BA-CA Mutter UniCredit: Im Visier internationaler Spekulanten

In der UniCredit liegen die Nerven blank. Die größte Bank Italiens und Mutter der Bank Austria ist Spekulanten-Attacken ausgeliefert. In Österreich beobachtet das Finanzministerium die Entwicklungen in Italien mit Argwohn.

Es war ein regelrechtes Blutbad an der Börse. In der Mailänder Zentrale der UniCredit Group herrscht seit Wochenbeginn Alarmstufe Rot. Denn Italiens größtes Geldhaus – 910 Milliarden Euro Konzernbilanzsumme; 162.000 Mitarbeiter weltweit – steht im Visier internationaler Spekulanten. Durch deren Zockerei wurden seit Monatsbeginn mehr als fünf Milliarden Euro Börsenwert vernichtet. Zum Vergleich: Die aktuelle Marktkapitalisierung der Raiffeisen Bank International liegt bei 6,6 Milliarden Euro. Eine weitere Aktienwertvernichtung kann derzeit nicht ausgeschlossen werden.

Ungerechtfertigte Angriffe

Der Grund für den Zockerangriff: An den Finanzmärkten nimmt die Angst einer Ansteckung Italiens mit der PIGS-Schuldenkrise zu – PIGS steht für Portugal, Irland, Griechenland und Spanien. „Die Verkäufe haben nichts mit den Fundamentaldaten zu tun“, beruhigt UniCredit-Konzernboss Federico Ghizzoni. Die jüngsten Attacken auf sein Institut seien ungerechtfertigt. Italien und seinen großen Banken gehe es gut.

Doch genau darüber herrscht flächendeckend Uneinigkeit. Der hohe Schuldenstand der Republik Italien von 1.840 Milliarden Euro und der Wankelmut von Regierungschef Silvio Berlusconi, das 47 Milliarden Euro schwere Sparpaket umzusetzen, importiert die Euro-Schuldenkrise von der Peripherie ins Herz der EU.

Jedenfalls hat sich die italienische Schulden-Oper für Federico Ghizzoni zu einem Banken-Drama in mehreren Akten entwickelt. Plötzlich wird die langjährige Vorzeigebank UniCredit von Aktienanalysten, Ratingagenturen und institutionellen Investoren gleichermaßen gescholten. Willibald Cernko, Vorstandsvorsitzender der UniCredit-Tochter Bank Austria: „Wenn gegen ein Land spekuliert wird, wird auch die Bank, die für dieses Land steht, mit abgestraft.“ Im Fall Italiens sei das eben die UniCredit. Ihn ärgert die Panikmache. Sie sei ungerechtfertigt. Cernko: „Die Grenzen der Dreistigkeit wurden eindeutig überschritten.“

Im Finanzministerium und in der Oesterreichischen Nationalbank werden die Entwicklungen in Italien jedenfalls mit Argwohn beobachtet. Immerhin ist die seit 2005 in UniCredit-Eigentum befindliche Bank Austria ein systemrelevantes Kreditinstitut. Bei solchen kann bereits eine temporäre Schieflage einen Flächenbrand auslösen.

Weil UniCredit und Bank Austria europaweit zu den wenigen Banken zählen, die seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 ohne staatliche Kapitalspritze auskamen, war das Image bis dato tadellos. Doch nun herrscht im Kabinett von Maria Fekter leichte Nervosität. Troubles bei der Mutter könnten auf die Austrotochter überschwappen, fürchten Fekters Berater.

Daher überrascht es wenig, dass Fekter zu Wochenbeginn ankündigte, beim Treffen der Euro-Finanzminister, das eigentlich der Griechenland-Rettung gewidmet war, konkrete Antworten zum Thema Italien einzufordern.

