Bankengipfel: Nowotny und Rothensteiner über den Banken- und Börsencrash

Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny und RZB-General Walter Rothensteiner über die Folgen der Finanzkrise, gierige Investmentbanker und warum Kredite jetzt deutlich teurer werden.

FORMAT: Herr Gouverneur, Herr Generaldirektor, die Investmentbank Lehman Brothers schlitterte in die Pleite, Konkurrent Merrill Lynch wurde notverkauft, Zehntausende Wall-Street-Jobs wackeln, in Moskau und in Tokio krachen die Börsen. Steht die Finanzwelt vor dem Untergang?
Nowotny: Weltuntergangsstimmung sehe ich keine, aber es ist sicherlich eine Krise, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat. Dass eine Branchengröße wie Lehman übers Wochenende implodiert, hätten wohl die wenigsten erwartet.
Rothensteiner: Es hat in der Branche die Meinung gegeben, dass die Amerikaner vor der Wahl keine großen Banken fallen lassen. Das tun sie auch nicht, wenn Sparer betroffen sind. Aber im Fall Lehman war es ein Broker, und für den wollte man kein Steuergeld lockermachen. Es herrscht sehr viel Unsicherheit bei Banken, Investoren und auf den Kapitalmärkten.

"Leerverkaufsverbot überfällig"
FORMAT: In Frankfurt, London und New York sind sogenannte verboten worden, die auf fallende Kurse spekulieren. Eine späte Einsicht?
Nowotny: Das Verbot ist längst überfällig. Short-Selling ist aus Sicht der Börse nur unter dem Aspekt der Umsatzmaximierung zu rechtfertigen, aber nicht nach volkswirtschaftlichen Kriterien. Das gehört verboten. Die Wiener Börse wird sich diesem Trend nicht widersetzen.
FORMAT: Das Leerverkaufsverbot trifft vor allem Hedgefonds, die mit Finanzderivaten jonglieren. Werden die von der Aufsicht künftig genauer kontrolliert?
Nowotny: Die Regulierung von Hedgefonds muss international gelöst werden. Das ist eigentlich keine Frage von polizeilichen Maßnahmen, sondern von ökonomischen Strukturen. Wenn ich die Vergabe von Krediten an Hedgefonds teurer mache, verlieren sie automatisch Einfluss.
FORMAT: Hedgefondsmanager und Investmentbanker sind weltweit Spitzenverdiener – auch nach der Krise. Lehman-Chef Richard Fuld kam beispielsweise auf eine Jahresgage von 71 Millionen Dollar. Hat die Gier zur Krise beigetragen?
Rothensteiner: Ich bin der Letzte, der gegen ordentliche Boni für gute Leistung auftritt, aber solche Saläre sind skandalös. Es kann niemand so gut sein, dass er als Angestellter 71 Millionen Dollar wert ist.
Nowotny: Da gab es verrückte Anreizsysteme, die sehr provisionsgetrieben waren. Auf Risiko und Bonität wurde kaum geachtet. Der Gipfel der Absurdität ist aber, dass schlechte Manager mit Golden Handshakes verabschiedet werden. Ich glaube, diese Tradition wird es bald nicht mehr geben. Prinzipiell steht das gesamte Geschäftsmodell Investmentbank auf dem Prüfstand.

"Kredite grosso modo teurer"
FORMAT: In den letzten Jahren wurde die private Vorsorge propagiert. Nun werden Banken und Börsen als Zockerbuden empfunden. Ist das der richtige Platz für die Altersvorsorge?
Rothensteiner: An Image hat die Branche sicher nicht gewonnen. Jeder Anleger weiß, dass Aktien an Wert gewinnen, aber auch verlieren können. Sie wissen so gut wie ich, dass die Börse zur Vorsorge noch immer besser ist als alles andere, was wir bisher gehabt haben.
FORMAT: Das über Jahre mühevoll aufgebaute Kundenvertrauen in den Kapitalmarkt ist nun aber futsch.
Rothensteiner: Ich sehe das nicht so krass. Alle sind vorsichtiger geworden. Kunden werden künftig kritischere Fragen stellen, und wir müssen noch detaillierter informieren. Das ist für alle Seiten gut.
Nowotny: Ich habe keinen Hinweis, dass das Vertrauen in die Banken gestört ist. Ganz im Gegenteil: Wir verzeichnen einen Zuwachs bei den Spareinlagen.
FORMAT: Die Banken überbieten sich mit den Einlagenzinsen. Wie wird es bei den Kreditzinsen weitergehen?
Nowotny: Als Mitglied der Europäischen Zentralbank werde ich sicherlich keine Zinsprognosen anstellen. Wir hatten vorige Woche eine Sitzung in Frankfurt, wo wir unsere bisherige Politik der ruhigen Hand bestätigt haben. Die EZB ist bereit, massiv mit Liquidität zu helfen, wo es nötig ist. Wir sind der Preisstabilität verpflichtet und sehen darüber hinaus keinen Spielraum für Zinssenkungen.
Rothensteiner: Dem kann ich mich nur anschließen. Billiger wird es bei uns auch nicht. Kreditzinsen hängen vom Risiko des Kreditnehmers ab. Bei den wenigsten hat das abgenommen. Auch unsere Refinanzierung wurde teurer.
FORMAT: Kredite werden also teurer?
Rothensteiner: Grosso modo, ja. Aber dafür gibt es höhere Zinsen auf Einlagen.

Interview: Ashwien Sankholkar

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff