Banken-TREND: Das Beben an den Börsen macht das sichere Sparbuch zum Renner

Die Banken stehen nach Jahren des Wachstums vor einer Zäsur: zitternde Kunden, schwindende Profite, mehr Staat. Die große Hoffnung bleibt der Ostmarkt.

Im eigenen Geldbörsel spüren sie es nun auch: Viele Jahre galten Österreichs Banker als die Spitzenverdiener schlechthin. Starke Gewerkschaften verhandelten sensationelle Kollektivverträge, und spendable Investoren stimmten Millionengagen mit hohen Erfolgsboni und teuren Stock Options zu. Diese paradiesischen Zustände seien nun endgültig Geschichte, meint Constantin Veyder-Malberg. Der Vorstand der Capital Bank weiß, wovon er spricht: Im eigenen Haus stellte er kürzlich das Entlohnungs­system komplett um. Veyder-Malberg: „Die Boni werden künftig über mehrere Jahre verteilt ausgezahlt. Außerdem wird es einen Cap bei den Managergehältern, also eine Deckelung, geben.“ Eine Reform, die vor einem Jahr als unmöglich galt, geht heute unwidersprochen durch. „Dass die Vernunft wieder in die Bankhäuser einzieht, ist ein erfreulicher Nebeneffekt der Finanzkrise“, sagt der Banker. „Unsere Branche befindet sich im Ausnahmezustand.“

Turbulente Zeiten
Tatsächlich erleben die erfolgsverwöhnten Austrobanker derzeit stürmische Zeiten. Steigende Refinanzierungskosten, aufgeregte Sparer und ein Ostgeschäft, das massiv an Dynamik verliert, bereiten den Konzernstrategen von Bank Austria, Erste Bank und Co starke Kopfschmerzen. Unpopuläre Entscheidungen, die etwa Personalabbau, Gehaltskürzungen oder die kompromisslose Konzentration aufs Kerngeschäft betreffen, stehen auf der Agenda. Der neue Megatrend für Bank, Kunde und Betreuer: die Suche nach Sicherheit.

Einfach und verständlich
„Wir werden keine Produkte mehr produzieren, die keiner versteht“, sagt Elisabeth Bleyleben-Koren. Das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen steht ganz oben auf der To-Do-List der Vorstandsvorsitzenden der Erste Bank Österreich. Banken müssen transparenter werden, wenn sie das Kundenvertrauen behalten wollen. Wie das zu schaffen ist? „Durch einfache und verständliche Produkte.“ „Bankanleihen wurden stark erworben und Investmentzertifikate tenden­ziell verkauft“, erklärt Aurel Schubert, Chefstatistiker der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), das veränderte Anlageverhalten der Österreicher. Die bunkerten schon bisher mehr als 44 Prozent ihres Geldvermögens von 421,5 Milliarden Euro in Spar- und Termineinlagen. Die Turbulenzen an den Kapitalmärkten führten zu einer Renaissance des biederen Sparbuchs.

Sparefroh freut sich
Mangelnde Liquidität führte gegen Jahresende dazu, dass der Wettbewerb um Spareinlagen zuletzt angeheizt wurde. Seit Monaten zahlen etwa VakifBank und DenizBank Topzinsen für ein bis fünf Jahre gebundene Sparbücher. Beide Institute sind in der türkischen Community gut verankert. Auch die ­Erste Bank hat die Migranten als neue Zielgruppe entdeckt. Ethnobanking nennt sich dieser Trend. „Unsere Ökonomen gehen von einem Wachstum von 30.000 Menschen pro Jahr in Österreich aus“, sagt Bleyleben-Koren. Eine Entwicklung, die sich „fast ausschließlich“ durch Zuwanderung aus Deutschland und Südosteuropa ergibt. Letztere Gruppe wird von der Erste Bank bereits ­intensiv umworben. Bleyleben-Koren: „Wir sind schon seit einigen Monaten sehr bemüht, Mitarbeiter mit Ostsprachenkenntnissen zu rekrutieren.“Auf diese Weise soll Osteuropa auch daheim zum Erfolgsfaktor werden.

Harte Zeiten in Osteuropa
In der Region selbst sieht die Lage leider nicht mehr so rosig aus. Über Jahre für ihr Engagement im boomenden Osten ausgezeichnet, werden Bank Austria, Raiffeisen und Co dieser Tage aus demselben Grund von Analysten und Ratingagenturen regelrecht niedergeprügelt. Walter Rothensteiner, Chef der Raiffeisen Zentralbank, kontert die Kritik im FORMAT-Interview : „Die Wachstumsraten von 20 bis 30 Prozent wird’s zwar nicht mehr geben. Doch Osteuropa wird auch dann weiterwachsen, wenn der Westen nicht mehr wächst.“ Letzteres wird zumindest für die Euro-Zone prognostiziert.

KMU-Kredit als Konjunkturspritze
Wie dauer- und schmerzhaft die Rezession für Öster­reich sein wird, hängt nicht zuletzt von den Geldinstituten ab. Bleiben sie beispielsweise bei der Kreditvergabe res­triktiv, könnte das vielen Unternehmern das Genick brechen. Darum der Appell von OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny: „Die Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) ist die wirksamste Konjunkturspritze. Die Banken müssen ihrer volkswirtschaftlichen Funktion nachkommen.“ Als oberster Bankenvertreter Österreichs verteidigt RZB-Boss Rothensteiner die Branche: „Ich kenne keine Raiffeisenbank oder Sparkasse, die dem Tischlermeister, der eine neue Werkbank braucht, kein Geld mehr gibt.“ Nachsatz: „Vorausgesetzt, die Bonität passt.“ Im KMU-Bereich gibt es die Kredit-Klemme nicht, posaunt auch Raiffeisen-Niederösterreich-Wien-Boss Erwin Hameseder.

Notwendige Rettungspakete  
Die Verpflichtung zur Kreditvergabe ist jedenfalls in den Vertragsverhandlungen zur Inanspruchnahme der staatlichen Bankenhilfe das zentrale Thema. OeNB-Gouverneur Nowotny ruft in Erinnerung: „Wir schnüren keine Pakete zur Bankenrettung, sondern zur Rettung der Kreditvergabe.“ Das 100-Milliarden-Euro-Paket umfasst 15 Milliarden für direkte Eigenkapitalspritzen, 75 Milliarden für langfristige Garantien und Haftungen sowie zehn Milliarden zur Bereitstellung kurzfristiger Liquidität. Alle Großbanken haben bereits ihr Interesse bekundet. Die EU-Kommis­sion gab vor kurzem grünes Licht. Jetzt wird um die Konditionen gefeilscht. Fix sind Mindestzinsen von 9,3 Prozent für Partizipationskapital sowie eine Dividendendeckelung von 17,5 Prozent des Nettogewinns. Auf heftigen Widerstand stößt eine staatlich oktroyierte Managergagenbeschränkung – in Deutschland: 500.000 Euro – sowie eine verpflichtende Prüfung durch den Rechnungshof. Rothensteiner: „Das ist für uns ein absolutes No-Go.“

Harte Zeiten für Kommunalkredit
Keine Wahl hatte die Kommunalkredit. Nach dem Kollaps Ende Oktober musste die Bank im Eiltempo verstaatlicht werden – und ist so automatisch im Prüfbereich des Rechnungshofs. Dem Gemeindefinanzierer stehen harte Zeiten bevor. Neo-Kommunalkredit-Boss Alois Steinbichler: „Die Konzentration auf das Kerngeschäft ist nun angesagt. Nur nichts Exotisches mehr.“ Denn unkontrollierte Milliardenspekulationen auf der Mittelmeerinsel Zypern führten zur Pleite. Derzeit sei ein Personalabbau nicht geplant, doch ausschließen wollen die Verantwortlichen gar nichts. Das Thema „Sichere Jobs“ wird im neuen Jahr noch viele Banker zwischen Neusiedler See und Bregenzerwald ­beschäftigen. International bauen Großkaliber wie Bank of America oder Credit Suisse Tausende Stellen ab. In Österreich trifft es vor allem das Investmentbanking, Fondsmanager und Kundenbetreuer im Private Banking. „Österreichs Banken operieren schon jetzt sehr kosteneffizient. Personalabbau ist teuer und wird nie angestrebt. Das macht keiner, wenn er nicht muss“, versucht RZB-Boss Rothensteiner zu kalmieren. „Außerdem gibt es eine Zeit nach der Krise. Dann brauchen wir die Fachleute.“ Wann das genau sein wird, steht aber noch in den Sternen.

Von Ashwien Sankholkar

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