Brigitte Ederer, Personalvorstand der Siemens AG im FORMAT-Interview

Brigitte Ederer, neuer Personalvorstand der Siemens AG, in ihrem ersten großen Interview über den Standort Europa, das weit verbreitete Problem Burnout und ihren Lebensstil als Top-Managerin mit Millionengage.

FORMAT: Frau Ederer, wie ist es Ihnen in den vergangenen fünf Monaten als neues Vorstandsmitglied der Siemens AG in München ergangen?

Ederer: Es ist spannend mitzuerleben, wie in einem so großen Konzern auf oberster Ebene Entscheidungen fallen. Belastend ist das viele Reisen, weil ich an Flugangst leide.

FORMAT: Kürzlich erhielten alle 400.000 Siemensianer eine Sonderprämie von bis zu 1.000 Euro, und die Lohnerhöhung wurde um zwei Monate vorgezogen. Eine Charmoffensive der neuen Personalchefin?

Ederer: Wir wollen den Mitarbeitern danken, dass Siemens so gut durch die Krise kam. Wir erhöhen heuer auch die Dividende, was ebenfalls den Mitarbeitern zugutekommt, weil dank des Mitarbeiterprogramms rund 120.000 Mitarbeiter auch Aktionäre sind.

FORMAT: Wie verstehen Sie sich mit Siemens-Chef Peter Löscher?

Ederer: Sehr gut.

FORMAT: Ist es oft Thema im achtköpfigen Vorstand, dass Sie beide Österreicher sind?

Ederer: Eigentlich nicht. Ein Thema ist eher, dass die Hälfte keine Deutschen mehr sind. Und das ist ein Beweis dafür, dass Siemens internationaler wird. Eine künftige Herausforderung ist die Vielfalt der Mitarbeiter.

FORMAT: Welche Zielvorgaben hat Ihnen Peter Löscher gesteckt?

Ederer: Eine meiner Hauptaufgaben als Arbeitsdirektorin ist die Verantwortung für die Beschäftigung bei Siemens: Wie positioniert sich Siemens strategisch am Arbeitsmarkt? Wie geht man mit jungen Leuten um? Denn Menschen und Innovationen sind die entscheidende Erfolgsbasis für uns.

FORMAT: Wie gewinnt Siemens den Kampf um die wenigen Talente?

Ederer: Wir tun das in vielerlei Art, etwa mit einer Branding-Kampagne. Generell haben wir einen sehr guten Ruf, und es gelingt uns immer wieder, hochqualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen.

FORMAT: Sind die Siemensianer nach der Schmiergeldaffäre noch stolz auf ihre Unternehmen?

Ederer: Siemens hatte schwere Zeiten. Wir gingen durch ein tiefes Tal. Es gab eine gewisse Verunsicherung unter den Mitarbeitern und in der Öffentlichkeit. Das ist vorbei.

FORMAT: Wie stark änderte sich in den letzten Jahren die Unternehmenskultur bei Siemens?

Ederer: Das Unternehmen hat sich auf seine Werte besonnen, und die Führungskultur hat sich unter Peter Löscher sehr stark verändert. Siemens ist heute fokussierter, transparenter, viel entscheidungsfreudiger und damit schneller.

FORMAT: Dieser Wandel hat viele Siemensianer unter Druck gesetzt. Wie verantwortlich fühlen Sie sich als Vorstand für die immer häufigeren psychischen Krankheiten wie Burnout?

Ederer: Das ist ein ernstes Thema. Etwa die häufigen Dienstreisen, verbunden mit Schlafdefizit, können eine Belastung sein. Wir versuchen, unsere Mitarbeiter auf Risiken aufmerksam zu machen und in jedem Einzelfall unserer Fürsorgepflicht zu entsprechen. Aber neben dem äußeren Druck ist der Eigendruck mindestens so groß: Die Jungen sind teilweise zu ehrgeizig. Sie wollen alles, ein perfektes Familien-, Berufs- und Freizeitleben, und sind weniger bereit, sich zurückzunehmen.

