Beim US-Start-up Local Motors kann
man sich online ein Auto nach Maß schneidern

Das US-Start-up Local Motors sorgt in der Autobranche für Gesprächsstoff. Online entwickeln Profis und Laien gemeinsam ein Auto. Bei Interesse wird dann gebaut.

Jay Rogers hatte eine Idee: Wenn eine Legion freiwilliger Autoren mit Wikipedia die größte und umfassendste Enzyklopädie der Welt schreiben kann, warum sollte nicht eine Community von (Hobby-)Ingenieuren imstande sein, ein Auto zu bauen?

Mit seinem Start-up Local Motors macht der smarte Kalifornier genau das: Er lässt die Online-Gemeinschaft ihre eigenen Autos entwerfen – und sorgt im Hintergrund für die Umsetzung der Konzepte. Anfangs wurde er von Kennern der Automobilbranche belächelt: Die Konkurrenz sei zu stark, die Kosten seien zu hoch, und überhaupt brauche man für die Entwicklung eines Automobils schließlich eine Menge hoch qualifizierter Techniker. Das Ganze ins Internet zu verlagern? Unmöglich! Zwei Jahre später gibt es Local Motors noch immer. Nicht nur das: Das erste Local-Motors-Automodell wird – nach rekordverdächtigen 18 Monaten Entwicklungszeit – bereits an die Kunden ausgeliefert.

Im Zentrum des Konzepts von Local Motors steht die sogenannte Micro Factory. Sobald in einer Region mehrere Personen an einem Auto interessiert sind, wird vor Ort kurzerhand eine kleine, wiederverwertbare Fertigungshalle errichtet und mit den Arbeiten begonnen. Sämtliche externen Arbeiten – von der Produktion spezieller Teile bis hin zur Lackierung – werden von lokal ansässigen Betrieben durchgeführt. Lange Lieferketten werden so vermieden, das senkt die Herstellungskosten.

Open-Sources-Wüstenkrieger

Das erste erfolgreich umgesetzte Autoprojekt trägt den Namen „Rally Fighter“. Mit seiner brachialen Optik sieht der straßentaugliche Baja-Racer aus, als ob er direkt vom Set eines Science-Fiction-Films stamme. Dabei ist der „Rally Fighter“ – für ein Fahrzeug seines Kalibers – sogar regelrecht „vernünftig“. So schlägt unter der Haube kein Sprit fressendes Acht-Zylinder-Herz, sondern ein sparsamer (300 PS) Diesel von BMW. Der Motor und sämtliche übrigen Teile wurden von der Online-Community ausgewählt. Sie entwarf also nicht nur die Form, sondern gestaltete auch die Technik. Trotz eines überraschend hohen Maßes an Komfort und Praxistauglichkeit könnte man im „Rally Fighter“ ohne weitere Modifikationen auch bei der nächsten Paris–Dakar starten.

Wer jetzt denkt, Local Motors lasse sich von Internet-Usern ein Auto „für lau“ entwickeln, irrt: Sämtliche Pläne, technische Zeichnungen und Spezifikationen werden von Local Motors als Open-Source-Dokumente an die Community zurückgegeben. Und diese kann damit sogar Geld verdienen: Wer beispielsweise ein Tuning-Teil für ein Local-Motors-Automobil entwickeln will, kann dies ohne Lizenzgebühren tun – und das Teil anschließend sogar produzieren und verkaufen.

Der „Rally Fighter“ ist damit das erste Automobil mit „offenem Quellcode“. Bei Modellen anderer Autohersteller wären derartige Modifikationen nicht so leicht möglich: Patente, proprietäre Technologien und Lizenzkosten schieben Hobby-Tunern mit kommerziellen Ambitionen schnell einen Riegel vor.

Der revolutionäre Ansatz scheint jedenfalls aufzugehen: Mehr als 100 „Rally Fighter“ sind bereits bestellt, die ersten sogar schon ausgeliefert. Ein Grund für das große Interesse ist sicher auch der Preis: Mit rund 50.000 Dollar ist der „Rally Fighter“ nämlich erstaunlich günstig – ein exklusiveres Fahrzeug, das derart viel Gesprächsstoff liefert, findet man auch in weitaus höheren Preisregionen kaum.

Do it yourself

Der Preis des „Rally Fighter“ umfasst übrigens nicht nur das Fahrzeug selbst, sondern eine komplette „Build Experience“. Wer einen „Rally Fighter“ bestellt, bekommt erst mal eine Nummer auf der Warteliste. Ist man an der Reihe, geht’s zweimal für dreitägige Wochenenden zur ersten Micro Factory von Local Motors in Phoenix, Arizona, wo der Käufer zusammen mit einem Mechanikerteam sein eigenes Auto zusammenschraubt.

Ford, Chrysler und Co wird Local Motors freilich keine Konkurrenz machen – das ist auch gar nicht das Ziel. Maximal 2.000 Exemplare werden von jedem Fahrzeugtyp gebaut (das erleichtert Zulassung und Crashtest-Anforderungen), und mehr als 50 Mitarbeiter wird Local Motors so schnell auch nicht haben. Das ist wohl auch nicht notwendig: Jedem festen Mitarbeiter stehen bei Local Motors derzeit rund 1.000 Freiwillige im Web gegenüber. Das Beste dabei: Nur wenige der aktiven Community-Mitglieder sind Laien. Viele der User sind selbst Automobildesigner.

Die nächsten Projekte stehen bereits in der Startlöchern: Die Community entwickelt derzeit den City-Flitzer „Boston Bullet“, den umweltfreundlichen „Green Apple“ und sogar einen Truppentransporter im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums.

Wie kriegt man das Auto aus dem Netz?

Am Anfang steht der Beitritt zur Local Motors Community. Dann kreiert man ein Konzept, tauscht sich aus, gibt Feedback und stimmt über Entwürfe ab. Gibt die Community einen Entwurf frei, startet der Entwicklungsprozess. Wer dann das Auto will, muss es in einer „Mikro- Fabrik“ selbst zusammenbauen. Das ist überall möglich. Fänden sich etwa genügend Interessenten für ein „Austro-Car-Projekt“, würde Local Motors also auch in Österreich in einer „Mikro-Fabrik“ ein Auto produzieren. Infos: local-motors.com

– Jan Fischer

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff