt, ist eine solche Möglichkeit. Ebenso das wettbewerbspolitische Instrument, das der belgische EU-Handelskommissar Karel De Gucht entwickeln lässt. Künftig sollen dadurch Diskriminierungen europäischer Unternehmen am chinesischen Markt mit harten Sanktionen belegt werden. Instrumente wie diese schaffen Fairness im Wettbewerb und vermögen dadurch die europäischen Versagensängste zu mildern.

China-Kenner wie Eberhard Sandschneider halten diese Ängste aber ohnehin für übertrieben. „Wir hatten dieselbe Angst, die wir jetzt vor China haben, bereits vor Japan und den kommunistischen Ländern. Der Westen wird nicht untergehen. Aber er muss sich auf die offensichtlichen Folgen der Globalisierung einstellen.“ Und im Notfall müsse Europa, so Sandschneider realistisch, „eben einen Weg finden, erfolgreich abzusteigen“.

– Martina Bachler, Arndt Müller

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