FORMAT: Eines Ihrer Ziele ist, den Standort Europa langfristig zu sichern. Wie wollen Sie das angesichts der Konkurrenz aus Schwellen- und Billiglohnländern erreichen?

Ederer: Wir hatten erst kürzlich eine Tagung in Wien, wo sich alle Länder-Cluster mit den Verantwortlichen der Divisionen getroffen haben. Wir sind Land für Land durchgegangen, um zu sehen, wie wir die kommenden Ausschreibungen gut bearbeiten können.

FORMAT: Und wo wird künftig das Wachstum herkommen?

Ederer: Das geht quer durch alle Bereiche. Es gibt Chancen in der Verkehrsinfrastruktur und im gesamten Bereich erneuerbare Energien oder beispielsweise der Energieeffizienz und der Modernisierung der Gesundheitssysteme. Effiziente Infrastrukturen sind unser übergreifendes Thema. Das ist weltweit ein enormes Wachstumsfeld.

FORMAT: Welchen Beitrag wird Österreich mit den CEE-Ländern zum Umsatzwachstum leisten müssen?

Ederer: Siemens hat in Österreich einen bereits hohen Marktanteil im Vergleich zu anderen Standorten. Diesen Marktanteil zu halten ist die Herausforderung. Österreich ist mit CEE für einen unglaublichen Wachstumsmarkt zuständig. Ich war erst vergangene Woche in der Ukraine, und wenn es sich dort halbwegs so entwickelt, wie es mir meine Mitarbeiter berichten, dann wird das Land zu einem unglaublichen Wachstumsmotor.

FORMAT: Rot-Grün in Wien müsste Sie freuen. Siemens positioniert sich seit kurzem als „grüner“ Konzern. Erwarten Sie in Wien einen Nachfrageschub bei Siemens-Produkten?

Ederer: Wir haben in der Vergangenheit mit der Stadt Wien gut zusammengearbeitet, und ich hoffe, das ändert sich nicht.

FORMAT: Heute arbeiten 240.000 der Beschäftigten in Europa. Wie viele werden es in fünf Jahren sein?

Ederer: Ich gehe davon aus, dass die Mitarbeiterzahl für absehbare Zeit auf diesem Niveau bleibt, wenn sich die wirtschaftliche Entwicklung so fortsetzt, wie sie sich aktuell gestaltet. Gewisse Fragezeichen hinter der Binnenkonjunktur gibt es sicher in den USA – aber in Österreich und Deutschland läuft es momentan wirklich gut.

FORMAT: Aus heutiger Sicht wollen Sie in Europa keine Arbeitsplätze abbauen, sondern die Mitarbeiterzahl halten. Wie geht das?

Ederer: Ja. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit. In der Ausbildung und in der Forschung und Entwicklung muss Europa im internationalen Wettbewerb um das besser sein, was es teurer ist.

FORMAT: Werden Sie das Bildungsvolksbegehren Ihres Parteikollegen Hannes Androsch unterschreiben?

Ederer: Wenn ich dienstlich in Wien bin, ganz sicher. Denn Hannes Androsch hat vollkommen Recht.

FORMAT: Eine Rückkehr in die Politik schlossen Sie schon mehrmals aus. Ihr Vertrag läuft fünf Jahre. Was haben Sie danach vor?

Ederer: Dann bin ich knapp 60, also im Pensionsantrittsalter. Wenn ich dann irgendwann das tun kann, was jetzt zu kurz kommt, dann freue ich mich darauf: reisen, lesen, ohne Wecker aufstehen.

FORMAT: Sie verdienen gut 2,8 Millionen Euro Jahresgage. Hat sich Ihr Lebensstil geändert?

Ederer: Ich lebe im Großen und Ganzen so, wie ich vor zehn Jahren gelebt habe. Ich versuche, mich nicht von einem Einkommen abhängig zu machen. Ich könnte mir zwar teure Hotels leisten, habe aber keine Zeit dafür.

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