Bank-Austria-Boss Cernko im Interview

Bank-Austria-Boss Willibald Cernko über die Bankenkrise, „die eigentlich keine ist“, und wie sein Institut sie bewältigen wird.

FORMAT: Herr Cernko, sind Sie immer noch davon überzeugt, dass wir derzeit keine Bankenkrise erleben?

Willibald Cernko: Ja, denn der Ausgangspunkt der Krise sind die Staatshaushalte, die sich in einer Vielzahl von Mitgliedsstaaten in einem schlechten Zustand befinden. Solange die nicht in Ordnung sind, wird am Horizont immer das Gespenst „Bankenkrise“ herumgeistern. Die Banken finanzieren die Staatshaushalte zu rund einem Drittel, sie sind also relevante Gläubiger der Staaten. Wenn die Haushalte nicht in Ordnung sind, trifft das automatisch auch die Gläubiger.

FORMAT: Wie bewerten Sie die Aussagen vom Wochenende von Merkel und Sarkozy? Was heißt das für die Banken?

Cernko: Klar ist: Die Suche nach Investoren am Markt muss Vorrang vor staatlicher Stützung haben. Auch wenn das sehr schwierig ist. Was mir ein bisschen fehlt, ist, dass man den Banken längere Zeiträume zubilligt, um Probleme oder Verluste besser zu verarbeiten. Das unmittelbare Zugreifen auf den Steuerzahler ist nach heutigen Accounting-Standards die einzige Alternative. Bekämen wir mehr Zeit zugestanden, müsste der Steuerzahler vielleicht nicht auf den Plan treten.

FORMAT: Gehen Sie davon aus, dass nach der Dexia weitere europäische Banken staatlich gestützt werden müssen?

Cernko: Schwer zu sagen. Das hängt davon ab, wie die Lösung für Griechenland aussehen wird. Wenn ein größerer Beitrag verlangt wird, kann schon die eine oder andere Stützung notwendig werden.

FORMAT: Konkret: Bei einem 60-%-Haircut für Griechenland bräuchten UniCredit oder Bank Austria Staatskapital?

Cernko: Nein. Unser Griechenland-Exposure beläuft sich für die Bank Austria auf nur mehr 380 Millionen Euro. Weitere 100 Millionen Euro im Worst Case wären durchaus darstellbar.

FORMAT: Der Währungsfonds hat den Kapitalisierungsbedarf europäischer Banken kürzlich auf 200 Milliarden Euro geschätzt. Eine realistische Größe?

Cernko: Ich kann das nicht nachvollziehen. Außerdem fördert man mit derartigen Zahlen nur die Spekulationen. Sie sind entbehrlich.

FORMAT: Sind Sie auch der Meinung, dass die USA die erste Bankenkrise besser bewältigt haben?

Cernko: Die USA haben es mit der Koordinierung sicher leichter als die EU. In Europa dauert alles immer länger und ist komplexer.

FORMAT: Für wie valide halten Sie den durchgeführten Bankenstresstest?

Cernko: Das Instrument ist gut. Man muss aber schon sagen: Bis vor kurzem konnten wir davon ausgehen, dass Staaten auch ihre Schulden bedienen. Banken müssen sich darauf verlassen können, dass EU-Staaten ihre Haushalte in Ordnung halten. Das Management der Nationalstaaten muss sich etwas einfallen lassen und nicht die Banken als Gläubiger.

FORMAT: Welche Definition oder Höhe von Eigenkapital ist Ihrer Meinung nach sinnvoll? Staatsanleihen müssen ja bislang nicht mit Eigenkapital unterlegt werden, Firmenkredite aber schon.

Cernko: Es muss klar sein, dass die Finanzierung der öffentlichen Haushalte in Europa risikolos ist. Wo sollten sich die Staaten sonst refinanzieren? Ein Staat kann schließlich auch Steuern erhöhen, er ist daher anders zu beurteilen als Unternehmen. Die Notwendigkeit, dass die Banken für Firmenkredite ihre Kapitalpuffer erhöhen, halte ich für sinnvoll. Wir reden ja nicht von ganzen Prozentpunkten, sondern von Zehntelprozentpunkten.

FORMAT: Sind Sie der Meinung, Banken sollten überhaupt noch gewinnorientiert arbeiten?

Cernko: Es ist unbestritten, dass hohe zweistellige Renditen der Vergangenheit angehören, aber die Kosten des Kapitals müssen wir verdienen. Denn welcher Investor würde sonst in eine Bank investieren? Allerdings wird es, was die Erträge anlangt, in Zukunft auf der einen Seite eine Kundenbank und auf der anderen die Investmentbank geben.

FORMAT: Streng getrennt?

Cernko: Ich bin gegen eine strenge Trennung. Wir machen weiter Investmentbanking, wenn es mit dem Kundengeschäft in Verbindung steht. So ein Modell wirft eben auch geringere Renditen ab.

FORMAT: In den USA werden immer häufiger staatliche Banken errichtet. Ein Modell für die Zukunft?

Cernko: Ich glaube nicht. Der Staat sollte sich dann ins Spiel bringen, wenn es keine Alternativen mehr gibt.

FORMAT: Was hat man Ihrer Meinung nach regulatorisch nach der ersten Bankenkrise verabsäumt?

Cernko: Man hat die Gründung eines EU-weiten „Resolution Fund“ verabsäumt. Statt einer Bankensteuer wäre ein Solidaritätsfonds sinnvoller gewesen. Wenn eine Bank in Schwierigkeiten gekommen wäre, hätte sie damit gut aufgefangen werden können. So werden eben wieder die Nationalstaaten zur Kasse gebeten.

FORMAT: Diese Woche „feiern“ wir drei Jahre Bankenrettungs-Paket. Wie lautet Ihr Resümee?

Cernko: Ich bin überschaubar optimistisch. Wir haben uns zu lange auf Nebenschauplätzen aufgehalten und zu spät erkannt, dass wir in Österreich gemeinsam vorgehen müssen. Damit meine ich ein Miteinander von Politik und Wirtschaft – und von Realwirtschaft mit Banken. Wir alle brauchen einander.

FORMAT: Glauben Sie, werden österreichische Banken noch weiteres Staatskapital benötigen?

Cernko: Das nehme ich nicht an.

FORMAT: Nicht einmal die Kärntner Hypo?

Cernko: Ah so, ich habe eigentlich die drei Großbanken gemeint.

FORMAT: Sind Sie eigentlich froh, dass Sie kein Staatskapital genommen haben?

Cernko: Das hat uns bei den Kunden sicher genützt.

FORMAT: Können Sie ausschließen, dass die Bank Austria in den nächsten Monaten Staatskapital brauchen wird?

Cernko: Aus heutiger Sicht schließe ich das aus.

FORMAT: Wird die Bank Austria so groß wie heute bleiben, oder wird sich die UniCredit aus einzelnen Ländern verabschieden?

Cernko: Wir müssen nicht unbedingt in jedem Land eine Universalbank sein, aber Zentral- und Osteuropa ist und bleibt Kernmarkt.

FORMAT: Die Banken haben im dritten Quartal die Kreditkonditionen für Großkunden verschärft. Droht eine Kreditklemme?

Cernko: Wir haben unsere Kreditpolitik seit 2006 nicht verändert, auch jetzt nicht. Allerdings lässt die Nachfrage nach Krediten nach, die Unternehmen legen Investitionen auf Eis. Wir rechnen über die nächsten Jahre mit einem Kreditwachstum von maximal zwei Prozent. Da würden wir gerne mehr Nachfrage sehen.

FORMAT: Moody’s hat jüngst das Rating der Bank Austria heruntergestuft. Gibt es von Ihrer Seite Kritik an den Ratingagenturen?

Cernko: Die UniCredit und wir sind in einem sehr guten Zustand. Das Rating ist Folge der Herabstufung Italiens, aber es ändert nichts an der Solidität unserer Gruppe.

FORMAT: Was ist dran an dem Gerücht, dass die UniCredit die Bank Austria verkaufen will?

Cernko: Absolut nichts.

FORMAT: Kann es bei der Bank Austria in Osteuropa ähnliche Überraschungen geben wie kürzlich bei der Erste Bank?

Cernko: Wir führen in unseren Märkten regelmäßig Impairment-Tests durch. Jetzt läuft auch wieder einer, dem Ergebnis möchte ich nicht vorgreifen. Ungarn ist für uns jedenfalls kein größeres Thema.

FORMAT: Wurden Sie von dem Schritt der Erste Bank überrascht?

Cernko: Ja, absolut.

FORMAT: Was halten Sie von dieser Form des „Tabula rasa“?

Cernko: Ich bin kein Fan davon, weil man damit die Illusion erweckt, alles wäre jetzt okay.

FORMAT: Ist bei der Bank Austria mit größeren Jobabbau-Programmen zu rechnen?

Cernko: Wir gehen derzeit von einer stabilen Personalentwicklung aus.

– Angelika Kramer

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff