Boom am Bosporus: Das rasante Wirtschaftswachstum der Türkei

Nirgends in Europa wächst die Wirtschaft so stark wie hier, nirgends ist die Bevölkerung so jung: Die Türkei gilt als das China Europas – und österreichische Unternehmen rücken an, um von dem Aufschwung zu profitieren.

Es sieht gut aus“, sagt Reinhold Schärf, „es sieht sehr gut aus.“ Gerade wieder ist der Chef der burgenländischen Schärf-Gruppe aus Istanbul zurückgekehrt. Zwei Coffeeshop-Filialen betreibt er schon in der türkischen Millionenstadt, und demnächst sollen weitere dazukommen. Viele weitere: Zwischen 80 und 100 Coffeeshops sind in der Türkei geplant, sagt Schärf. „Der Vorvertrag für das Joint Venture ist unterschrieben.“

Es mag verwegen klingen, ausgerechnet in einem Land, in dem es seit dem 16. Jahrhundert Kaffeehäuser gibt, eine Kette für den Coffee-to-Go aufzuziehen. Es mag verwegen klingen, wenn es auch den Gewürzproduzenten Kotányi in das Gewürzland Türkei zieht. Aber so verwegen ist das gar nicht. Im Grunde gibt es in der Türkei ohnehin bereits alles, sagt Marco Garcia, der als österreichischer Handelsdelegierter in Istanbul arbeitet: „Aber es gibt überall Nischen, und der Hang zum Konsum ist groß. Mit klugen Konzepten ist hier deshalb gerade alles möglich.“

Ungebremster Boom

Die Türkei boomt, daran besteht kein Zweifel. Gerade zwei Flugstunden von Wien entfernt brummt die Wirtschaft, und zwar so stark, dass manche schon vom „China Europas“ reden. Allein im Jahr 2010 legte das türkische Bruttoinlandsprodukt um 8,9 Prozent zu. Kein europäisches Land hatte im vergangenen Jahr so hohe Wachstumsraten, auch unter den G-20-Ländern stellte nur China die Türkei in den Schatten.

Das soll noch einige Zeit so weitergehen: Die Spekulation mit einem – unwahrscheinlichen – EU-Beitritt beflügelt die Fantasie der türkischen Wirtschaft zusätzlich. Mittlerweile wird das Land oft in einem Atemzug mit den Zukunftsmärkten China, Indien und Brasilien genannt. Für 2011 und 2012 soll es um jeweils 4,5 Prozent nach oben gehen, bis 2050 soll es die Türkei in Sachen Wirtschaftsleistung weltweit auf den 11. Platz schaffen. Für Attila Dogudan, den Chef des Airline-Caterers Do & Co, ist jedenfalls eines klar: „Die Türkei ist das meistunterschätzte Land Europas, und die EU-Staaten tun sich keinen Gefallen, wenn sie auf diese junge, dynamische Volkswirtschaft und auf diesen Markt verzichten.“

Türkischer Konsumhunger

Auch wenn sich die österreichischen Parteien derzeit noch gegen einen türkischen EU-Beitritt stemmen – die heimische Wirtschaft hat auf die Entwicklungen am Bosporus reagiert und vielfach den Fokus von Osteuropa etwas weiter südöstlich verlegt: Rund 150 österreichische Unternehmen sind mit Niederlassungen in der Türkei vertreten – und jährlich kommen bis zu 15 neue dazu. Tendenz der vergangenen fünf Jahre: stark steigend.

Unternehmen wie die beiden Riesen OMV und Verbund haben sich mit Milliardeninvestitionen auf dem energiehungrigen Wachstumsmarkt etabliert. Das Spektrum an österreichischen Unternehmen, die den türkischen und die angrenzenden Märkte im Nahen und Mittleren Osten erobern wollen, ist jedoch breit: Ob Bank Austria, Red Bull, die Baumarktkette bauMax, der Personaldienstleister Trenkwalder, Mondi, RHI, voestalpine, Magna oder der Tiroler Holzverarbeiter Egger – sie alle wollen dabei sein, wenn sich die türkische Wirtschaft zwischen Europa, Asien und dem arabischen Raum rasant zu einer der größten der Welt entwickelt.

74 Millionen Menschen leben in der Türkei, sie sind deutlich jünger als die europäischen Populationen – und enorm konsumhungrig. „Das türkische Wachstum steht auf breiten Beinen“, sagt der Wirtschaftsdelegierte Garcia. Besonders stark entwickeln sich die Bereiche Energie und Infrastruktur, aber auch Elektronik, Konsumgüter und die Autoindustrie profitieren von der starken Nachfrage.

