Banken versus Wirtschaft: FORMAT bringt Unternehmenskritik und Bankenverteidigung

Während die Industrie ums Überleben kämpft, erzielen einige Banken mitten in der Krise hohe Gewinne. Die Kritik wird lauter: Die Finanzbranche saniere sich auf Kosten des Staates und der Unternehmen.

Auf den ersten Blick ist die Welt der Banken wieder in Ordnung: Die Erste Group vermeldete im ersten Halbjahr ein Plus des Betriebsergebnisses von knapp 20 Prozent, bei der Bank Austria ( im Bild: BA-Chef Erich Hampel ) stieg es gar um mehr als 50 Prozent. Auch die britischen Institute Barclays und HSBC oder die Deutsche Bank konnten ansehnliche Gewinne verbuchen – mitten in der Finanzkrise.
Weniger erfreulich sind die Erfahrungen, die ­Unternehmen im vergangenen halben Jahr mit den Banken gemacht haben: Kredite zu bekommen ist mühsamer geworden. „Die Konditionen haben sich deutlich verschlechtert“, sagt Berater Manfred Reichl und spricht damit vielen Managern aus der Seele. Dies belegt auch eine Studie der Notenbank, laut der auch in den kommenden Monaten mit einer weiteren Verschärfung der Richtlinien für Darlehen zu rechnen ist (siehe Grafik ) . Manche Betriebe werfen den Kreditinstituten vor, Geld zu scheffeln und den Rest der Wirtschaft in den Ruin zu treiben. Und das, obwohl der Steuerzahler erst kürzlich die Finanzbranche gerettet hat. Agieren die Banken also wirklich zu egoistisch?

Die Kritik der Wirtschaft
Die Unternehmen bekommen keine Kredite mehr.
Vor allem für Immobilien- und Autounternehmen gibt es laut Notenbank einen starken Rückgang bei den Kreditvolumina. Weniger Darlehen erhalten auch Dienstleister und Händler. In der Eurozone sind die Darlehen an Unternehmen im Juni wegen der Rezession im Rekordtempo geschrumpft. „Das größte Problem für Betriebe ist es derzeit, Über­brückungskredite zu bekommen“, sagt Brigitte Jank, Chefin der Wiener Wirtschaftskammer. „Daher fordern wir, dass geförderte ERP-Kredite nicht nur für Investitionen, sondern auch zur Überbrückungs­finanzierung verwendet werden sollen.“

Die Kreditinstitute zocken die Unternehmen ab.
Die Zinsmargen sind gestiegen. Heute werden im Schnitt Euribor plus 2,5 Prozent verlangt, vor knapp zwei Jahren war der Zuschlag nur halb so hoch. Aber auch für Banken sind die Finanzierungskosten gestiegen. „Es ist leider in Rezessionen so, dass Kredite teurer werden“, sagt der Bankenexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), Franz Hahn. Durch das niedrige Zinsniveau ist zwar die Belastung für die Betriebe ähnlich wie in den vergangenen Jahren. Aber: „Bei neu aufgenommenen Krediten mit einer Laufzeit von über fünf Jahren wurden die Zinssenkungen zur Gänze durch steigende Margen kompensiert“, heißt es in einer Analyse der Notenbank. Das bedeutet, dass eine Konjunkturankurbelung durch niedrige Zinsen derzeit nicht stattfindet, weil die Banken mehr verdienen.

Die Banken wälzen ihre Krisenkosten einfach auf die Kunden ab.
Die Wirtschaft zahlt einen Teil der Systemkosten der Krise. Zwar argumentieren die Banken, dass jetzt im Gegensatz zu früher die wahren Risiko­kosten verrechnet werden. Doch das Pendel hat in die andere Richtung ausgeschlagen, die Banken agieren derzeit übervorsichtig.

Der Steuerzahler muss für die Banken zahlen, aber hat nichts von der Hilfe.
Analysen der Arbeiterkammer argumentieren, dass die staatlichen Stabilisierungspakete den Banken und Aktionären nützen: Allein durch die Haftungen würden sich die österreichischen Finanzinstitute rund 390 Millionen Euro im Jahr an Zinsen ersparen. Zudem sind die Aktien von Banken, die Staatsgeld in Anspruch nahmen, stärker gestiegen als andere. Auf der anderen Seite muss der Staat wegen des Ostrisikos der Banken höhere Zinsen für seine Schulden bezahlen. „Es kann nicht sein, dass alle die Zeche für die Krise bezahlen müssen, nur die Banken nicht“, sagt Maria Kubitschek, Leiterin der Wirtschaftsabteilung der Arbeiterkammer – und fordert eine Börsenumsatzsteuer. „Dies würde dem Staat 1,7 Milliarden Euro im Jahr bringen.“

Das Verhältnis zwischen Banken und Realwirtschaft ist gestört.
Die Banken haben zuerst die Finanzkrise ausgelöst. Danach wurden Ende 2008 vielen Unternehmen ohne große Vorwarnung Kreditlinien gekürzt und die Firmen damit in Bedrängnis gebracht, vor allem solche, die vorher viel investiert oder Übernahmen getätigt haben. Langjährige Geschäftsbeziehungen wurden zerrüttet. „Jetzt hat man den Eindruck, dass die Banken zur Tagesordnung zurückkehren, ohne dass sich am System etwas geändert hat“, meint ­Kubitschek. Das schaffe Unmut.

Es hat massive Folgen, dass die Unternehmer den Banken weniger vertrauen.
Viele Manager versuchen jetzt auch von sich aus, möglichst wenig von Banken abhängig zu sein. Sie verzichten daher auf größere Projekte und Akquisitionen. „Derzeit ist Vorsicht das erste Gebot“, meint etwa Alain Caparros, Vorstandschef des Handelskonzerns Rewe. Weniger Investitionen bedeuten aber ein geringeres Wachstum. Erst 2011 soll es leicht nach oben gehen. Neue Jobs werden auch dann kaum geschaffen. „Viele Leute werden umlernen müssen“, sagt der Wiener Ökonom Erich Streissler.

Die Verteidigung der Banken
Es gibt keine Kreditklemme.
Laut Notenbank ist in den ersten Monaten 2009 das Kreditvolumen österreichischer Banken an Unternehmen sogar um rund fünf Prozent gestiegen. ­Damit ist das Wachstum deutlich geringer als in den vergangenen Jahren. „Man bekommt schon Dar­lehen. Aber Kredite aufstocken ist schwieriger ge­worden“, sagt Manfred Reichl, Berater und Investor. Für Projekte, bei denen früher 20 Prozent Eigen­kapital notwendig waren, muss jetzt mindestens doppelt so viel mitgebracht werden.

Wieso manche Banken recht gut verdienen.
Der Wertpapierhandel läuft wieder besser, viele ­Anleger haben ihre Depots Richtung festverzinslicher Papiere umgeschichtet, daran verdienten die Banken Provisionen. Die Erholung auf den Aktienmärkten hat genützt, zudem haben die Banken an der Kostenschraube gedreht. Ein markantes Plus wurde vor allem im Zinsgeschäft erzielt. „Die Margen im Kreditgeschäft sind deutlich besser als in der Vergangenheit“, sagt Daniela Chikova, Expertin beim Beratungsunternehmen AT Kearney. Allerdings seien es „Angstmargen“, denn die Gefahr einer Insolvenzwelle ist hoch. Ein Bank­manager bestätigt, dass bei vielen Instituten das Zinsgeschäft derzeit über dem Budget liegt.

Trotz der Gewinne ist Staatshilfe nötig.
Am Markt wird derzeit eine Eigenkapitalquote von acht bis neun Prozent von Banken verlangt. Um gegen Kreditausfälle gewappnet zu sein, wäre es von Vorteil, wenn die Quote sogar bei rund zwölf Prozent läge, sagt Franz Hahn vom WIFO. „Es ist ein Gebot der Stunde zu schauen, dass unser Eigenkapital möglichst hoch ist“, erklärte auch Erste-Group-Chef Andreas Treichl. Dass die staatliche Bankenhilfe kaum in der Realwirtschaft ankommt, liegt etwa laut RZB-Boss Walter Rothensteiner daran, dass 80 Prozent des Partizipationskapitals verbraucht wurden, weil die Kreditportfolios aufgrund schlechterer Ratings mit mehr Eigenkapital unterlegt werden müssen (das verlangt das Basel-II-System). Die Intention des Gesetzgebers war auch in erster Linie eine Absicherung der Finanzbranche. „Ziel des Bankenpakets war eine Bilanzstärkung der Banken“, sagt Harald Waiglein vom Finanzministerium.

Das Regelwerk Basel II ist an der Misere mitschuld.
Die rigorosen Regeln zur risikoabhängigen Eigen­kapitalunterlegung verschärfen die Situation in der Krise noch. Sie steigern den Bedarf nach ohnehin knappem Kapital und verteuern Kredite für Schuldner, die nicht die allerhöchste Bonität haben. Auch die Bilanzierungsregeln IFRS mit dem Zwang einer „Fair Value“-Bewertung führen zu hohen Abwertungen und damit zu steigendem Eigenmittelbedarf.

Die Politik schläft, daher ist eine Änderung der schädlichen Regeln nicht in Sicht.
Für die Regierungen in Europa ist Basel II kein dringliches Thema. Zudem zeigen sich die Notenbanker bislang wenig einsichtig. Die Wirtschaftskammer macht sich für Änderungen stark: Präsident Christoph Leitl hat ein vom Linzer Anwalt Gerhard Wildmoser verfasstes Papier zur Adaptierung von Basel II bei der Notenbank hinterlegt.

Es ist nötig, dass sich Banken egoistisch verhalten.
Die Banken haben keine andere Wahl, als jetzt möglichst viel Speck anzusetzen. Pleiten von Kredit­instituten würden auch viele Opfer in der Realwirtschaft fordern. Das liegt daran, dass Banken, wie Berater Reichl sagt, ein „sonderbares Zwitterwesen“ sind: einerseits privatwirtschaftlich geführt, andererseits mit tragender Funktion für die Volkswirtschaft. Daher müssen sie auf eine möglichst stabile Bilanz achten. Die derzeit von Bank Austria oder Erste Bank erzielten Gewinne sind kein Grund, sich zurückzulehnen. Denn die Pleitewelle, die zu hohen Wertberichtigungen zwingen wird, ist erst im Anmarsch. „Wir haben das Schlimmste noch nicht gesehen, die schwierigste Zeit liegt vor uns“, sagt Beraterin Chikova.

Von Miriam Koch

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