Börsengänge: Die neuen Kandidaten für den Wiener Aktienmarkt

Das Interesse österreichischer Unternehmen, den Schritt in den Aktienmarkt zu wagen, ist deutlich gewachsen. Die Liste mit Börsenkandidaten wächst laufend.

Der Einladung von Börse-Chef Heinrich Schaller zu einem Expertenworkshop zum Thema Börsengänge waren vor rund zwei Monaten auch zwei Vertreter des niederösterreichischen Spielautomatenherstellers Novomatic gefolgt. Mittlerweile hat der Glücksspielriese den sogenannten Beauty-Contest der Investmentbanken bereits abgeschlossen, wie FORMAT vergangene Woche berichtete . Die baldige Emission von Novomatic-Aktien ist nicht unwahrscheinlich.

Generell sind die einschlägigen Veranstaltungen der Wiener Börse ein gutes Indiz, welche heimischen Unternehmen Interesse zeigen, Börsenluft zu schnuppern. Und das waren zuletzt eine ganze Reihe: von der Staatsdruckerei über den Stahlbauer Waagner-Biro bis zum Kärntner Solarspezialisten Kioto Clear Energy. Ein rundes Dutzend Unternehmen trägt sich – mehr oder weniger konkret – mit dem Gedanken eines Börsengangs.

Zwar ist das Marktumfeld aufgrund der Euro-Krise und der Aufstände in der arabischen Welt nicht gerade stabil, aber international geht die Rekordjagd bei Aktienemissionen bereits munter dahin: Der weltgrößte Rohstoffhändler Glencore sammelt gerade Geld von Investoren; ab 19. Mai wird die Aktie in London gehandelt. In Singapur nahm der Hafenbetreiber Hutchison Port Holdings heuer bei seinem IPO, wie Börsengänge im Fachjargon genannt werden, 5,5 Milliarden Dollar ein.

Vier Jahre Flaute

In Österreich hingegen könnte der Aktienmarkt den neuen Energieschub durchaus brauchen. Nach dem Baukonzern Strabag 2007 gab es bis heuer keinen einzigen Neuzugang in Wien. Erst der oberösterreichische Aluminiumkonzern AMAG, der seit 8. April an der Börse notiert, wurde zum Eisbrecher, wenn auch nicht auf spektakuläre Weise: Erst jetzt nähert sich der Kurs der Alu-Aktien dem Ausgabepreis.

Börse-Vorstand Schaller rechnet für heuer noch mit zwei bis drei IPOs. Auch Peter Schiefer, Chef des Aktienforums, kann sich diese Größenordnung vorstellen: „Das Marktumfeld wäre gut genug.“

Selbst der Flop der zum Constantia-Reich gehörenden Solarzulieferfirma Isovoltaik, die in letzter Minute das Debüt am Aktienmarkt absagte, dürfte nicht alle Börsenaspiranten entmutigt haben. Denn gerade aus der Solarbranche gibt es gleich zwei Interessenten: Für die Klagenfurter Energetica Holding ist der Börsengang mittelfristig ein Thema. „Es muss sehr gut vorbereitet sein, der Markt muss bereit sein und das Unternehmen gute Zukunftsaussichten haben“, sagt Geschäftsführer und Haupteigentümer Rene Andreas Battistutti. Auch für die St. Veiter Kioto Clear Energy ist die Aktienausgabe eine Option. „Allerdings ist der Markt sehr volatil“, meint Miteigentümer Robert Kanduth, von Medien als „Sonnenkönig“ oder „Solarpapst“ bezeichnet.

Bei der Österreichischen Staatsdruckerei sind die Vorbereitungen für einen IPO schon im Gange. Entscheidung wurde zwar noch keine getroffen, weil auch hier das Marktumfeld mit einer gewissen Skepsis betrachtet wird. Es gibt Überlegungen, im ersten Schritt kein groß angekündigtes IPO zu veranstalten, sondern Staatsdruckerei- Aktien erst einmal still an der Börse zu listen.

Biotech auf Börsenkurs

Für das Innsbrucker Biotech-Unternehmen Innovacell ist eine Börsennotiz ebenfalls eine Variante – allerdings frühestens 2012. Zuvor will und muss der 20-Mitarbeiter-Betrieb, der den Fokus auf Zelltherapien zur Behandlung von Inkontinenz legt, die Produkte Richtung Marktreife führen. Laut den Planungen rechnet man mittelfristig, wenn alles klappt, mit bis zu 400 Millionen Euro Umsatz.

In ein, zwei Jahren wäre auch ein IPO bei der Vorarlberger Gesellschaft A.M.I. Agency for Medical Innovations vorstellbar. Größter Aktionär und Mitglied des Aufsichtsrats des Unternehmens, das nach innovativen chirurgischen Produkten und Behandlungsmethoden sucht, ist ein prominenter österreichischer Manager: nämlich der Immofinanz-Boss und frühere RHI-Vorstand Eduard Zehetner.

Warten auf den passenden Zeitpunkt

UCP Chemicals, ein Produzent von Spezialharzen, der von Wien aus in der russischen Chemieindustrie tätig ist, hatte bereits 2008 seinen Fahrplan Richtung Börse festgelegt. Im letzten Moment wurde dieser jedoch fallen gelassen, weil die Finanzkrise dazwischenkam. Jetzt wartet man auf eine passende Gelegenheit, die Hauptaktionär Thomas Bogdanowicz allerdings noch nicht so recht gekommen sieht. „Wir haben ein großes Projekt, für das wir bis spätestens September frisches Kapital brauchen würden. Das geht sich mit einem Börsengang in Wien nicht mehr aus“, sagt Bogdanowicz. Um die Finanzierung sicherzustellen, seien daher andere Kapitalmaßnahmen für das Unternehmen mit rund 1.650 Mitarbeitern und knapp 100 Millionen Euro Umsatz geplant. Ausgeschlossen ist ein IPO von UPC Chemicals in absehbarer Zeit aber weiterhin nicht.

Echte Erfahrung mit dem Aktienmarkt hat der Wiener Stahlbauer Waagner-Biro. Bis 1995 wurden die Papiere des Konzerns an der Wiener Börse gehandelt. Mittlerweile beschäftigt sich der „Executive Coordinator Special Projects“ der Gruppe mit über 1.000 Mitarbeitern und 140 Millionen Euro Umsatz wieder mit dem Thema eines neuerliche Börsengangs. Der Haupteigentümer von Waagner-Biro, der Industrielle Herbert Liaunig, der aktuell auf Wanderschaft und nicht erreichbar ist, habe sich aber noch nicht endgültig entschieden, wurde vor einigen Wochen berichtet.

Politik bremst, Private zeigen Interesse

Börsengänge aus Privatisierungen zeichnen sich hingegen derzeit nicht ab. Finanzministerin Maria Fekter kann sich zwar vorstellen, dass sich die öffentliche Hand von Anteilen wie etwa jenen an der Autobahngesellschaft Asfinag trennt. Aber sowohl Politiker in den Bundesländern als auch der Regierungspartner SPÖ stehen dabei auf der Bremse.

Die Privaten geben jedoch wieder vorsichtig Gas. Im Schnitt bietet die Wiener Börse vier- bis fünfmal pro Jahr IPO-Workshops für mögliche Börsenkandidaten an. „In den vergangenen Monaten hatten wir rund 50 Teilnehmer – das sind doppelt so viele wie in den Jahren zuvor“, sagt Heinrich Schaller. Das rege Interesse sollte ein Vorbote sein, dass bald wieder mehr Leben am Aktienmarkt einkehrt.

– Miriam Koch

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