Bankenkrise 2.0: Verluste,
Abschreibungen, Abwertungen

Die Schuldenkrise erzeugt zweite eine Bankenkrise, die Lösung der Bankenprobleme erzeugt noch höhere Staatsschulden. Einziger Ausweg aus dem Teufelskreis: Die Bevölkerung Europas wird in irgendeiner Form zahlen müssen.

Immerhin: Die Bankaktien starteten positiv in die laufende Woche. Aber zu welchem Preis! Am letzten Wochenende einigten sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach langem Hin und Her auf ein zweites umfangreiches Bankenrettungspaket. In der Nacht auf Montag wurde die angeschlagene Dexia Bank von Belgien verstaatlicht und damit gerettet.

Gute Nachrichten für Aktienbesitzer, schlechte Nachrichten für den europäischen Steuerzahler. Vier Milliarden Euro kostete die belgischen Bürger der Kauf der Dexia, weitere 90 Milliarden Euro wurden an staatlichen Garantien für Risikopapiere im Portfolio des Instituts bereitgestellt. Und die Rettung der Dexia war erst der Anfang. Nach dem Internationalen Währungsfonds (IWF) rechnet nun auch die EU damit, dass die Staatsschuldenkrise weitere europäische Banken in den Abgrund ziehen könnte.

José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, präzisierte den Merkel-Sarkozy-Kurs am Mittwoch, indem er forderte, dass Europas systemrelevante Banken ihr Exposure bei Anleihen von Krisenstaaten neu bewerten und ihr Kapital dementsprechend aufstocken. Gelingt die notwendige Finanzierung über den Kapitalmarkt nicht, sollten zunächst die Staaten einspringen. Wenn diese dazu nicht in der Lage sind, soll der europäische Rettungsschirm EFSF angezapft werden.

Was heißt das im Klartext? Das Märchen von den risikolosen Staatspapieren ist endgültig Geschichte. Die Fakten müssen ungeschminkt auf den Tisch. Und die werden ergeben, dass die Banken neues Kapital brauchen. Laut jüngsten Schätzungen des IWF sind es 200 Milliarden Euro, die Europas Geldhäuser benötigen, um für die kommende Krise gerüstet zu sein. Andere Schätzungen liegen noch höher. Jedenfalls kann dieses Geld nur von den Staaten kommen. Woher sonst?

Also dreht sich Europa in einem Teufelskreis: Die Staatsschuldenkrise bringt das Finanzsystem ins Wanken. Aber durch die Lösung dieser Probleme steigen die Staatsschulden noch weiter. Außer: die öffentlichen Haushalte wälzen die Probleme auf die Bürger ab. Und genau das wird passieren.

Politiker trauen sich das noch kaum auszusprechen. Lediglich linksgerichtete Parteien bringen mit dem Thema Reichen- oder Vermögenssteuer die Diskussion um eine Erhöhung der Staatseinnahmen langsam ins Rollen. Auch viele Ökonomen wie zum Beispiel der WIFO-Experte Franz Hahn halten Steuererhöhungen zur Bankenrettung für unausweichlich. Gleichzeitig werden die EU-Regierungen ihre anderen Ausgaben einbremsen müssen und durch Gelddrucken die Inflation anheizen. Beides trifft wieder den Bürger. Dessen Sparguthaben bei den Banken sind sicher, zumindest in Österreich. Was aber nicht heißt, dass er nicht bluten wird.

Ein radikales Szenario haben die US-Wirtschaftsberater der Boston Consulting Group (BCG) kürzlich entworfen. Sie berechneten, wie viel privates Vermögen notwendig wäre, um die Verschuldung der westlichen Volkswirtschaften auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Am besten steigen dabei die Deutschen aus: 523 Milliarden Euro oder elf Prozent des Vermögens wären nötig. In Österreich sähe es wohl ähnlich aus. Für die gesamte Eurozone errechnete die EU 6.121 Milliarden oder 34 Prozent des privaten Vermögens.

Erste schockt

Und während sich mancher in Österreich noch fragt, warum er jetzt sein sauer verdientes Geld für gefährdete französische oder belgische Banken hergeben soll, die besonders stark in Griechenland investiert sind, folgte am vergangenen Montag der Paukenschlag: Auch an Österreichs Banken geht die Krise nicht vorbei – selbst wenn die Gründe dafür nichts mit den griechischen Schulden zu tun haben. Die Erste Bank sah sich genötigt, statt eines ursprünglich angenommenen Gewinns von 800 Millionen Euro einen Verlust derselben Größenordnung zu verkünden. Dazwischen liegen nicht weniger als 1,6 Milliarden Euro an Abschreibungen! Ein Schock.

Ist die Bankenkrise also auch in Österreich angelangt? Jeder, der der Präsentation von Erste-Bank-Chef Andreas Treichl lauschte, musste zur Ansicht kommen: Ja. Und nicht nur das, Treichl zeichnete das Bild einer apokalyptischen Szenerie, wie man sie hierzulande noch selten gehört hat: „Wir haben sehr harte Zeiten vor uns. Es werden Probleme auf uns zukommen, die wir uns nicht vorstellen können.“

Tatsächlich ist die Situation, drei Jahre nach der ersten Bankenrettung in Österreich, nicht rosig. Zwar ist das Griechenland-Exposure im Vergleich zu anderen europäischen Instituten überschaubar (mit Ausnahme der Kommunalkredit mit 1,2 Milliarden Euro). Dafür erweist sich das Osteuropa-Engagement zusehends als Gefahr. Wertberichtigungen in Ungarn sind für alle Großbanken in unterschiedlicher Höhe vonnöten. Allein bei der Erste Bank sind das 762 Millionen Euro, die RBI erwartet zu den bereits fixen Abschreibungen von 100 Millionen Euro noch einen „signifikanten zusätzlichen Wertberichtigungsbedarf“. Die Baustelle der Bank Austria liegt anderswo: In Kasachstan wurden bereits 776 Millionen Euro abgeschrieben, weitere Einschnitte sind wahrscheinlich.

Erste-Probleme hausgemacht

Das Problem der Credit Default Swaps (CDS) – das sind Kreditversicherungen, mit denen man sich gegen Banken- oder Staatspleiten absichert – hingegen scheint in Österreich zumindest ein Spezifikum der Erste Bank zu sein. Die Umstellung der Bewertung dieser Papiere schlägt dort mit 220 Millionen Euro zu Buche. Andere heimische Großbanken haben entweder kaum CDS im Portfolio oder haben diese bereits marktkonform in den Büchern.

Zuletzt sei der Druck auf Treichl vonseiten der Aufsicht immer größer geworden, hört man aus Branchenkreisen. Er habe diesen Schritt nicht ganz freiwillig gemacht. Bis vor wenigen Wochen war die Erste Bank ja noch wild entschlossen, das Staatskapital, das sie 2008 aufgenommen hat, dieses Jahr zurückzuzahlen. Davon ist nun natürlich keine Rede mehr. Manche Analysten wie Stefan Nedialkov von der Citibank rechnen sogar damit, dass die Erste Bank 2012 eine Kapitalerhöhung im Ausmaß von knapp einer Milliarde Euro benötigen könnte.

Mehr Eigenkapital gefordert

Dennoch: Das Großreinemachen von Andreas Treichl fand in Zeiten des Misstrauens gegenüber dem Bankensystem auch Zustimmung: Beinahe euphorisch reagierte Nationalbank-Chef Ewald Nowotny: „Mehr Eigenkapital zu bilden ist sicherlich auch eine Strategie, die für andere Banken sinnvoll ist.“ Allerdings war die Eigenkapitaldecke der Erste Bank auch die dünnste unter den heimischen Großbanken, sieht man einmal vom Problemfall Hypo Kärnten ab. Den heimischen Instituten wird zwar immer nachgesagt, sie seien unterkapitalisiert – jene neun Prozent Kernkapitalquote, die in der EU nun als neuer Richtwert für die Zukunft kolportiert werden, erreichen sie aber problemlos. Außer die Hypo Alpe Adria.

Dort wird gerade fieberhaft daran gearbeitet, die von der Aufsicht aufgezeigte Kapitallücke von 1,5 Milliarden Euro zu schließen. Die Frist dafür läuft bis März 2012, doch das Hypo-Management hat angekündigt, mehr Zeit zu brauchen, um weitere Assets zu verkaufen. Bleibt die Aufsicht hart, muss der österreichische Steuerzahler voraussichtlich noch einmal Geld nachschießen. Genau das will aber Finanzministerin Maria Fekter verhindern, ist zu hören. Insider rechnen daher damit, dass das auf einen Machtkampf Fekter gegen Bankenaufsicht hinauslaufen könnte.

Hannes Androsch etwa, Kontrollor der Fimbag, die die staatlichen Bankenbeteiligungen des Bundes verwaltet, geht davon aus, dass die heimischen Sorgenbanken Hypo Kärnten, ÖVAG und Kommunalkredit noch weitere vier Milliarden Euro zum Überleben brauchen werden – „auch wenn etwa die Hypo das noch leugnet“, so Androsch.