Tatsächlich ist die UniCredit Group besonders eng mit der italienischen Volkswirtschaft verbunden – und daher auch mehrfach verwundbar. Vom Trentino im Norden bis nach Sizilien verteilen sich 4.507 Filialen übers Land. Mehr als 50.000 Mitarbeiter beschäftigt UniCredit am Heimatmarkt. Zwar ist das Italien-Geschäft mit einer Kosten-Ertrag-Relation von 61 Prozent weitaus effizienter als die Strukturen in Österreich, wo 72 Cent von jedem Euro Ertrag für Personal, Infrastruktur und so weiter draufgehen. Trotzdem blockieren in Rom, Mailand und Neapel mächtige Gewerkschaften und einflussreiche Sparkassen-Stiftungen – sie zählen zu den Großaktionären – den Abbau von Privilegien, Nepotismus und Politeinfluss.

Alessandros Altlast

Ex-Boss Alessandro Profumo war um einen Interessenausgleich zwischen Aktionären, Politik und Geschäft stets bemüht. Wechselseitige Abhängigkeiten waren die Folge. Profumo-Nachfolger Ghizzoni hat die Altlasten übernommen: Berlusconis Bedingungen, Gaddafis Gegengeschäfte und mehr als 200 Milliarden Euro Privatkreditvolumen in Italien.

Gegen den Willen der Sparkassen-Stiftungen Cariverona, Caritorino und Carimonte holte Profumo vor Jahren den libyschen Staat als Kernaktionär an Bord. Sein damaliges Kalkül: Die Liaison mit dem Gaddafi-Clan bringt der UniCredit nicht nur milliardenschwere Privatkunden, sondern auch eine wegen des libyschen Erdölreichtums scheinbar nicht versiegende Geldquelle für die Expansion.

Die mit dem Einstieg Libyens – der Staatsfonds LIA und die Zentralbank halten gemeinsam rund 7,5 Prozent – verbundenen Hoffnungen erfüllten sich nicht. Ganz im Gegenteil: Profumo wurde auf Drängen der Stiftungen hinausgeschmissen. Zudem ist seit Ausbruch des Bürgerkriegs der libysche Geldhahn zu. Auf Milliarden aus Tripolis darf nicht mehr gebaut werden. Das Gaddafi-Vermögen ist international eingefroren, und alle Aktionärsrechte in Verbindung mit der UniCredit wurden bis zum Ende des libyschen Freiheitskampfs auf Eis gelegt.

Ein unberechenbares Risiko für Ghizzoni und Co stellt Regierungschef Silvio Berlusconi dar. Der Cavaliere versucht seit Jahren, Einfluss auf einen der größten Kreditgeber Italiens auszuüben. Am Höhepunkt der Finanzkrise versuchte Berlusconi, sich mit Staatsgeld einzukaufen. Schweren Herzens lehnte Profumo die Kohle ab. Eine billige Auffettung des mageren Kapitalpolsters hätte sicher nicht geschadet. Doch der Preis der Unabhängigkeit war Profumo dann doch zu hoch. Derzeit verfügt die Bankgruppe über eine Eigenkapitalquote von neun Prozent. Das übertrifft zwar die gesetzlichen Mindestanforderungen, ist aber in Krisenzeiten nicht üppig.

Retrospektiv betrachtet war Profumos – und später Ghizzonis – Distanzierung von Berlusconi der richtige Schritt. Die Nervosität der Finanzmärkte wäre wohl noch größer, wenn dieser Tage Berlusconi-Buddies im Verwaltungsrat der Bank säßen. Laut Ghizzoni besitzt der Konzern italienische Staatsanleihen im Volumen von 35 Milliarden Euro. Kredite für italienische Privatkunden, kleine und mittlere Unternehmen machen 126 Milliarden Euro aus, und mit zusätzlichen 76,2 Milliarden Euro wird die vom Bereich „Corporate & Investment Banking“ betreute Großindustrie des Stiefelstaats finanziert. Somit liegt das Exposure in Italien bei gigantischen 237,2 Milliarden Euro.

Im 60,3 Millionen Einwohner zählenden Italien ist die UniCredit mit einem Marktanteil von 13,6 Prozent nicht nur eine systemrelevante Bank, sondern auch ein bedeutender Arbeitgeber und öffentlichkeitswirksamer Machtfaktor. Als etwa der Traditionsverein AS Roma im Vorjahr wegen 370 Millionen Euro Verschuldung in die Pleite schlitterte, war die UniCredit rasch zur Stelle. Als Hauptgläubiger übernahm sie den Lieblingsverein von Bankchef Ghizzoni. Die Rettung war erfolgreich. Im April wurde der Fußballklub an den italoamerikanischen Industriellen Thomas DiBenedetto verkauft.

Auf Konsolidierungskurs

Der jüngste Spekulantenangriff auf die UniCredit wird die Konsolidierung des stark fragmentierten Italo-Marktes anheizen. Unter Notenbank-Präsident Antonio Fazio war der Bankensektor eine geschützte Werkstätte, wo Ausländer nichts verloren hatten. Fazio schied vor fünf Jahren aus und wurde im April 2011 wegen seiner Verwicklung in einen Bankenskandal zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Fazios Nachfolger Mario Draghi ist gegen Protektionismus. Er öffnete den Sektor sanft.

Draghi, der im November in den Chefsessel der Europäischen Zentralbank wechseln wird, hat zuletzt die von Finanzminister Giulio Tremonti konzipierten Konsolidierungspläne mehrfach gelobt. Angesichts des angespannten Verhältnisses zwischen Tremonti und Draghi ist das beachtlich. Draghi: „Das Sparpaket ist ein wichtiger Schritt zur Stabilisierung der öffentlichen Finanzen in Italien.“ So könne Italien bis 2014 sein Defizit auf null drücken. Die Finanzmärkte haben jedoch ihre Zweifel daran, dass die Sparpläne reibungslos umgesetzt werden.

Am Markt für Staatsanleihen werden Berlusconi-Bonds bereits mit großen Abschlägen gehandelt. Die Zinsen auf italienische Staatsanleihen durchbrachen diese Woche erstmals seit 14 Jahren die Marke von sechs Prozent. Die Kreditausfallsversicherungen (Credit Default Swaps) für fünfjährige italienische Anleihen verteuerten sich so stark wie noch nie. Gemeinsam mit der düsteren Konjunkturentwicklung in Italien (Wachstum: 1,3 Prozent, Inflation: 1,6 Prozent, Arbeitslosenrate: 8,4 Prozent) wird die UniCredit-Aktie noch weiter unter Druck kommen.

Österreichische Aktionäre, die nach der Übernahme der Bayerischen HypoVereinsbank (inklusive der Austrotochter Bank Austria) im Jahr 2005 ihre Anteilsscheine gegen UniCredit-Titel tauschten, blicken auf eine traurige Kursentwicklung zurück. Ausgenommen jene, die zum Höchststand im Mai 2007 verkauften (damals war die UniCredit-Aktie noch 6,43 Euro wert), können die meisten nur ein Klagelied singen.

Den schlechtesten Deal machte wohl die AVZ-Stiftung, wo Ex-Bank-Austria-Boss Gerhard Randa im Vorstand sitzt. Die Stiftung hat die UniCredit-Aktien mit 1,60 Euro in den Büchern. Weil der Kurs nun unter 1,30 Euro liegt, musste enorm abgewertet werden. Ende 2000 waren die von der Stiftung gehaltenen Bankanteile – zuerst Bank Austria, dann HVB und zuletzt UniCredit – noch 1,9 Milliarden Euro schwer. Heute ist das Paket nur noch etwa zehn Prozent davon wert. Daher muss sich Randa eine beispiellose Vernichtung von Vermögen vorwerfen lassen. Auch die BA-CA-Prima-Stiftung des Bank-Austria-Betriebsrats steht unter Wasser. Hier trägt Ex-Betriebsratschefin Hedwig Fuhrmann die Verantwortung für die Vernichtung von Arbeitnehmergeld.

Ghizzoni arbeitet indes mit allen Kräften daran, wieder Ruhe in die Märkte zu bringen. Er rechnet noch mit „etwas Volatilität“ – und hofft auf ein rasches Ende des Börsen-Dramas.

– Ashwien Sankholkar

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