bwin-Zocker-Affäre: Deutsche Bank soll Aktienkurs massiv manipuliert haben

Die Deutsche Bank soll massive Kursmanipulation in bwin-Aktien betrieben haben. Der Bankmanager wurde kürzlich wegen Insider­handels angeklagt. Dem Geldinstitut drohen nun Schadenersatzklagen.

Ein Glücksspiel war es letztlich nie. Als Roman Eisenschenk im März 2005 bei einer Inves­torenkonferenz in London die Aktie des Sportwettanbieters bwin anpreiste, spielte Risiko keine Rolle. Den anwesenden Fondsmanagern wurde die bevorstehende Liberalisierung des
EU-weiten Glücksspielmarktes erklärt und das damit verbundene Kurspotenzial der Online-Plattform bwin. „Die Aktie kann nur steigen“, versprach Eisenschenk. Die Finanzinvestoren nickten zufrieden. Immerhin war Eisenschenk Leiter des Wiener Aktienhandels der Deutschen Bank, und seine Geldtipps waren gefragt. Unter den Geldjongleuren fand sich auch Martin Beg­steiger, früher Konsulent der Meinl Bank und euphorischer bwin-Aktionär. „Eisenschenk hat den richtigen Riecher“, schwärmte Begsteiger damals gegenüber einem anwesenden Investmentprofi.

Reibach für Deutsche Bank
Tatsächlich sollte sich Eisenschenks Prophezeiung bewahrheiten: In den folgenden Monaten explodierte die Nachfrage nach bwin von unter 20 Euro auf über 100 Euro (siehe Grafik ). Eine Verfünffachung binnen eines Jahres. Nicht nur Londoner Geldhaie waren erfreut, sondern auch Eisenschenks Brötchengeber: Die Deutsche Bank verdiente beim An- und Verkauf von bwin-Aktien viele Millionen Euro. Selbst beim Crash Mitte 2006, als über Nacht mehr als zwei Milliarden Euro Börsenwert vernichtet wurden, klingelten bei der Deutschen Bank die Kassen – möglich dank saftiger Verkaufsspesen.

Ermittlungen abgeschlossen
Auf das bwin-Kursfeuerwerk wurden damals auch Finanzmarktaufsicht und Justiz aufmerksam, die umgehend ein Verfahren wegen möglichem Insiderhandel einleiteten. Nach mehr als zwei Jahren sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien abgeschlossen. Das brisante Ergebnis wird in der FORMAT exklusiv vor­liegenden Anklageschrift vom 3. Oktober 2008 zusammengefasst. Der von Richterin Daniela Setz-Hummel ( im Bild ) voraussichtlich im März verhandelte Insiderfall belastet vor allem die Deutsche Bank. Minutiös wird in dem 23 Seiten starken Gerichtspapier (Aktenzahl 605 St 8/07a-19) dokumentiert, wie der größte Aktienhändler der Wiener Börse die bwin-Kurse systematisch und zum eigenen Vorteil manipuliert und Tausende Kleinanleger geschädigt haben soll. Allein der Ersten Bank soll laut Staatsanwalt Hans-Christian Leiningen-Wes­terburg ein Schaden von zumindest 70 Millionen Euro entstanden sein. Die Deutsche Bank, der nun Schadenersatzklagen drohen, plant den Rückzug aus Wien.

Ein Blick in die Anklageschrift:
„Martin Begsteiger und Roman Eisenschenk haben in Wien am 28./29. Juni 2006 im gemeinsamen Zu­sammenwirken die Insider-Information, dass der Kurs der bwin-Aktien durch einen von ihnen inszenierten Im-Kreis-Verkauf künstlich hoch gehalten wurde, mit dem Vorsatz ausgenützt, sich und einem Dritten – der Deutschen Bank – Vermögensvorteile zu verschaffen, indem sie davon betroffene Finanzinstrumente, nämlich 2,2 Millionen bwin-Aktien, an die Erste-Bank-Tochter Central European e-Finance AG („ecetra“) verkauften, obwohl sie wussten, dass dieser Kurs binnen kurzem zusammen­brechen würde, und sich dadurch einen 50.000 Euro jedenfalls bei weitem übersteigenden Vermögensvorteil verschafft“ , heißt es in der Anklageschrift. „Begsteiger und Eisenschenk haben hierdurch das Verbrechen des Missbrauches von Insider­informationen nach Paragraf 48 b Börsengesetz begangen.“ Bei einer Verurtei­lung drohen den beiden Beschuldigten – für sie gilt freilich die Unschuldsvermutung – bis zu fünf Jahren Gefängnis. Begsteiger und Eisenschenk sowie Klaus Winker von der Pressestelle der Deutschen Bank wollten die Causa gegenüber FORMAT nicht kommentieren.

Künstliche Nachfrage
Offensichtliches Ziel von Begsteiger, Eisenschenk und Deutsche war es laut Gerichtsakt, die bwin-Kurse derart nach oben zu treiben, dass sie für große Pen­sions- und Investmentfonds interessant werden. „Über einen Zeitraum von vier Monaten wurden 55 Millionen bwin-Aktien an der Börse von Eisenschenk für Begsteiger gekauft und von ihnen außerbörslich zuerst ver- und einige Tage ­da­nach wieder zurückgekauft“ (Anklageschrift). Ein atemberaubendes Kursringelspiel kam in Gang: Aktien wurden von der Deutschen an die Privat­invest Bank verschoben, von dort wanderten sie an ecetra und am En­de wieder zurück zur DB. Diese Luftgeschäfte suggerierten dem Markt enormes Kaufinteresse. Monatelang war das Ringelspiel für alle lukrativ. „Eisenschenk und Begsteiger war es gelungen, mit einem Einsatz von nicht mehr als fünf Millionen Euro täglich den bwin-Kurs so zu beeinflussen, dass die psychologisch wichtige Grenze von 100 Euro Ende April 2006 durchbrochen wurde, was eine Markt­kapitalisierung der bwin-Aktie von mehr als drei Milliarden Euro ergab“ (Anklage).

Größter bwin-Aktionär
Begsteiger avancierte so zum größten bwin-Aktionär. Kursgewinne konnte er aber nicht realisieren. Er profitierte am Papier. Bei Eisenschenk und den Banken war das anders: „Eisenschenk handelte nicht uneigennützig. Er erwartete sich aus der Geschäftsbeziehung zu Begsteiger materielle Vorteile, die in seinen Augen auch gravierende Verstöße gegen interne Vorschriften (Handel mit nicht zugelassenen Kunden, Mobiltelefonate im Handelsraum, Weitergabe von Kundeninformationen) rechtfertigten. Diese Vorteile ergaben sich einerseits aus der extrem leistungsabhängigen Entlohnung der Aktienhändler, die von den Gewinnen des Handelsraums abhängt, und aus der Chance, mit Hilfe von Beg­steiger zu einem der wichtigsten Aktienhändler in bwin-Aktien zu werden, was zusätzliches Geschäft und zusätzliche Gewinne – und damit einen zusätzlichen Bonus – versprach“ (Anklage).

Der Anfang vom Ende
Das Drama begann im Juni 2006, als klar wurde, dass Kursmanipulationen ins Geld gingen. Die spektakuläre Inhaftierung der bwin-Vorstände in Frankreich sowie das härtere Vor­gehen gegen illegales Glücksspiel in den USA setzten die bwin-Aktie unter Druck. Weil Stützungskäufe immer teurer wurden, zog Eisenschenk laut Gerichtsakt die Reißleine: „Nachdem sie entdeckt hatten, dass ihre Spekulation zu Verlusten geführt hatte und sie einen Kursverfall nur mehr verzögern, aber nicht aufhalten konnten, verlagerten sie das Risiko auf die Erste-Tochter ecetra, um die Deutsche davon zu entlasten.“
Die Erste Bank sitzt nun auf diesen bwin-Aktien, beklagt einen Schaden von mindestens 70 Millionen Euro und hofft auf ­einen Wertzuwachs. Letzteres dürfte eher unwahrscheinlich sein: Denn die Aktie war, wie sich nun herausstellte, wohl nie mehr als 15 Euro wert.

Von Ashwien Sankholkar

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