„Den größten Beitrag zu diesem nachhaltigen Wachstum leisten der Privatkonsum und die privaten Investitionen“, sagt Erkin Sahinöz, Leiter des Research- und Brokerage-Büros der Erste Group in Istanbul. Mit dem Wachstum ist auch der Wohlstand gestiegen: In den letzten zehn Jahren hat sich das BIP pro Kopf auf 9.400 Euro verdreifacht. „Vor allem die Mittelklasse legt nun los, ihre fast amerikanischen Konsumwünsche auszuleben“, beobachtet auch der Außenwirtschaftsexperte.

Dienstleistungen, Bauen und Wohnen

Auf genau diese Schicht setzen österreichische Dienstleister wie die Vienna Insurance Group, die bereits seit 2007 über Ray Sigorta in der Türkei vertreten ist. Anfang 2011 wurde die Beteiligung an dem auf Kfz-Versicherungen spezialisierten Unternehmen auf 94 Prozent aufgestockt. VIG-Generaldirektor Günter Geyer: „Das Potenzial ist groß, weil die Versicherungsdichte noch sehr dünn ist.“ In der Türkei werden jährlich nur 105 Dollar für Versicherer ausgegeben, in Österreich sind es 2.740 Dollar.

Auch die UniCredit Bank Austria, die über ein Joint Venture an der türkischen Yapi Bank beteiligt ist, sieht die Zukunft positiv: Bis 2015 sollen zu den bestehenden 930 Filialen 300 neue dazukommen. Die junge, wohlhabende Bevölkerung verlange nach neuen Bankendienstleistungen, erklärt General Willibald Cernko.

Ebenfalls an die junge Mittelschicht wendet sich die Baumarktkette bauMax, die in den kommenden Jahren bis zu 600 Millionen in 30 Filialen investieren wird. Der Boom im Wohnungsbau hat das Tiroler Holzunternehmen Egger in die Türkei gelockt: Mitte 2010 hat Egger den türkischen Kantenhersteller Roma übernommen und beschäftigt mittlerweile 550 Mitarbeiter. „Wir finden hier junge, sehr gut ausgebildete und motivierte Leute“, sagt Unternehmenssprecherin Christina Werthner.

Von dem Bauboom könnten noch weitere Branchen profitieren, bei denen Österreich traditionell stark ist. „Vor allem Umwelttechnologien haben noch ein großes Potenzial“, sagt Kaya Elman vom Österreichisch-Türkischen Wirtschaftsforum, das versucht, Unternehmen aus beiden Ländern zusammenzubringen. Alternativenergien, Wasserbereitungsanlagen für die Kanalisation der Städte oder auch die Abfallentsorgung – in den kommenden Jahren werde hier investiert.

Der Tourismus-Alleskönner

Dass der türkische Tourismus mit den All-inclusive-Burgen am Mittelmeer noch nicht an seine Grenzen gestoßen ist, liegt auf der Hand. „Das Land ist aufgrund seiner Geografie ja mit zwei Meeren und mehreren, touristisch fast noch unerschlossenen Gebirgsketten gesegnet“, sagt Do & Co-Gründer Attila Dogudan, der bis Ende 2012 sein riesiges Hotelprojekt in Istanbul abschließen will. Dogudan: „In der Türkei können Skigebiete entstehen, die mit dem Arlberg mithalten können, aber wesentlich günstiger sein werden.“

Zu 24 bestehenden sollen mittelfristig 24 weitere Skigebiete dazukommen, und auch hier mischt mit dem Seilbahnhersteller Doppelmayr Österreich bereits mit. „Es fehlt aber noch Know-how“, sieht Kaya Elman weitere Geschäftschancen.

Gutes Investitionsklima

In der Türkei geht alles – vorausgesetzt, das Konzept stimmt: „In Osteuropa hat es gereicht, eine Idee und Geld zu haben. Hier ist der Investor nicht der Heilsbringer“ sagt Markus Piuk, Partner und Türkei-Experte bei der Kanzlei Schönherr. Juristische Stolpersteine gebe es in dem Land, dessen Handelsrecht sich am deutschen orientiert, kaum. „Die Rechtssicherheit ist absolut gegeben, und das Investitionsklima ist hervorragend“, beobachtet Ludwig Scharinger, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, die heimische Unternehmen mit 23 Partnerbanken in den Zukunftsmarkt begleitet.

Scharinger ist sich sicher, dass sich die Türkei unter Premierminister Erdogan als Demokratie gefestigt hat. Die Aussichten darauf, dass Erdogan auch die Wahlen im Juni gewinnt und seinen Reformkurs im Sinne des EU-Beitritts beibehält, stehen gut. Das solide türkische Bankensystem und die geringe Staatsschuldenquote von nur 45 Prozent geben ihm Spielraum für Investitionen in ein breiteres Wachstum. Das könnte auch Reinhold Schärf und seinen Coffeeshops zugutekommen: Ganz nach US-Vorbild sollte mit steigendem Wohlstand der Kaffee immer öfter im Papp-Becher serviert werden.

– Martina Bachler, Arndt Müller

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