BP: Insolvenz, Übernahme oder doch noch Konsolidierung?

In den USA werden Menschen wie Matt Simmons schnell als Spinner abgetan. Der Energieexperte sagt seit Jahren das Ende des billigen Öls voraus. Die Vorräte der arabischen Länder seien geringer als angenommen, lautet seine Botschaft. Nun legt der Investmentbanker aus Texas noch einen drauf: „Es dauert nicht mehr lange, bis BP Insolvenz anmeldet“, prophezeit Simmons. Denn die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sei weitaus schlimmer als bislang bekannt.

Vor 36 Jahren gründete Simmons seine auf die Energiewirtschaft spezialisierte Investmentbank Simmons & Co in Texas und hat seither Niederlassungen in Großbritannien und Dubai eröffnet. Seiner Ansicht nach sind 40 Prozent des Golfs von Mexiko bereits zerstört. Dass diese verheerenden Folgen der Katastrophe nicht offensichtlich sind, liegt Simmons zufolge unter anderem an den chemischen Mitteln, die BP einsetzt. Denn sie lassen das Öl gar nicht erst an die Oberfläche kommen. Weiter unten im Meer werde derweil unbemerkt die Lebensgrundlage für die Tiere zerstört. „Diesen Schaden kann BP gar nicht alleine bezahlen“, sagt der Experte. Dem Unternehmen bleibe daher als Ausweg nur der Gang in die Insolvenz.

Aber kann ein Milliardenkonzern wie BP tatsächlich pleitegehen? Durch ein undichtes Ventil einer Ölplattform? Noch Wochen nach dem Unfall der Deepwater Horizon im April galt dieses Szenario als undenkbar. Denn BP war für die Investoren wie ein Goldesel, der kontinuierlich Taler ausschied. 21 Milliarden Dollar Gewinn wird der Konzern trotz der Katastrophe in diesem Jahr machen – das sind 57,53 Millionen am Tag oder 2,4 Millionen Dollar pro Stunde. Doch BP bekommt die Lage am Golf einfach nicht unter Krontrolle. Bislang sind alle Versuche gescheitert, das Leck endlich zu schließen. Am Tag 80 seit dem Untergang der Plattform Deepwater Horizon wird der Ölteppich die gemeinsame Fläche von den Niederlanden, Belgien und Luxemburg bedecken.

Investoren zweifeln an Rettungsplan

Das Schicksal des Weltkonzerns hängt nun von den Entlastungsbohrungen ab, die im August fertig sein sollen. Dabei wird das Ölförderrohr unter der Erde seitlich aufgebohrt. Durch die zusätzlichen Öffnungen entweicht Druck, und das Bohrloch kann geschlossen werden. So die Theorie. Investoren zweifeln jedoch zunehmend am Erfolg der Aktion. Seit dem Untergang der Bohrinsel im April verlor der Konzern an der Börse knapp die Hälfte an Wert, 84 Milliarden Dollar (67 Milliarden Euro). Alle großen Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit auf niedrige Stufen nahe der Ramschanleihe abgewertet.

„Ob die Einnahmen reichen, damit BP ohne Pleite davonkommt, hat vor allem mit Glück zu tun“, sagt Peter Tamposi, Insolvenzprofessor am Franklin Pierce Law Center in New Hampshire. Drei Faktoren werden das Schicksal des Ölriesen entscheiden: die Technik, das Wetter und die Klagewut der Geschädigten. Am offensichtlichsten ist der Einfluss der Technik. Bislang hat die Rettungsaktion BP knapp drei Milliarden Dollar gekostet. Je schneller das Leck durch die Entlastungsbohrung geschlossen ist, desto billiger wird es. Windstärke und -richtung wiederum werden maßgeblich das Ausmaß der Folgeschäden für Umwelt, Fischereiindustrie und Tourismus bestimmen. Noch sind beispielsweise die Strände des Sonnenstaates Florida kaum betroffen. Sollte sich das ändern, wird es teuer: Allein mit Tourismus werden in Florida 57 Milliarden Dollar jährlich eingenommen.

