Chaos Change Chance?Delle, eine Rezession, oder haben wir eine Depression

Ist es nur eine kleine Delle, eine Rezession, oder haben wir eine Depression vor uns? Drei Szenarien und drei Risikofaktoren für die Weltwirtschaft 2009.

Sehen Sie sich die Zahlen auf der Karte rechts gut an, lachen Sie ein bisschen verzweifelt – und dann heben Sie sie für einen gepflegten Smalltalk in einem halben Jahr auf:XXXXXX Denn dann wird vermutlich alles anders sein. Die Prognosen werden derzeit im Wochentakt nach unten revidiert, nur um von der Realität überholt zu werden. Sicher ist: Die Weltwirtschaft schlittert 2009 in die Rezession. Sieht der IWF noch ein leichtes Plus (global gilt alles unter drei Prozent als Rezession), rechnet die UNO gar mit einer schrumpfenden Weltwirtschaft (s. Grafik). Doch wie lange die Flaute dauert, ist unklar. „In solchen Zeiten muss man in Szenarien denken und auf alles vorbereitet sein“, empfiehlt Unternehmensberater Roland Berger.
Szenario 1: „Alles wird gut“.  „Eine kurze Wachstumsdelle“ und Aufschwung schon ab dem Jahr 2010: Davon gehen derzeit fast alle veröffentlichten Prognosen aus. Dafür spricht, dass die Politik – nach einer langen Schrecksekunde – so entschlossen und konzertiert reagiert wie nie zuvor in einer Krise. Die Notenbanken pumpen seit Monaten Liquidität in den Markt und senken die Zinsen – in den USA auf nur 1 Prozent, in Europa vorerst auf 2,5 Prozent. Die billionenschweren Bankenrettungspakete und Verstaatlichungen haben die Kernschmelze im Finanzsystem verhindert, und nun rollen die Konjunkturpakete an (s. Kasten oben). In der Industrie ist bisher nur die Autobranche schwer getroffen, auch die kann staatlich aufgefangen werden. Ob „alles gut wird“, hängt vor allem von den USA ab: Wenn Barack Obama das Vertrauen wiederherstellen kann, stehen die Chancen gut, dass aus der Rezession nur eine kleine Delle wird.

Szenario 2: Augen zu und durch. Doch Wirtschaftsforscher glauben mittlerweile kaum mehr an den schnellen Aufschwung. Wahrscheinlicher ist Szenario zwei: eine Rezession, die vor allem die Industrieländer trifft und zwei bis drei Jahre dauert. „Die Krise hat im Finanz- und Immobiliensektor begonnen. Das sind Probleme, die nicht schnell zu lösen sind“, meint etwa Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der DEKA-Bank. Für dieses Szenario spricht, dass das Vertrauen auf den Kreditmärkten – und damit das Vertrauen in Wachstum – trotz aller Rettungspakete derzeit gleich null ist.
Die Folgen: ausbleibende Investitionen, Einbruch im Konsum und weltweit steigende Arbeitslosigkeit. Damit wird die Masse der Konsumenten erst 2009 von der Krise getroffen. Selbst der immer optimistische IWF warnt, dass die Rezession bis 2011 dauern wird. Diese Rezession würde in den Industrieländern auch jenseits des bereits schwer getroffenen Bankensektors und der Autoindustrie zu Umwälzungen führen: Gefährdet sind laut Roland Berger die Chemie-, die Bekleidungs- und die Nahrungsmittelindustrie. Doch wenn die Wachstumsmaschinen in den Schwellenländern – allen voran China – durchhalten und die USA sich schnell erholen, sollte die Rezession nach einigen Umwälzungen 2011 in einen neuen Aufschwung münden.

Szenario 3: Depression.  Doch selbst das könnte zu optimistisch gedacht sein. „Ich hoffe nur, dass der Markt nicht Recht hat“, meint Willi Hemetsberger, Ex-Banker der Bank Austria, angesichts der einbrechenden Aktienmärkte und des Stillstandes auf den Kreditmärkten: Offenbar erwartet der Markt massenhaft Konkurse und lange Rezession. Das befürchtet auch die UNO, die, wenig beachtet, schon seit 2005 vor einem Zusammenbruch des Finanzsektors und in Folge der Weltwirtschaft gewarnt hat. Der „Global Outlook 2009“, der im Jänner erscheint, warnt: „Die Weltwirtschaft steht in der schwersten Krise seit den 30er-Jahren. Das Vertrauen wiederherzustellen wird Monate, wenn nicht Jahre dauern. Es scheint unausweichlich, dass die großen Ökonomien eine signifikante Schrumpfung erleben und dass Erholung nicht bald einsetzen wird, selbst wenn die Konjunkturpakete greifen. Darüber hinaus sind die Kosten für die Staaten gigantisch, und es ist unsicher, wie viel davon über wirtschaftliche Erholung wieder hereingeholt werden kann.“
Ob dieses düstere Szenario eintritt, hängt vor allem von drei Faktoren ab.

Risiko eins: Die Leichen im Keller des Finanzsystems. Trotz aller Bankenrettungspakete und Liquiditätsspritzen ist das Vertrauen auf den Finanzmärkten und der Banken untereinander im Keller. Das spricht für weitere „Leichen im Keller“. Finanzmagnat George Soros meint: „Das Platzen der US-Immobilienblase war der Zündfunken für eine viel größere Superblase, die sich seit den 1980ern entwickelt. Zugrunde liegen dieser Blase ständig wachsende Kredite und Leverage.“ Dieser Einsatz von Krediten als Hebel, um die Wirkung des eingesetzten Kapitals in Geschäften zu vervielfachen, sorgt im Boom für fantastische Gewinne – doch in einem Abschwung löst er Katastrophen aus, warnt Soros. Tatsächlich war der Auslöser der derzeitigen Krise – die weiterverkauften Hypothekenkredite der USA – nur ein sehr kleiner Teil der Kreditpyramide, die nun Stück für Stück zusammenbricht. Allein 50.000 Milliarden an Kreditderivativen (verbrieften und weiterverkauften Kreditrisiken) sind in den Banken dieser Welt verteilt – fast hundertmal so viel, wie die verbrieften Immobilienkredite ausmachten. Jede große Firmenpleite kann einen Domino Day auslösen, und derzeit weiß niemand, welche Steine fallen würden. Das Volumen aller Derivate, schätzt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, ist überhaupt gleich zehnmal so groß wie das Welt-BIP: 600.000 Milliarden Dollar. Bricht die Pyramide zusammen, kommt es zur Kernschmelze.
Während die Politik noch im Frühjahr forderte, die Leichen aus dem Keller zu holen und alle Risiken offenzulegen, hat man mittlerweile einen Schleier über die Bilanzen gelegt (in der EU per Dekret im Oktober). Der Grund: „Es gibt weltweit keine Experten, die die Risiken bewerten können oder auch nur verstehen, was diese Papiere bedeuten und anrichten können“, sagt Rolf Stürner, Rechtsprofessor in Freiburg, dessen Anwaltskanzlei auf die Bewertung einiger Arten von Bonds und Derivaten spezialisiert ist. „Die Politik versucht nun, das Gift im System durch den massiven Zuschuss von Liquidität zu verdünnen. Ob es gelingt, steht in den Sternen.“ Der schnellste Ausweg aus dem Dilemma ist also mehr billiges Geld. Doch das stand schon am Anfang dieser Blase.

