Austrian Airlines: Unter den Flügeln
des Kranichs

Die AUA-Privatisierung endete im Chaos. Ein Verkauf an die Lufthansa ist trotzdem wahrscheinlich. Sonst müsste der Staat Unsummen in die AUA pumpen und für die Halbierung der Airline zahlen.

Aus dem Nebeneinander oder sogar Gegeneinander soll ein Miteinander werden.“ Das sagte Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber im März 2005, als die deutsche Fluglinie die Swiss übernahm. Der gebürtige Ober­österreicher verkündete damals feierlich, die Swiss solle als weitgehend eigenständige Fluggesellschaft mit Geschäftsleitung und Sitz in der Schweiz, mit eigener Flotte und Crew weitergeführt werden. Für den Flughafen Zürich-Kloten versprach er Entwicklungspläne.
Bald wird Wolfgang Mayrhuber Erklärungen dieser Art nochmals abgeben. Diesmal in Österreich. Denn höchstwahrscheinlich wird die AUA noch im Oktober unter den Flügeln des Kranichs landen. Am 26. Oktober tagt der Privatisierungsausschuss der Staatsholding ÖIAG. Tags darauf trifft sich der ÖIAG-Aufsichtsrat. Danach sollte der Zuschlag an die deutsche Lufthansa offiziell sein. Sie hat im Finale des Verkaufsprozesses das einzige Offert abgegeben. Zwar gibt es heftigen Widerstand – aber in Wahrheit keine Alternative. Wird der AUA-Verkauf jetzt gestoppt oder abgeblasen, müssen Hunderte Millionen Euro Steuergeld zur Rettung der Airlines aufgewendet werden. Geld, das so gut wie sicher unwiederbringlich verloren wäre.
Das größte Problem: Die Lufthansa ist nicht gerade spendabel, was den Kaufpreis betrifft. Weil die Mitbieter Air France und S7 abhandengekommen sind und sich die wirtschaftliche Lage der Luftfahrtbranche massiv verschlechtert hat, muss die ÖIAG ihre ursprünglichen Vorstellungen vergessen. Noch wird hektisch verhandelt. Die AUA-Anteile der ÖIAG (knapp 42 Prozent) sind in den Büchern mit rund 260 Millionen Euro bewertet. Der Schuldenstand der Airline liegt bei 900 Millionen Euro. Im Moment bietet Wolfgang Mayrhuber die Übernahme eines Teils der Schulden an und einen Kaufpreis von einem Euro – plus einen Besserungsschein: Damit würde bei guter wirtschaftlicher Entwicklung der AUA später noch einmal Geld an die ÖIAG fließen.

Hohe Belastung für den Staat. Hekti­sche Verhandlungen sind im Gang. Aber ob der Kaufpreis höher ausfällt und im Gegenzug weniger Schulden geschluckt werden, ist eine Sache der Darstellung. Über eine halbe Milliarde Euro Belastung wird der Staat bei einem Zuschlag an die Lufthansa auf sich nehmen müssen.
Die AUA-Kleinaktionäre können dem Vernehmen nach auf ein Gebot von etwa vier Euro pro Aktie hoffen. Die Konstruktion mit Besserungsschein für die Großaktionäre und einem höheren Preis für die Kleinaktionäre hat die Lufthansa auch beim Swiss-Deal praktiziert.
Der bescheidene Kaufpreis hat einen Sturm der Entrüstung entfacht. Die FPÖ will einen sofortigen Verkaufsstopp. Das BZÖ fordert einen AUA-Gipfel, um die Lage neu bewerten zu können. Die Grünen wollen, dass die AUA- und die ÖIAG-Spitze zurücktritt. ÖVP und SPÖ verstecken sich. Verkehrsminister Werner Faymann (SPÖ) sagt, man könne bei einem Platzen des Verkaufs über eine staatliche Kapitalerhöhung nachdenken. Die käme allerdings „sehr, sehr teuer“.

