"Bald kommt die zweite große Krisenwelle": Interview mit KTM-Chef Stefan Pierer

Der Industrielle und KTM-Chef Stefan Pierer über den „Boden der Krise“, die Opel-Rettung, die Schwächen der Kurzarbeit und die Kreditklemme.

FORMAT: Immer mehr Industrie-Frühindikatoren zeigen inzwischen nach oben – ist die Krise schon vorbei?
Pierer: Nein. Bald kommt die zweite große Welle. Zwar hat sich die Fallgeschwindigkeit dramatisch reduziert, aber der Boden ist noch nicht erreicht.
FORMAT: Die zweite Welle?
Pierer: Schauen wir zurück. Zuerst war die Finanzindustrie dran, dann die Fahrzeugindustrie. Viele Fuhrparks wurden nicht erneuert, sogar immer mehr Leasingfahrzeuge zurückgegeben. Die Lager sind aber ohnehin knallvoll, weswegen die Hersteller die Produktion noch weiter zurückfahren. In der Zulieferindustrie ist deswegen die Nachfrage nicht nur um 20, sondern eher um 50 Prozent eingebrochen. Das trifft auch die Grundstoffindustrie wie Stahl, Chemie und Kunststoff. Durch die Überkapazitäten kauft auch keiner mehr Maschinen, das ist die nächste Welle.

"Kurzarbeit teuer und unflexibel"
FORMAT: Dafür wird großflächig mit Kurzarbeit gegengesteuert. Reicht das?
Pierer: In Deutschland gibt es ein hervorragendes Kurzarbeitsmodell, das österreichische ist hingegen noch wenig attraktiv. Es ist teurer und unflexibel. Beispiel: In Deutschland kann ich, wenn in der Produktion Kurzarbeit läuft, in anderen Abteilungen trotzdem Mitarbeiter kündigen und damit laufend anpassen. Hierzulande muss ich solche Entscheidungen schon vorher getroffen haben, daher haben wir bei KTM zuerst 300 Mitarbeiter gekündigt und dann erst mit der Kurzarbeit begonnen – auch wenn wir dafür geprügelt wurden. Fakt ist: Es gibt einen Paradigmenwechsel. Geld ist kein billiger Rohstoff mehr, sondern ein rares Gut mit entsprechendem Preis. Jetzt rechnet sich vieles nicht mehr und verschwindet deshalb vom Markt.
FORMAT: Aber immerhin ist die Kurzarbeit ja ausgeweitet worden und hilft über längere Durststrecken.
Pierer: Das löst aber nicht das Grundproblem. Bei Einbrüchen von 60 Prozent und mehr reicht Kurzarbeit nicht. Und: Sie muss günstiger werden. In Österreich bekommen die Mitarbeiter 90 Prozent, Unternehmen sparen sich ein Viertel der Kosten. Deutsche Unternehmer sparen sich dagegen die Hälfte und kommen damit länger durch die Krise.

"Ich traue den Chinesen nicht"
FORMAT: Reichen die Kapazitätsanpassungen bei KTM?
Pierer: Wir haben insgesamt um 25 Prozent reduziert. Das sollte reichen. Dramatisch ist der US-Markt, wo es einfach kein Geld mehr gibt. Und das, wo die Amerikaner gewohnt waren, alles bis hin zur Zahnbürste zu finanzieren.
FORMAT: Dafür sind Sie ja inzwischen in Indien aktiv. Warum ausgerechnet dort?
Pierer: Wir waren bis dato nur im Premiumsegment aktiv, hatten aber keine günstigen Einstiegsmotorräder. China haben wir ausgeschlossen, weil ich den Chinesen nicht traue. Die ziehen uns Langnasen schließlich gern über den Tisch. Das finde ich nicht einmal verwerflich, will aber nicht mit denen Geschäfte machen. In Indien gibt es einen großen Motorradmarkt und viele europaaffine Industriefamilien. Mit Bajaj haben wir eine Allianz gebildet, in der wir uns hervorragend ergänzen. Wir haben die Marke und die Technologie, unser indischer Partner hat die kostengünstige Zulieferstruktur. 2010 werden die ersten Motorräder bei Bajaj produziert.