Risiko zwei: Der drohende Dollar-Crash.  Die Zukunft der Weltwirtschaft hängt stark an einer einzelnen Person: Schafft Barack Obama den Change auch in der Wirtschaft, dann kommt die Weltwirtschaft wieder ins Rollen. Doch der neue Präsident übernimmt ein Land, das am Rande des Bankrotts steht – und droht das Vertrauen zu verlieren. Die Staatsverschuldung der USA hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt (s. GrafikXXXXX) – und steigt in Schwindel erregendem Ausmaß: Allein seit Beginn des neuen Fiskaljahres am 30. September sind über tausend Milliarden neuer Schulden dazugekommen. Der Löwenanteil liegt in China, das Währungsreserven von über zwei Billionen Dollar angehäuft hat und der verlässlichste Käufer von US-Staatsanleihen ist. Das Interesse der Chinesen ist klar: Bricht die Wirtschaft in den USA ein, trifft das den chinesischen Export. Doch wenn es Barack Obama nicht schafft, das Vertrauen in die größte Volkswirtschaft der Welt und den Dollar aufrechtzuerhalten, droht der Kollaps. Die UNO etwa warnt vor einem Dollar-Crash 2009: Die USA können, da sie die Weltleitwährung kontrollieren, zwar vorerst die Geldmenge erhöhen und sich aus der Krise „inflationieren“. Derzeit funktioniert es: Angesichts der Krise werden US-Staatsanleihen gar zu null Prozent Zinsen verkauft, der Dollar hat kurzfristig gewonnen. Doch wenn die Krise anhält und die globalen Ungleichgewichte korrigiert werden, droht der Crash: „Ein Fall des Dollars würde neue Krisen am Finanzmarkt auslösen. Investoren würden wieder in sichere Werte fliehen, aber diesmal nicht in Dollar-notierte Assets. Das würde die US-Wirtschaft in eine harte Landung und die Weltwirtschaft in eine tiefere Rezession stürzen“, warnt Rob Vos, Direktor der UN Development Policy and Analysis Division.

Risiko drei: China auf der Bremse.  Risikofaktor drei ist die Zukunft der großen Schwellenländer, in den letzten Jahren Motor der Weltwirtschaft: die BRIC-Staaten. Während Russland in die Rezession schlittert und sich das Wachstum in Brasilien und Indien empfindlich verlangsamt hat, wird China für 2009 ein Wachstum von 7,5 Prozent prognostiziert. Doch ob das eintrifft und genügt, ist nicht sicher. Die Prognosen basieren auf einem Exportwachstum – doch im November sind die Exporte um fast fünf Prozent geschrumpft, und das Wachstum in der Produktion ist auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn revidierte am Montag bereits seine Prognose: „China wird 2009 nur fünf bis sechs Prozent wachsen.“
China versucht nun, die wegbrechenden Exporte zu kompensieren, indem es die Geldmenge drastisch um 17 Prozent erhöht und die Binnennachfrage durch Konjunkturpakete anheizt. Doch Sherman Chan, Analyst bei Moodys, ist pessimistisch: „Rezession und Deflation sind eine echte Gefahr. Trotz ihrer Entschlossenheit wird es der Regierung schwerfallen, bei steigender Arbeitslosigkeit die Binnennachfrage zu stimulieren.“ Nun hat Chinas Regierung selbst wiederholt gewarnt, dass das Land mindestens acht Prozent Wachstum braucht, um die sozialen Probleme und die Folgen der Umweltzerstörung im Griff zu behalten. Sinkt Chinas Wachstum, ist das allerdings nicht nur ein Risiko für die politische Stabilität des bevölkerungsreichsten Landes der Welt: Der Weltwirtschaft ginge ihr wichtigster Motor verloren.

Chancen im Chaos.  Doch keine Krise ohne Chancen: Viele Experten halten es für heilsamer, die Krise nicht einfach mittels Geldspritzen zu durchtauchen – sondern für eine Neuordnung der Weltwirtschaft zu nützen. Über die Führungsrolle in dieser Debatte ist ein heißer Streit entbrannt. Die UNO hat bereits Maßnahmenkataloge erarbeitet. Die USA und die führenden Wirtschaftsnationen haben allerdings auf dem Finanzgipfel in Washington den Prozess an der UN vorbei begonnen – und wollen dies im April fortsetzen. Und auch hier hängt fast alles an einer Person: dem neuen amerikanischen Präsidenten. Deshalb sehen Sie sich die Prognosen gut an, und dann vergessen Sie sie bis zum 20. Jänner: dem Tag der Angelobung von Barack Obama.

Von Corinna Milborn

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