"Bei uns ist jeder einmal Tankwart": Der globale Shell-Tankstellen-Boss im Interview

Der Tiroler Josef Waltl, scheidender Herr über 45.000 Shell-Tankstellen, über Spritpreise, Luxusbenzin in der Krise und die Zapfstation der Zukunft.

FORMAT: Herr Waltl, Sie waren über die letzten Jahre Herr über die weltweit 45.000 Tankstellen von Shell, die zusammen eine Million Leute beschäftigen. Können Sie die Frage beantworten, warum zu Beginn der Ferien immer die Benzinpreise steigen?
Waltl: Ich weiß, dass viele Menschen das so empfinden. Dennoch zeigen unabhängige Untersuchungen, dass das so nicht stimmt. Die Kraftstoffpreise richten sich nach vielen Faktoren, nach den Beschaffungskosten und den Steuern etwa – nicht aber nach dem Kalender. Es gibt einfach gewisse Zyklen. So steigt die Nachfrage nach Benzin, wenn in den USA die Feriensaison beginnt, oder die Nachfrage nach Diesel, wenn Heizöl eingelagert wird.

"Fokus auf größeren Stationen"
FORMAT: Irren wir uns, oder gab es früher in Österreich viel mehr Shell-Stationen als heute?
Waltl: Sie irren sich nicht. Vor 30 Jahren hatte Shell hier 800 Tankstellen, jetzt sind es nur mehr 280. Aber wichtig für Shell in Österreich ist, dass unser Marktanteil leicht gestiegen ist.
FORMAT: Sie haben also jetzt größere Tankstellen?
Waltl: Ja, unser Fokus liegt klar auf größeren Stationen. Wobei laut Branchenerhebungen eine Tankstelle in Österreich mit einem Durchschnittsumsatz von 2,5 Millionen Litern etwa bei der Hälfte des deutschen Werts liegt. Das zeigt auch, wie intensiv der Wettbewerb hier ist.
FORMAT: Der Treibstoffverbrauch in Europa ist rückläufig. Wie reagiert Shell darauf?
Waltl: Unser Ziel ist es, auch in rückläufigen Märkten gegen den Trend zu wachsen. Das gelingt uns auch in Österreich gut. Global steigt der Verbrauch weiter stark an. Beispielsweise China, Indien, Indonesien, die Türkei oder die Ukraine sind spannenden Wachstumsmärkte. Wir nutzen diese Chance.

"Die Kunden sind sehr loyal"
FORMAT: Wofür steht eigentlich die Marke Shell? Ist nicht vielen Menschen völlig egal, wo sie tanken?
Waltl: Im Gegenteil: Jeder zweite unserer Kunden hat eine Kundenkarte von Shell. Dem ist eben nicht egal, wo er tankt. Wir setzen auf Service, darum gibt es bei uns jetzt auch wieder einen Tankwart. Und mit unseren differenzierten Treibstoffen sind wir führend am Markt. Es gibt ein großes Segment von Kunden, das auf unsere Qualitätsprodukte Wert legt.
FORMAT: Sind die Leute auch in der Krise bereit, mehr dafür zu bezahlen?
Waltl: Bei unseren Premiumprodukten der Marke V-Power haben wir auch in der Krise keinen Einbruch. Die Kunden sind sehr loyal. Manchen geht es um die höhere Leistung, viele schätzen aber auch unsere Formel zum Kraftstoffsparen, wie etwa in unserem neuen Shell-Diesel. Und: Jeder aus meinem Managementteam in der Zentrale arbeitet zwei Tage im Jahr an der Tankstelle. So behält man den Kunden im Fokus, und man teilt Erfahrungen mit den Mitarbeitern vor Ort.

"In Norwegen sind wir der größte Hotdog-Verkäufer"
FORMAT: In Salzburg ließ der Markteintritt des Lebensmitteldiskonters Hofer kürzlich den Benzinpreis um die Hälfte einbrechen. Die Leute haben jetzt das Gefühl, dass da ohnehin 50 Prozent Marge drinnen sind …
Waltl: Nein, keineswegs. Die Margen sind so gering, dass hier alle Geld drauflegen mussten. Aber Kunden wegschnappen lassen sich unsere Pächter sicher nicht. Daran sieht man, dass der Wettbewerb sehr wohl funktioniert.
FORMAT: Umgekehrt machen Shell und Co vielen Branchen mehr und mehr Konkurrenz an den Tankstellen.
Waltl: Das ist regional sehr unterschiedlich. Dort, wo der Treibstoffverbrauch rückläufig ist, gewinnt das Shopgeschäft noch mehr an Bedeutung. In Asien oder Südamerika ist das derzeit noch weniger ausgeprägt.
FORMAT: Wird die Tankstelle der Zukunft eine Art Shoppingcenter sein?
Waltl: In der Branche wurde in den letzten Jahren viel probiert: Drogerien, Paketdienste, Abholstelle fürs Online-Shopping, sogar Hotels. So richtig eingeschlagen hat das nicht. Wir wachsen unter anderem durch strategische Partnerschaften. So führt zum Beispiel in der Schweiz der Migros-Konzern an einigen unserer Tankstellen Shops unter der Marke Migrolino, dafür haben wir die Migrol-Tankstellen auf die Marke Shell und unser Treibstoffangebot umgestellt. So macht jeder, was er am besten kann – mit Erfolg für beide Partner. Ähnliche Kooperationen haben wir mit Tesco in Ungarn oder mit 7 eleven in Singapur. In Norwegen ist Shell gemeinsam mit einem Partner der größte Hot-Dog-Verkäufer.

"30 Prozent Alternativantriebe möglich"
FORMAT: Autohersteller tüfteln zunehmend an alternativen Antrieben. Welche Rolle spielt das für Ihr Tankstellennetz?
Waltl: Klar ist: Der Energiemix wird sich ändern müssen, anders wird es nicht gehen, da weltweit immer mehr Menschen mobil sein wollen. Wir glauben, dass in den nächsten Jahren Biotreibstoffe weiter an Bedeutung gewinnen werden. Der Anteil könnte von heute einem bis auf 30 Prozent 2050 steigen. Shell ist da sehr aktiv, auch in der Forschung. Es gibt beispielsweise Versuche, Biotreibstoffe aus Algen zu gewinnen. In Kanada bieten wir an einer unserer Tankstellen seit kurzem Benzin mit einem Anteil Ethanol an, das aus Stroh gewonnen wurde.
FORMAT: Glauben Sie an den Siegeszug des Elektroautos?
Waltl: Das größere Potenzial sehen wir mittelfristig bei den Hybridmotoren. Gleichwohl wird die E-Flotte weltweit und in Österreich sicher wachsen. Dennoch benötigt eine Umstellung des Verkehrssektors viel Zeit. Deswegen gehen nicht nur wir davon aus, dass Flüssigtreibstoffe mindestens noch bis 2050 eine dominante Rolle im globalen Kraftstoffmix ausmachen werden – zumal der Verbrennungsmotor noch weiteres Sparpotenzial bietet. Wir beobachten die Entwicklung sehr genau, aber Sie dürfen nicht vergessen: Bis 2050 wird sich der globale Automobilbestand auf zwei Milliarden Fahrzeuge verdoppeln. Entscheidend ist dabei vor allem, wie der Strom für Elektroautos erzeugt wird. Wenn es um Nachhaltigkeit geht, müssen wir den ganzen Kreislauf im Blick behalten.

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