"Bitte gehen Sie nicht zur Telekom"

Georg Pölzl liefert als Post-Chef gute Zahlen, wird selbst von der Gewerkschaft manchmal gelobt und schafft es, die Post aus der Polit-Debatte herauszuhalten. Kein Wunder, dass er für andere Jobs ins Spiel gebracht wird.

Georg Pölzl ist erfreut und nachdenklich zugleich. Vergangene Woche hat die Post ihre Aktionäre zur Hauptversammlung in die Wiener Stadthalle geladen - und selten hat ein Vorstand so viel Lob eingeheimst wie er. Aufsichtsratschef Markus Beyrer streute Rosen und meinte begeistert, Pölzl sei der richtige Mann am richtigen Ort. Der frühere Post-Chef Anton Wais erklärt: "Er macht seine Sache wirklich ausgezeichnet. Auch als Aktionär kann ich sehr zufrieden sein.“

In den fast 1.000 Tagen, die Pölzl nun im Amt ist, hat der gebürtige Steirer trotz Liberalisierung und steigender Konkurrenz durch E-Mails den Umsatz leicht gesteigert und das zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte eingefahren. Er hat Tarife umgestellt, das Filialnetz umgebaut und es geschafft, das teilstaatliche Unternehmen aus Skandalen und Polit-Diskussionen herauszuhalten. Immer wieder wird der 54-jährige Oberpostler daher als Hoffnungsträger für die ebenfalls teilstaatliche Telekom Austria ins Spiel gebracht - denn dort häufen sich die Probleme, nicht die Erfolge.

"Bitte gehen Sie nicht zur Telekom", wurde Pölzl bei der Hauptversammlung von Aktionären geradezu inbrünstig gebeten. Fast rührend. So viel Huldigung erlebt ein Manager selten. Der Post-Chef beeilte sich denn auch zu versichern: "Mein Vertrag läuft bis Ende September 2014, ich werde nicht zur Telekom wechseln.“ Die Gerüchte werden dennoch nicht verstummen. In der staatsnahem Wirtschaft ist er der Mann für alle Fälle.

Wie macht Pölzl das? Was ist das Erfolgsrezept des Post-Chefs? Die einfache Antwort: Er redet, erklärt und hört zu. Um die "Temperatur vor Ort zu messen“, besucht er Zustellbasen, Verteilzentren und wichtige Kunden. Der Manager verschafft sich gerne einen Überblick, um dann gemeinsam im Team einen Weg zu finden. Wie ein General wirkt er dabei selten, auch wenn er Konfrontationen nicht scheut. Konsequenz ist ihm wichtig, Status weniger.

"Wir haben oftmals harte Diskussionen, aber derzeit keine unfairen“, sagt der oberste Personalvertreter der Post, Helmut Köstinger. Pölzl sei ein "geradliniger Partner“, der die Themen strukturiert angehe. Es kann passieren, dass man bis spät am Abend streitet und Pölzl sagt, jeder solle über Nacht nachdenken. Dann gibt es einen weiteren Termin am nächsten Tag.

Zum Nachdenken ist Pölzl auch zumute, wenn ihm wie auf der Hauptversammlung paketeweise Lob und Anerkennung gezollt wird. "Man muss dann schön auf dem Boden bleiben“, sagt er. "Denn es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Dinge nicht immer glücken können. Und man muss auch damit fertig werden, keine Erfolge feiern zu können.“

Dabei wirkt der Lebenslauf Pölzls nicht so, als wären viele Misserfolge zu verdauen gewesen: Der gelernte Erdölwissenschaftler und frühere McKinsey-Berater gilt als ehrgeizig und machte erste Vorstandserfahrungen beim Maschinen- und Anlagenbauer Binder & Co AG. 1998 wechselte er in die Mobilfunkbranche. Er leitete neun Jahre lang T-Mobile Austria in Wien und geriet nach der Übernahme des Mitbewerbers tele.ring und dem Abbau von Hunderten Arbeitsplätzen in den Ruf eines Sparmeisters.

Diesen festigte er in Deutschland: 2007 wechselte er in die Zentrale der Deutschen Telekom und wurde für das Restrukturierungsprogramm "Fit for Service“ zuständig. Pölzls Aufgabe war, 50.000 Beschäftigte in eine eigene Gesellschaft auszulagern, wo sie weniger verdienten, aber mehr arbeiten mussten. Obwohl er sogar diese Aufgabe lösen konnte, wurde Pölzl in Deutschland nicht heimisch. Wochenende für Wochenende pendelte er zu seiner Familie nach Mödling und bat - als klar wurde, dass er Post-Chef wird - um die Auflösung seines Telekom-Vertrags, der ihm ein Gehalt von 1,5 Millionen Euro im Jahr brachte.