Dafür würde der unabhängige Treuhandfonds, den BP gemeinsam mit der US-Regierung Mitte Juni aufgesetzt hat, nicht reichen. 20 Milliarden Dollar stellte BP für die Katastrophenschäden zur Verfügung. Staranwalt Kenneth Feinberg, der zuvor schon den Fonds für die Opfer des 11. September verwaltete, soll die betroffenen Fischer, Hotelbesitzer und Tourismuskonzerne unbürokratisch aus dem Topf entschädigen.

95.000 Klagen eingereicht

Nicht davon abgedeckt werden die Forderungen der verunglückten Bohrinselarbeiter und ihrer Angehörigen. Für sie setzte BP einen weiteren Fonds im Umfang von 100 Millionen Dollar auf. Außerdem droht die US-Regierung, BP mit bis zu 20 Milliarden Dollar Bußgeld für die Verschmutzung der Natur in Haftung zu nehmen. Schließlich bereiten auch die Aktionäre Klagen vor. Vor zwei Wochen zog beispielsweise der Pensionsfonds des Bundesstaates New York vor Gericht. Einen „zweistelligen Millionenbetrag“ fordert die Rentenkasse, weil sie sich durch die optimistischen Ansagen von BP-Chef Tony Hayward nach dem Unglück getäuscht fühlte. Auch viele Unternehmer dürften es vorziehen, zu klagen, obwohl auch ihnen unbürokratisches Geld aus dem Feinberg-Fonds zustehen würde.

Der Grund: „Feinberg wird nur die tatsächliche Schadenssumme auszahlen“, sagt Insolvenzexperte Tamposi. Viele US-Gerichte dagegen gewährten in solchen Fällen das bis zu Zehnfache des eigentlichen Schadens. „Das wird viele Leute gierig machen.“ Folgt der Ölpest eine Klagewelle, könnte das den Ölkonzern in die Knie zwingen. Bereits jetzt sind fast 95.000 Klagen gegen den Konzern an diversen Gerichten in verschiedenen Bundesstaaten eingereicht worden.

Die Zahl dürfte BP-Manager verunsichern. „Ein Unternehmen, das mit Klagen in Höhe von vielen Milliarden US-Dollar überzogen wird, kann kaum noch anderes als Insolvenz anmelden, sonst ist es irgendwann nicht mehr handlungsfähig“, sagt Christian Graf Brockdorff. Er ist Seniorpartner bei Brockdorff-Bernsau-Lauterbach, einer der größten Insolvenzrechtskanzleien Deutschlands. Eine Insolvenz müsse jedoch nicht das Ende des Konzerns bedeuten. „BP würde sich vermutlich für das amerikanische Chapter-11-Verfahren entscheiden, bei dem der Konzern weiter seine Geschäfte führen darf“, sagt Brockdorff. Dabei bündelt ein Insolvenzverwalter alle Forderungen der Gläubiger und entschädigt sie, so gut es eben geht. Einzelklagen wären dann nicht mehr möglich.

Innerhalb weniger Jahre wäre somit für BP der Spuk vorbei. Würde der Streit vor Gericht ausgetragen, könnte es dagegen Jahrzehnte dauern, bis alle Urteile gefällt wären. So zog sich das Verfahren um den Öltanker ExxonValdez, der 1989 vor der Küste Alaskas auf Grund gelaufen war, fast 20 Jahre hin.

Das amerikanische Insolvenzrecht ist deutlich unternehmensfreundlicher als das europäische. Deswegen wird BP – eigentlich ein britischer Konzern – im Ernstfall wohl seine US-Tochter in die Insolvenz schicken. Das Unternehmen könnte dann von London aus weiter seine Geschäfte führen, müsste die US-Tochter jedoch schon allein aus Imagegründen mit zusätzlichem Geld ausstatten. „Die US-Gerichte zeigen sich bei multinationalen Konzernen sehr kulant“, sagt Rechtsprofessor Tamposi. Solange die ausländischen Unternehmen Vermögenswerte in den USA hätten, dürften sie in Amerika Chapter 11 beantragen. Viele mit Klagewellen konfrontierte Unternehmen hatten so in der Vergangenheit schon ihr langfristiges Überleben sichern können.

