Banker in Not: 200.000 Jobs weltweit abgebaut, Krise erreicht nun Österreich

Die Finanzkrise sorgt für ein Job-Massaker ungeahnten Ausmaßes. Kommt es jetzt auch in Österreich zur großen Kündigungswelle? Die Ersten müssen schon gehen.

Roland Neuwirth ist ein vielfach ausgezeichneter Aktien-Analyst. Zuletzt war er bei der Deutschen Bank in Wien tätig, seit Freitag ist er ein Opfer der Finanzkrise: Die Deutschen ziehen Aktienhandel und Research aus Wien ab, die betroffenen Mitarbeiter mussten in Windeseile ihr Büro räumen und haben ihren Job verloren. In der Frankfurter Zentrale versucht man zu beschwichtigen: Der größte Aktienhändler der Wiener Börse – das ist die Deutsche Bank – werde auch weiterhin präsent sein. Auch die Research-Abteilung werde künftig noch präziser arbeiten.

Krise erfasst Österreich
Der Haken daran: Der Dienstort ist nicht mehr Wien, sondern Frankfurt oder London. Und nur einer der betroffenen Händler der Wiener Deutsche-Bank-Truppe wird übersiedeln. Die anderen müssen sich neu orientieren. Die Deutsche Bank ist ein typisches Beispiel dafür, dass die aktuelle Finanzkrise auch kerngesunde Institute nicht unberührt lässt – und mittlerweile auch ­Österreich erfasst hat. 900 Arbeitsplätze streicht die Deutsche Bank und reiht sich damit ein in ein Massaker ungeahnten Ausmaßes: Im globalen Geldgewerbe wurde in den vergangenen drei Monaten der Abbau von mehr als 200.000 Jobs angekündigt. Tendenz: stark steigend.

Sparen auf allen Ebenen
Der oberste Bankenvertreter Österreichs und RZB-General Walter Rothensteiner prophezeit: „Wenn wir langfristig weniger verdienen, müssen wir – so schmerzlich das klingt – auch an der Kostenschraube drehen.“ Im Klartext: Auf allen Ebenen ist Sparen angesagt. Selbst die Wiener Privatbank Gutmann ist unter Druck: „Das unsichere Kapitalmarktumfeld hat bei einzelnen Anlegern geringere Investmentaktivitäten zur Folge. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen und für ein eventuell anhaltendes schwieriges Umfeld gerüstet zu sein, haben auch wir geringfügige Kosteneinsparungen vorgenommen“, sagt Vorstand Rudolf Stahl. Einige wenige Mitarbeiter müssen die 1922 gegründete Bank verlassen, die im Mehrheitseigentum der Familie Kahane steht und derzeit ein Vermögen von 9,5 Milliarden Euro verwaltet.

Boni gekürzt, Urlaub abgebaut
Bei der Raiffeisen Capital Management (RCM) steigt man ebenfalls auf die Kos­tenbremse: In EDV und Marketing wird gespart, Boni werden gekürzt und Urlaube abgebaut. Mit natürlicher Fluktuation soll die Zahl der Mitarbeiter leicht reduziert werden. „Wir versuchen es so zu machen, dass es zu keinen Kündigungen kommt“, sagt RCM-Chef Mathias Bauer. Bei der Capital Bank, die zur Grazer Wechselseitigen Versicherung (GraWe) gehört, wurde mit Dezember das Aktiengeschäft neu geordnet, was auch Konsequenzen für einige Mitarbeiter hat. Die Coverage für sämtliche Aktien wurde aus Kostengründen eingestellt. Dabei wurde die Mannschaft der Capital Bank erst dieser Tage als bestes Analyseteam Öster­reichs ausgezeichnet. Capital-Bank-Vorstand Constantin Veyder-Malberg: „Jede Bank muss nun Kosten sparen. Das Verhältnis von Risiko zu Ertrag muss stimmen. Wir geben auch das Market Making für gewisse Aktien auf.“

Mütterlicher Druck
Auch bei der zweiten GraWe-Bankbeteiligung, der Hypo Alpe-Adria, sieht es wenig erfreulich aus: Unter den 8.000 Beschäftigten der Kärntner Bank werden wohl einige ihre Aktenkoffer packen müssen: Denn der Sparkurs der deutschen Mutter BayernLB wird auch in Klagenfurt in den kommenden fünf Jahren zu einem Aderlass führen. Der ­BayernLB gehören 51 Prozent an der Hypo. Den Rest halten GraWe, Land Kärnten und eine Mitarbeiterstiftung. In der Bank Austria macht die italienische Mutter UniCredit ebenfalls mächtig Druck: Das Fondsmanagement soll von Österreich nach Irland wandern, und bis 2010 werden zudem Abwicklungstätigkeiten nach Polen verlagert. Die betroffenen 320 Mitarbeiter werden umgeschult. Andere Personalmaßnahmen seien derzeit nicht geplant, heißt es.

Prognosen fehlen
Viele erfolgsverwöhnte Bank-Beschäftigte, die lange Zeit geschickt mit Millionen jonglierten, stehen nun mit leeren Händen da. Vor allem in den Finanzmetropolen New York und London richten sich die Betroffenen auf eine wenig schillernde Zukunft ein und versuchen, sich als Lehrer oder Barkeeper über Wasser zu halten. Weitere schlechte Nachrichten werden erwartet, ein Ende der Krise ist noch nicht in Sicht. Börsengänge sind vorerst abgesagt. Vor allem im Investment-Banking werden in großem Stil Stellen gestrichen. „Alle haben Angst um ihren Arbeitsplatz“, sagt Pedram Payami, Leiter des Vertriebs Strukturierte Produkte bei der Royal Bank of Scotland in Österreich. „Es dominiert die Unsicherheit. Früher gab es genaue Prognosen. Jetzt erwartet man sich ein schwaches erstes Quartal 2009, aber wie es dann weitergeht, ist völlig offen.“ Laut Arbeitsmarktservice waren im Bereich Finanz- und Versicherungsdienstleistungen 2.259 Personen in Österreich im November arbeitslos. Und weniger werden es 2009 mit Sicherheit nicht werden.

Düstere Aussichten
Experten wie Christian Krammer, Partner von Boston Consulting Group, sehen harte Zeiten auf die Banken zukommen. „Wir müssen uns bei den Banken auf strukturelle Veränderungen und eine neue Normalität einstellen. Die Profitabilität der Banken werde zurückgehen, der Geschäftsmix verändert werden. „Eigenständige Investmentbanken wird es nicht mehr geben“, sagt der Consulter. Kredite würden künftig teurer, das Privatkundengeschäft wichtiger werden. Notverkäufe werden in den nächsten Monaten stattfinden, auch in Osteuropa erwartet sich Krammer Veränderungen. „Wer jetzt noch eine Kriegskasse hat, kann sehr gute Teile günstig erwerben“, sagt Krammer. In den nächsten zwei, drei Jahren müsse man mit einer sehr bewegten Bankenlandschaft rechnen.

Von Miriam Koch und Ashwien Sankholkar

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