Stresstest

Die ÖVAG, die sogar bei dem Stresstest durchgefallen ist, den die nun aufgefangene Dexia positiv absolvierte, wird die für heuer fällige Tranche von 300 Millionen zur Bedienung ihres Staatskapitals nicht begleichen können. Auch bei allen von FORMAT nach einer Formel von Thomson Reuters durchgeführten Stresstests fällt das Spitzeninstitut der Volksbankengruppe als einziges österreichisches Institut durch.

Dennoch beruhigt die Finanzministerin: Insgesamt stünden aus dem 2008 geschnürten Bankenrettungspaket noch sechs Milliarden Euro zur Verfügung. Was sie zu sagen vergisst: Budgetwirksam wäre deren Inanspruchnahme durch die Banken trotzdem.

Dass die Bankenrettung, wie vor drei Jahren von Ex-Finanzminister Josef Pröll behauptet, noch zu einem Bombengeschäft für den Steuerzahler werden könne, glaubt mittlerweile niemand mehr. Auch nicht Klaus Liebscher, der als Fimbag-Chef für die Bankenhilfe verantwortlich zeichnet: „Es war auch nie meine Meinung, dass es ein Geschäft werden könnte.“ Davon ist man ohnehin meilenweit weg: 87,7 Millionen Euro hat die Bankenrettung den heimischen Steuerzahler unter dem Strich gekostet. Ein Minus, das mit dem Ausfall weiterer Dividendenzahlungen rasch größer werden könnte.

Die große Frage lautet nun, wie können die Banken in einer beginnenden Wirtschaftskrise ihre Kapitaldecke stärken, wie von der Politik gefordert? Über das Kreditgeschäft dürfte es jedenfalls schwer werden. Denn die Nachfrage der Unternehmen nach Krediten sinkt rapide. Eine Entwicklung, die dem Chef der Bank Austria Willibald Cernko zunehmend Sorge bereitet. „Viele Unternehmen legen angesichts der Krise ihre Investitionen auf Eis“, sagt er im FORMAT-Gespräch (siehe Interview ).

Weil die Nachfrage der Unternehmen nach Krediten so niedrig ist, fällt derzeit nicht so auf, dass das Wirtschaftssystem, wie schon in der letzten Bankenkrise, in Wahrheit diesmal wieder auf eine Kreditklemme zusteuert. Ein Indiz dafür: Die Übernachteinlagen der Banken bei der EZB bewegten sich zuletzt in schwindelnden Höhen. 270 Milliarden Euro waren kürzlich bei der Europäischen Zentralbank geparkt. Das Vertrauen der Banker in ihre Kollegen bzw. in die Realwirtschaft hat also ein neues Rekordtief erreicht.

Umso mehr versuchen die Institute, ihr Geschäft über zusätzliche Spareinlagen anzukurbeln, weil sie auf den Finanzmärkten kaum noch Geld bekommen. Zumindest ein Punkt, von dem auch die Konsumenten profitieren: durch erstaunlich gute Konditionen. Die Sparzinsen liegen mittlerweile unüblich deutlich über dem Referenzzinssatz Euribor. Die Österreicher nutzen das: Sie sparen mit 168 Euro monatlich so viel wie nie zuvor, belegt eine Studie der Erste Bank.

Im Sparen üben sich auch alle europäischen Banken: Dividenden werden einbehalten, Jobs werden abgebaut, und Expansionspläne werden eingestampft. Dass sich der Verkauf von Assets momentan sehr schwierig gestaltet, zeigt das Beispiel Hypo Alpe Adria, die seit Monaten versucht, ihr Österreich-Geschäft an den Mann zu bringen. Einzig der ÖVAG ist es gelungen, ihr Osteuropa-Business an die russische Sberbank zu verkaufen. Experte Josef Christl bestätigt: „Die Nachfrage nach Banken ist sehr bescheiden. Es kann auch nicht das Ziel sein, das europäische Bankensystem nach Russland oder China zu verkaufen“

Für viele europäische Banken bleibt also im Ernstfall fast nur der Ausweg, ein weiteres Mal mit Staatsgeld versorgt zu werden. Und das heißt: vom Steuerzahler. Der deutsche Bankenfachmann Wolfgang Gerke meint zwar: „In einzelnen Ländern ist der Unmut der Bevölkerung über Banken und die Politik mittlerweile so groß, dass sie sich nicht mehr so einfach zur Kasse bitten lässt.“ Doch auch Gerke weiß, dass das von ihm unterstellte Kalkül, die Banken hätten bei ihren riskanten Geschäften von Anfang an auf die monetäre Unterstützung des Steuerzahlers gesetzt, aufgehen wird. Weil es nicht anders geht.

- A. Kramer, M. Bachler, A. Müller
Mitarbeit: C. Burger

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