„Chaotisch und fahrlässig.“ Druck macht auch die Gewerkschaft. Die Belegschaftsvertreter im ÖIAG-Aufsichtsrat fühlen sich schlecht informiert. „Außer einer Einladung für die Sitzung am Montag habe ich nichts in den Händen“, sagt Post-Betriebsrat Gerhard Fritz: „Ich habe bereits einen Rechtsanwalt beauftragt, um zu prüfen, was ich tun soll. Uninformiert abstimmen kann ich nicht. Die Vorgangsweise ist chaotisch und fahrlässig.“
Ähnlich argumentiert Telekom-Betriebsrat Michael Kolek. „Das ist wie in einer Bananenrepublik.“ Kolek hält es für das Beste, die Privatisierung zu überdenken. „Für die Bankenhilfe haben wir hundert Milliarden Euro übrig. So viel braucht die AUA nicht“, sagt Kolek. 400 Millionen Euro müssten reichen, meint er.
Auch SPÖ-Grande Hannes Androsch sagt, „statt einem Notverkauf sollten wir lieber ein paar Hundert Millionen selbst in die Hand nehmen. Die ÖIAG hat wieder glanzvoll versagt. Die AUA-Manager hätte man längst austauschen müssen.“
Die kritisierte AUA-Führung ist startklar für die Lufthansa. General Alfred Ötsch hat den nervösen Politspitzen die Folgen der zwei Szenarien für die Airline aufbereitet. Und dieses Papier spricht eine klare Sprache. Wird nicht verkauft, müsste der Staat sofort 300 bis 500 Millionen Euro zuschießen, um das Überleben abzusichern.
Verwenden müsste die AUA das viele Geld nicht für Wachstum, sondern fürs Gesundschrumpfen. Die Zahl der Jets wäre auf 50 zu halbieren. Die Langstrecke wäre verloren, viele Arbeitsplätze ebenfalls. Eine Wertsteigerung in ein paar Jahren ist mit einer dann halb so großen AUA wohl kaum zu erzielen. Dass die AUA mit dem Haupteigentümer Staat nicht zu sanieren ist, wurde ausreichend bewiesen.
Innerhalb der nächsten drei Jahre würden sich die nötigen Kapitalspritzen sogar auf 600 bis 700 Millionen Euro summieren, ist aus Bieterkreisen zu hören. Und auch Folgendes: „Die AUA ist das schlechtestgemanagte Unternehmen, das mir bisher untergekommen ist.“

Probleme mit Brüssel. Neben dem enor­men finanziellen Risiko für den Steuerzahler birgt eine staatliche Geldspritze für die angeschlagene Fluglinie auch rechtliche Probleme. „Eine Kapitalerhöhung durch die ÖIAG ist als Beihilfe zu werten“, sagt der Anwalt Norbert Gugerbauer. Brüssel würde das penibel prüfen – und möglicherweise nicht genehmigen. AUA-Konkurrent Niki Lauda würde im Falle
einer Kapitalerhöhung durch die ÖIAG wohl schneller eine Beihilfenklage einbringen, als er früher mit seinem For-
mel-1-Boliden im Kreis fuhr.
Die AUA-Zukunft unter den Fittichen des Kranichs wäre im Vergleich zum Alleingang deutlich chancenreicher. Die Lufthansa hat angeboten, das Headquarter in Österreich und die Marke zu erhalten. Das Streckennetz würde laut Offert bleiben, nur mit teilweise ausgedünnten Frequenzen. 60 Millionen Euro an Synergien, so schätzen Experten, könnten schnell gehoben werden. Die Deutschen könnten bei der AUA zudem deren Probleme im Vertrieb lösen.
Ein Personalabbau (derzeit beschäftigt die AUA 8.000 Personen) ist freilich
auch mit der Lufthansa unabwendbar. Es gibt bereits Ideen, dass die für Post und Telekom angedachte staatliche Personal­agentur künftig auch gleich AUA-Mitarbeiter vermitteln soll. Die Übernahme von Pensionsverpflichtungen durch die öffentliche Hand wird ebenfalls diskutiert.
Eine schnelle Entscheidung ist nötig. Erst vergangene Woche gab es eine Gewinnwarnung der AUA, aktuell werden etwa 125 Millionen Euro Jahresverlust erwartet. In Branchenkreisen werden gar 170 Millionen befürchtet: weil Leasingverträge für die Flugzeuge neu bewertet werden müssen und die AUA angeblich nicht nur beim Ölpreis-Hedging unglücklich agiert hat, sondern auch mit ihrer Dollar-Prognose massiv danebenliegt. Der AUA-Partner in Russland, die Air Union, liegt am Boden. Und Alfred Ötsch beklagt einen ernsthaften Passagierrückgang durch die nachlassende Weltkonjunktur.

Interessenten kritisieren Prozess. Theoretisch könnte man zwar nochmals die Air France und die russische S7, die es ebenfalls in die letzte Runde bei der Privatisierung geschafft haben, als Bieter wachküssen. Die S7 wünscht sich zwei Monate mehr Zeit, um abzuschätzen, welche Risken der Kauf der AUA beinhaltet. Die Air France hat in einem mehrseitigen Schreiben an die ÖIAG den Verkaufsprozess kritisiert. Vor allem störte die Franzosen, dass sie erst nach Abgabe des Kaufpreises Einblick in die bestehenden Verträge zwischen AUA und Lufthansa erhalten hätten.
Realistisch ist aber nicht, dass Air France oder S7 noch irgendwann ein verbindliches Angebot abgeben. Für beide käme eine AUA-Übernahme noch viel teurer als für die Lufthansa, die schon sehr eng mit den Österreichern verbunden ist.
ÖIAG und AUA-Spitze haben sowieso den Ruf, schon immer die Deutschen favorisiert zu haben. Noch dazu ist mit Andreas Bierwirth ein ehemaliger Lufthansa-Manager bereits in der Chefetage der AUA; Bierwirth werden beste Chancen eingeräumt, Alfred Ötsch zu beerben. Ähnlich ging die Kranich-Fluglinie auch bei der Swiss vor: Einige Monate vor der Übernahme wurde mit Christoph Franz ein Ex-Lufthanseat als Swiss-Chef installiert. Unterm Strich gab die Lufthansa für die angeschlagene Schweizer Airline rund 260 Millionen Euro aus.

Gegenwind für die Deutschen. Die Lufthansa hat in Österreich allerdings auch viele Feinde, die bis zur Bekanntgabe der Privatisierungsentscheidung noch versuchen wollen, Stimmung zu machen. Einer der Gegner ist Joseph Reitinger-Laska, Präsident des Vereins für Touristik. Der Reisebüro-Vertreter kündigt eine Klage beim Europäischen Gerichtshof an, um einen Verkauf an die Deutschen zu bekämpfen. „Im Bieterprozess wurden viele Fehler gemacht“, meint er. ÖIAG und AUA hätten zu oft durchblicken lassen, dass sie nur die Lufthansa wollen, und hätten die anderen Bieter benachteiligt.
In der ÖIAG werden auch Klagen von Air France und S7 nicht ausgeschlossen, um den Zuschlag an die Lufthansa zu verhindern. Vor allem den Franzosen käme eine Absage des Verkaufs gelegen.
Die Kartellgerichte werden ebenfalls Arbeit bekommen. Auf Strecken, wo AUA und Lufthansa bereits eine bestehende marktbeherrschende Stellung haben (wie Wien–Frankfurt), werden die Unternehmen Slots (Start- und Landeplätze) an Mitbewerber abgeben müssen, vermutet Anwalt Gugerbauer.
In der Schweiz hat es 2005 übrigens nicht sehr lange gedauert, bis das Gegeneinander von Schweizern und Lufthansa nach Bekanntgabe der Swiss-Übernahme vom Miteinander abgelöst wurde.

Von Miriam Koch und Andreas Lampl

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