Jetzt, bei der Post, kommt er auf rund eine Million, genauere Zahlen werden nicht veröffentlicht. Branchenerfahrung brachte er für den neuen Job, den er mit Oktober 2009 antrat, zwar nicht mit. Aber sonst offenbar das richtige Rüstzeug. Denn damals herrschte in den Reihen der Post bereits die Angst, der gelbe Tanker könnte zu einer zweiten AUA werden. Verluste drohten, und die Personalkosten galoppierten davon. "Ich mag das Wort sanieren im Zusammenhang mit der Post nicht, die Post ist kein Sanierungsfall“, stellt Pölzl klar. Es gebe jedoch nach wie vor "hohen Änderungsbedarf“.

Fußfesseln und Tempo

Nachjustiert werden muss etwa beim Gehaltsschema für rund 8.000 Briefträger. Derzeit haben die Zusteller ein abgegrenztes Gebiet zu betreuen, künftig soll die tatsächlich benötigte Arbeitszeit eine stärkere Rolle spielen. Wie ihre Kollegen aus dem Paketbereich sollen sie mit kleinen Computern ausgestattet werden. Die Postgewerkschaft spricht von Fußfesseln und hat Angst vor einer Bespitzelung. Zudem werden Gehaltseinbußen befürchtet, weil durch die Bündelung von Werbesendungen in einem Umschlag künftig weniger Arbeitsstunden anfallen. Kommende Woche, am 24. April, findet die nächste Verhandlungsrunde statt. "Aus unserer Sicht geht die Restrukturierung zu schnell, weil viele Menschen auf der Strecke bleiben“, sagt Köstinger. Für Pölzl ist Geschwindigkeit hingegen etwas, das er liebt: beim Wassersport, beim Skifahren, auf der Motocross-Maschine - und auch beim Sparen.

Nach Ansicht Köstingers hätten die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren Produktionssteigerungen von rund 50 Prozent hinbekommen. "Die Belastungsgrenze ist erreicht“, meint der Betriebsrat. Es gehe nämlich nicht nur um Kosten, sondern um Menschen.

Pölzl hat andere Argumente - ähnlich wie AUA-Chef Jaan Albrecht (siehe Seite 28): Da die Personalkosten im 24.000-Mitarbeiter-Unternehmen durch Biennalsprünge und KV-Erhöhungen pro Jahr automatisch um vier bis fünf Prozent steigen, müsse auch die Produktivität im gleichen Ausmaß nach oben gehen. Noch dazu, wo rund die Hälfte der Beschäftigten Beamtenstatus haben und also de facto unkündbar sind.

"Wir fordern eine gerechte Abgeltung“, sagt Köstinger kämpferisch. Die Gewerkschaft kritisiert die Erhöhung der Dividenden - aus ihrer Sicht wäre mehr Geld für Sozialpläne besser. Für das Vorjahr schüttet die Post 1,70 Euro statt 1,60 Euro pro Aktie an die Aktionäre aus - am meisten profitiert davon die ÖIAG, die rund 60 Millionen Euro überwiesen bekommt.

Kritik an der Dividende

Auch Herbert Tumpel, Präsident der Arbeiterkammer, findet die hohe Dividende nicht in Ordnung. Die Post habe eine Ausschüttungsquote von 93 Prozent. "Damit lässt sie fast ihren gesamten Gewinn an die Aktionäre fließen.“ Nach Meinung der Arbeiterkammer sollten Gewinne als Zukunftssicherung im Konzern bleiben. "Gerade in wirtschaftlich instabileren Zeiten ist es wichtig, zu investieren und darauf zu achten, dass genügend Reserven vorhanden sind“, so Tumpel.

Die Grünen üben ebenfalls Kritik. SPÖ und ÖVP hätten der Post mit Postmarktgesetz und konturloser Eigentumsverwaltung durch die ÖIAG freie Hand für ständig höhere Dividenden und astronomische Managereinkommen gegeben, sagt die grüne Infrastruktursprecherin Gabriela Moser. "Die Rechnung sollen jetzt offenbar Zustellpersonal und Kunden zahlen.“

Dennoch ist der gelbe Riese, der zu 52,8 Prozent in Staatsbesitz steht -, im Gegensatz zur Vergangenheit - im Moment erstaunlich weit weg von Politik-Hickhack. Hatten noch vor wenigen Jahren Bürgermeister, Minister und Landeshauptleute bei jeder Postamtsschließung eine Art Staatsbegräbnis veranstaltet, gibt es heute darüber nur noch wenig Aufregung. Das liegt einerseits daran, dass sich das System der Post-Partner bewährt hat. Mittlerweile gibt es knapp 1.300 Outlets, die Leistungen der österreichischen Post anbieten, die Zahl der eigenen Filialen ging indes von 1.300 auf 600 zurück. In Zukunft sollen weitere hundert Ämter geschlossen und 200 neue Post-Partnerschaften eingegangen werden.

