"Brauchen freien Markt, freie Verantwortung und den Karren Umweltschutz davor."

Der Obmann der steirischen Forstbetriebe über seine Polit-Ambitionen und über Holz für Kleidung und Autoreifen.

FORMAT: Wie interpretieren Sie das deutsche Wahlergebnis?
Guttenberg: Ich glaube, dass der Wähler ganz bewusst politische Stabilität und wirtschaftliche Kompetenz gewählt hat, weil er gemerkt hat, dass Umverteilungspopulismus uns nicht weiterbringt.
FORMAT: Wird es lange dauern, bis die Regierung in Deutschland steht?
Guttenberg: Das kann ich nicht beurteilen. Die drei Parteien sind sich einig, was ihre großen Themen anbelangt. Man wird sicher harte Verhandlungen führen. Aber ich denke, dass sie relativ bald ihre Regierung bilden, auch aus der Verantwortung heraus.
FORMAT: Wird Ihr Bruder Wirtschaftsminister bleiben?
Guttenberg: Das weiß ich nicht. Das weiß er nicht.

"Ich bin ein Waldmensch"
FORMAT: Sie sind Mitglied des Bauernbunds. Würde Sie auch eine politische Karriere interessieren?
Guttenberg: Ich glaube, dass meine Ämter schon politisch genug sind. Vermutlich bin ich für die österreichische Politik auch zu deutsch, zumindest was meinen Dialekt betrifft.
FORMAT: Welche Reformen sind in Deutschland und Österreich vonnöten?
Guttenberg: Auf Deutschland möchte ich nicht eingehen, da gibt es weitaus Berufenere als mich. Für mich prioritär zu behandeln ist der Klimaschutz. Und ich glaube, dass wir hier in Österreich -einen Weg haben, den wir beschreiten müssen, nämlich in Richtung ökosoziale Marktwirtschaft. Wir brauchen den freien Markt, freie Verantwortung und den Karren Umweltschutz davor.
FORMAT: Dass Sie Forstwirt werden wollen, war für Sie immer schon klar?
Guttenberg: Ich bin ein Waldmensch. Die Affinität zur Natur war als Kind schon da. Aber die Festlegung kam erst später mit dem Studium.

"Reich wird man als Gebirgsforstwirt nicht"
FORMAT: Mit 4.000 Hektar gehören Sie zu den größten Grundeigentümern …
Guttenberg: Man muss eines sehen: Am Papier mag es nach sehr viel klingen. 4.000 Hektar sind auch flächenmäßig viel, aber vom Ertrag sind wir in der Gebirgsforstwirtschaft sehr benachteiligt. Wir haben die doppelten Kosten wie im Flachland. Reich wird man nicht!
FORMAT: Bekommen Sie eine Bergbauernförderung für Ihre Forste?
Guttenberg: Nein. Die Förderung in der Forstwirtschaft beläuft sich auf lediglich rund 1,5 Prozent des Agrarbudgets.
FORMAT: Wie sieht Ihre Woche aus?
Guttenberg: Manchmal ist 80 Prozent Interessenpolitik, die restlichen 20 Prozent kümmere ich mich um unsere Familienbetriebe.
FORMAT: Was sind denn Ihre Aufgaben als Obmann der steirischen Land- und Forstbetriebe?
Guttenberg: Es geht uns vor allem darum, die Lebensgrundlage des ländlichen Raumes zu bewahren. Wir sind Sprachrohr und Interessenvertreter der Land- und Forstwirtschaftsbetriebe und wollen die Wirtschaftlichkeit unserer Betriebe unter anderem durch die Wahrung des Eigentums gewährleisten. Wir versuchen, die Forst- und Holzwirtschaft in Österreich auf Spitzenniveau zu erhalten. Holz ist unser einziger nachhaltig nachwachsender Rohstoff. Holz hat unglaubliche Anwendungsmöglichkeiten.

"Könnten Autoreifen aus Holz produzieren"
FORMAT: Was könnten neue Anwendungsmöglichkeiten für Holz sein?
Guttenberg: Holz ist wahrscheinlich der intelligenteste Rohstoff, den wir haben. Es gibt eine unglaublich breite Palette an Nutzungsmöglichkeiten: im Bau, als Möbel, Papier und als Energielieferant. Aber wir brauchen noch viel mehr Anstrengungen, um etwa Kraftstoffe wirtschaftlich aus dem Rohstoff Holz zu gewinnen. Man kann Holz in der Automobilindustrie als Plastikersatz verwenden – etwa Autoreifen aus Holz produzieren. Man kann Kleidung tragen, die aus Holz hergestellt wurde.
FORMAT: Haben Sie jemals Holzkleidung getragen?
Guttenberg: Ja, da ist überhaupt kein Unterschied. Aber es gibt nur kleine Anbieter, und es fehlt letztlich eine Startspritze, also der Mut, der Politik zu sagen, hier geben wir unsere Gelder hinein, um diese Industrie zu fördern. Ein anderes Beispiel ist der Windelmarkt: 50 Prozent einer Windel machen Ölbestandteile aus. Das ist mit Holz bzw. Zellstoff substituierbar, überhaupt kein Problem. Aber es bedarf unglaublicher Anstrengungen, um auch in anderen Bereichen auf die Stufe der Öl- und Gaslobby zu kommen. Und wir haben leider nicht das Geld, uns in Europa für die Forstwirtschaft so stark machen zu können.

"Ich halte die Stadt nicht aus"
FORMAT: Wäre ein Fokus auf die Holzindustrie nicht etwas für die Steiermark?
Guttenberg: Natürlich. Die Forst- und Holzindustrie ist in Österreich neben dem Tourismus jetzt schon der größte Devisenbringer im Land – weit vor der Automobilindustrie. In der Steiermark wurde Holz durch die Wohnbauförderung forciert, das hat jetzt Vorbildwirkung für andere Länder und ist auch gut für den Klimaschutz.
FORMAT: Bäume wachsen langsam. Kann so gesehen die Finanzbranche von der Forstwirtschaft lernen?
Guttenberg: Ich möchte nicht anmaßend sein, aber in unserer Branche müssen wir über Generationen denken. Was ich säe, ernten meine Enkel. Das bedarf einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Gewinnmaximierung scheidet aus, und wir brauchen einen vernünftigen Umgang mit den Ressourcen, dass es für Generationen hält. Nachhaltigkeit und Profitgier lassen sich nicht vereinbaren.
FORMAT: Sie sind ein polyglotter Mensch, Ihr Bruder reist ständig in der Weltgeschichte herum. Wird Ihnen das Leben in einem 700-Einwohner-Dorf nicht langweilig?
Guttenberg: Nein, ich bin kein Stadtmensch. Ich halte die Stadt nicht aus.

Von Miriam Koch

Zur Person
Philipp Guttenberg, 36 Jahre, lebt seit knapp zehn Jahren mit seiner Familie in einem winzigen Ort in der Steiermark. „Ich habe mir eine Heimat gesucht, und Österreich war für mich die erste Wahl“, sagt er. Der Bruder des deutschen Wirtschaftsministers, Star der dortigen Politik, ist österreichischer Staatsbürger und besitzt 4.000 Hektar Land. Der Großgrundbesitzer und Vater dreier Kinder ist als Obmann des steirischen Interessenverbands der Land- und Forstbetriebe und Funktionär der steirischen Landwirtschaftskammer auch in der ÖVP verankert. Er setzt sich für den Kampf gegen den Klimawandel ein und fordert von der Politik den Mut, mehr auf den Rohstoff Holz zu setzen.

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