"In Indien spielt in Zukunft die Musik"
FORMAT: Kann Asien die Konjunkturlokomotive der Zukunft werden?
Pierer: Auf jeden Fall. 15 Jahre lang bin ich jeden zweiten Monat in die USA gereist. Im letzten Jahr war ich nur einmal dort, fliege aber dafür oft nach Indien. Dort spielt in Zukunft die Musik. Indien ist kaum von der Finanzkrise getroffen. Inder sind anpassungsfähig. Der Hinduismus ist eine sehr geduldige Religion. Wenn man da in einem Leben die falsche Karte gezogen hat, wartet man eben auf das nächste. Das Durchschnittsalter ist 24 Jahre. Vergleichen Sie das mit dem Westen.
FORMAT: Viele Auguren sagen zumindest, dass die USA die Krise früher hinter sich lassen werden als Europa …
Pierer: Sie werden schneller den Boden erreicht haben, aber der wird tiefer sein als in Europa. In den USA spielt sich Unglaubliches ab: Zeltstädte rund um L. A., eine massive Arbeitslosigkeit, dabei aber kein Sozialsystem. Das ist brutal. In Europa- wird diese Entwicklung gedämpft.

"Opel wird künstlich am Leben erhalten"
FORMAT: Gedämpft werden ja auch die Folgen für Unternehmen: Während General Motors in Konkurs geschickt wird, hält man Opel am Leben …
Pierer: Grundsätzlich: Die komplette Fahrzeugindustrie hat sicher 30 Prozent Überkapazitäten. Die lassen sich durch kontrollierte Konkurse sicher gut abbauen. Am Ende kommt ein GM raus, das weniger Autos baut, aber vielleicht eine Zukunft hat. Bei Opel wird jedoch künstlich das Leben einer Marke verlängert, die zwar eine gewisse Bekanntheit hat, aber zu klein ist. Schuld daran ist nur der deutsche Wahlkampf. Da wurde unqualifiziert verhandelt. Was sagen eigentlich Volkswagen oder Mercedes dazu, die sich stattdessen dem freien Wettbewerb stellen müssen?
FORMAT: Wie sehen Sie das aus der Perspektive von Magna?
Pierer: Aus Magna-Sicht ist das legitim. Durch die Probleme der drei großen US-Autobauer ist Magna schließlich voll getroffen. Die müssen sich strategisch bewegen. Und wenn es Opel gerade geschenkt gibt – noch dazu mit deutschen Garantien –, ist es einen Versuch wert. Das löst aber das Problem der Überkapazitäten nicht. Die Zusagen, keine Werke in Deutschland zu schließen, sind nicht haltbar. Sonst müssen sie Graz zusperren.

"Reale Wirtschaft zahlt die Zeche"
FORMAT: Als Vorstand der Cross Industries sind Sie auch in der Private-Equity-Branche tätig. Sehen Sie heuer noch Kaufgelegenheiten?
Pierer: Ab dem zweiten Halbjahr sehe ich riesige Möglichkeiten.
FORMAT: Schon was im Auge?
Pierer: Wir kümmern uns jetzt erst einmal um Beteiligungen aus der Automobilindustrie. Da kann man sicher in Zukunft sinnvoll zukaufen: ob systemrelevante Zulieferer oder einzelne Standorte aus Insolvenzen.
FORMAT: Spüren Sie bei Ihren Beteiligungen eigentlich die Kreditklemme?
Pierer: Klar. Kredite kosten doppelt so viel wie zuvor. Die reale Wirtschaft zahlt die Zeche der Finanzwirtschaft. Das wird zu weiteren Pleiten führen.

Zur Person
Stefan Pierer, 52, führt den Motorradhersteller KTM, dem wegen Absatzproblemen gerade das Land Oberösterreich unter die Arme greifen muss. Daneben steuert Pierer als Vorstand und Hälfteeigentümer der Beteiligungsgesellschaft Cross Industries auch Firmen wie die Beko Holding, Austria Email, den Rennsport-Ausrüster Pankl und den Edelski-Fabrikanten Kästle. Zuletzt hat der zweifache Vater sich von seinem Anteil am Autozulieferer Polytec getrennt und stattdessen den 7.000 Mitarbeiter schweren Zulieferer Peguform übernommen.

Interview: Arndt Müller

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