Dass die Politik im teilstaatlichen Unternehmen nicht mehr so mitmischt, liegt aber auch an Pölzl. "Die Politik raushalten ist nicht möglich, denn sie setzt ja die Rahmenbedingungen“, sagt der Manager. Aber er setze auf intensive Kommunikation, um Verständnis für seinen Weg zu erzielen und keine Überraschungen zu liefern.

Neue Geschäftsfelder, neue Herausforderungen

Ebenso bemüht sich Pölzl, Investoren und Analysten von der Post-Aktie zu überzeugen. Aus Sicht von Bernd Maurer von der Raiffeisen Centrobank ist es Ziel der Post, die Umsätze im Briefbereich zu stabilisieren und die Kosten weiter zu senken. "Hier ist man im Plan, aber es werden weitere Schritte folgen müssen“, sagt Maurer.

Diese nächsten Schritte führen die Post auch in Lagerhallen. Vor kurzem wurde die Übernahme der Systemlogistik Distribution angemeldet, ein Wiener Unternehmen, das etwa für Nespresso in Österreich Lagerhaltung und Fulfillment - alle Aufgaben, die nach einer Bestellung erfolgen - übernimmt. Der Umsatz in diesem Bereich, der derzeit bei rund 10 Millionen Euro liegt, soll binnen zwei Jahren verdoppelt werden. Auch im Bereich Direct-Mailing, Adressmanagement und bei Scan-Diensten will die Post ihre Produkte und ihre Marktstellung verbessern.

Die größte Herausforderung steht mit der Umrüstung der Hausbrieffachanlagen an. Rund 30 Millionen Euro müssen dafür in die Hand genommen werden, um bis Jahresende alle Fächer in Mehrfamilienhäusern umzutauschen, sodass nicht nur die Post, sondern auch andere Zusteller Sendungen hinterlassen können.

Die Angst der Anleger vor einem Wechsel

Die Post-Aktionäre wollen, dass Pölzl den Konzern in die nächste Phase der Liberalisierung steuert. Auch Aufsichtsratschef Markus Beyrer ist rundum zufrieden. Aber als ÖIAG-Chef ist er auch Telekom-Präsident und hat dort Handlungsbedarf. Aus Beyrers Umfeld ist zu hören, dass er Pölzl auch für eine hervorragende Variante hielte, um die Telekom, die ebenfalls zu den Beteiligungen der Staatsholding gehört, in ruhigeres Fahrwasser und wieder auf Vordermann zu bringen. Seit Auffliegen der Schmiergeld-Skandale um den Lobbyisten Peter Hochegger ist der jetzige Telekom-Chef Hannes Ametsreiter angezählt. Sein Vertrag läuft zwar noch bis Jahresende 2013, aber es gibt immer wieder Zweifel, ob Ametsreiter so lange im Amt bleibt. Nicht zuletzt, weil mit Ronny Pecik ein weiterer Großaktionär bei der Telekom mitmischt.

Bei der Hauptversammlung des Telefonkonzerns am 23. Mai, die ebenfalls in der Wiener Stadthalle stattfindet, wird deutlich weniger Lob als bei der Post zu hören sein. An diesem Tag werden einige Aufsichtsräte ausgetauscht. Die Kontrollore Edith Hlawati und Wilfried Stadler werden für Pecik und seinen Partner Naguib Sawiris Platz machen, zudem soll das Gremium erweitert werden. Und auch der Vorstand wird nicht ungeschoren davonkommen.

Ganz sicher ist, dass Pölzl über einen Wechsel zur Telekom nicht einmal nachdenkt, solange ÖIAG und Investor Pecik nicht zu einer gemeinsamen Strategie gefunden haben. Er lässt sich nicht zwischen den Fronten aufreiben. Da genießt er lieber das Lob für seine Arbeit bei der Post. Aber spätestens wenn die Machtfrage zwischen den Telekom-Eigentümern geklärt ist, wird sein Name wieder ins Spiel kommen.

Miriam Koch

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