Ein Beispiel ist der US-Fiberglashersteller Owens Corning. 1999 wurde der Konzern auf knapp 33 Millionen Entschädigungs- und Strafzahlungen verklagt. Über Jahre hatte Owens Corning asbestverseuchte Materialien verkauft. Statt zu zahlen, beantragte das Unternehmen Chapter 11. Heute ist Owens Corning wieder Weltmarktführer in seiner Branche.

Die amerikanische Notenbank Fed soll derweil schon einmal geprüft haben, welche Folgen eine Pleite BPs für die anderen Marktteilnehmer hätte. Das unbestätigte Ergebnis lautete, dass von BP kein sogenanntes systemisches Risiko ausgeht wie etwa im Fall der Investmentbank Lehman Brothers, deren Niedergang 2008 die weltweiten Finanzmärkte zum Beben brachte. „Mit der Formel: ,Too big to fail‘ (zu groß zum Scheitern; Anm.) kann sich BP nicht retten“, sagt Robert Falkner, Wirtschaftswissenschaftler an der London School of Economics.

Auch auf Zuspruch muss der Konzern verzichten. BP liegt auf einer vom „Wall Street Journal“ und NBC erstellten Beliebtheitsskala nur noch drei Prozentpunkte vor dem toten irakischen Diktator Saddam Hussein. Dennoch betont Präsident Barack Obama, dass er an einer BP-Pleite kein Interesse habe. Er weiß, dass die Insolvenz nur ein kurzes Gefühl der Genugtuung bringen würde. „BP nutzt den Leuten am Golf mehr, wenn das Unternehmen intakt bleibt und für den Schaden in die Pflicht genommen werden kann“, sagt Analyst Alex Morris von der amerikanischen Investmentfirma Raymond James.

Investorensuche in Nahost

Für die Opfer wäre daher eine Übernahme die bessere Option. Angeblich prüfen die anderen Ölkonzerne bereits ihre Möglichkeiten. Auch saudi-arabische Investoren wollen sich offenbar beim britischen Ölkonzern BP einkaufen. Mindestens zehn, vielleicht sogar 15 Prozent der Aktien könnten die nicht namentlich genannten Investoren kaufen, berichtete die saudi-arabische Zeitung „Al-Ektisadijah“ am Mittwoch.

BP-Chef Hayward flog persönlich in den Nahen Osten, um arabische Investoren für BP zu interessieren. Eine Kapitalerhöhung schloss er aus. Stattdessen kontaktierte das BP-Management Staatsfonds in Singapur, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Libyen. Hayward sucht einen Minderheitsaktionär, der sich in großem Stil bei dem kriselnden Ölkonzern einkauft und BP vor feindlichen Übernahmen durch Wettbewerber schützt. Auch die Konkurrenten Shell und Exxon Mobil werden immer wieder als mögliche Interessenten genannt. „Dagegen dürften allerdings vor allem in den USA erhebliche kartellrechtliche Bedenken sprechen“, sagt Alex Morris. Außerdem sieht er keinen Weg für BP, die Schadensverpflichtungen in eine eigene Gesellschaft auszulagern. „Wer sollte ein Unternehmen mit solch einer Belastung übernehmen wollen?“, fragt Morris. Ganz so zuversichtlich scheint BP dagegen nicht zu sein. Der Konzern engagierte vorsorglich den amerikanischen Finanzinvestor Blackstone und die Investmentbank Goldman Sachs – sie sollen im schlimmsten Fall eine feindliche Übernahme verhindern, berichtete der amerikanische Fernsehsender Fox Business.

Simmons sieht für die Golfregion nur noch einen radikalen Ausweg: Präsident Obama soll BP die Angelegenheit aus der Hand nehmen und stattdessen das Militär mit der Lösung beauftragen. Kurz nachdem die Deepwater Horizon unterging und das Öl ins Meer zu sprudeln begann, empfahlen russische Medien, das Loch durch eine gezielte atomare Sprengung zu schließen. „Damals haben viele gelacht oder den Kopf geschüttelt“, sagt Simmons. „Aber wenn die Entlastungsbohrung nicht erfolgreich ist, wofür immer mehr Anzeichen sprechen, dann ist dies die einzige Rettung.“

– Tina Kaiser, London; Viktoria Unterreiner, New York

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