Aus für fünf thermische Kraftwerke

Aus für fünf thermische Kraftwerke

Im Vorfeld war die Stimmung ordentlich geladen, auch wenn der Ausgang letztlich eindeutig war. Denn bei der Aufsichtsratssitzung des Verbunds am Mittwoch, dem 21. Mai, ging es um einen großen Schritt: die Schließung beziehungsweise Stilllegung von fünf Kraftwerken.

Das Aus für die gas- und kohlebetrieben Stromerzeuger erfolgte nicht nur, weil sie nicht mehr so ganz zum Firmenslogan "Danke, Wasserkraft“ passten, es hatte vor allem wirtschaftliche Gründe. Und die gelten nicht nur für den Verbund.

Auch die anderen Stromerzeuger leiden unter dem Preisverfall am Strommarkt, der aus einst gewinnträchtigen Energieversorgern immer mehr Energie-Versager macht. Die traditionellen Player haben laut Experten eine wesentliche Entwicklung unterschätzt: Den hoch geförderten Ökostrom, der vor allem im Zuge der deutschen Energiewende boomt - und das gesamte Preisgefüge ins Wanken gebracht hat. Einige Investitionen der vergangenen Jahre sind von zu optimistischen Businessplänen ausgegangen und rentieren sich nicht mehr. Auf 60 bis 110 Euro belaufen sich heute die Kosten für eine Megawattstunde Strom, die in Österreich aus Gas erzeugt wird. Der Großhandelspreis liegt bei etwa 35 Euro - da ist Nichtstun besser als Gas und Geld verbrennen.

So wie viele Energieversorger in Deutschland hat nun auch der Verbund daraus die Konsequenz gezogen, allerdings nach einem längeren Nachdenkprozess. Wolfgang Anzengruber, seit 2009 Vorstandschef des Verbunds, wird grosso modo gute Arbeit, aber auch Pech nachgesagt. Denn weder für die deutsche Energiewende noch für die Entscheidungen seiner Vorgänger kann er etwas. Nicht nur einige Investitionen in Österreich wie das Gaskraftwerk Mellach (fertiggestellt 2011, temporär stillgelegt 2014, Kosten: rund 550 Millionen Euro), sondern auch die Minderheitsbeteiligungen, die der Verbund in Frankreich und Italien eingegangen ist, stellen sich als wenig lukrativ heraus.

Die 46-prozentige Beteiligung an der italienischen Sonergia wurde 2013 auf Null abgeschrieben und steht zum Verkauf. Für Mellach wurde ein Käufer gesucht, aber nicht gefunden. Was Anzengruber vorgeworfen wird: Entscheidungen wie die Kraftwerksschließungen fallen zu zögerlich.

Mit den neuen Stilllegungs- und Schließungsplänen ging der Verbund vergangene Woche zwar sofort an die Öffentlichkeit, als sich der Vorstand darauf einigte. Das hatte zur Folge, dass vieles unklar blieb: Wie viel kostet der Ausstieg? Wann findet er statt? Wieviele Mitarbeiter betrifft er und was passiert mit ihnen? Der Betriebsrat schrie auf und auch die Steirer, die bis vor Kurzem noch mit dem Verbund im Bereich Thermal Power zusammenarbeiteten und jetzt um die Fernwärmelieferungen für Graz bangen. Intern war Mitarbeitern schon seit Mitte Dezember klar, dass es zu größeren Veränderungen kommen werde. Es wurde bekannt, dass die Verbund Thermal Power, unter der die Kraftwerke fielen, restrukturiert und ihre Töchter liquidiert werden. Schon 2013 ging die Erzeugung thermischen Stroms deutlich zurück, während mehr Strom aus Wasserkraft gewonnen wurde. Allerdings habe man noch die Entwicklung der Strom- und Gaspreise sowie Entscheidungen in der Politik abgewartet, bis endgültig der Schlussstrich gezogen wurde, heißt es aus dem Unternehmen. In Österreich werden rund 100 Beschäftigte von den neuen Plänen betroffen sein. "Sie werden dann nach Möglichkeit in anderen Bereichen eingesetzt“, sagt Verbund-Sprecherin Ingun Metelko. Denn aufgrund des Sparkurses werden natürliche Abgänge im Verbund derzeit meist nicht nachbesetzt. Von dem Mitte 2013 verabschiedeten Sparprogramm waren bereits 240 Mitarbeiter betroffen, die zum Großteil in den kommenden Jahren in Frühpension gehen werden. Bis 2015 will der Verbund 130 Millionen Euro sparen, man sei bei dem Programm gut auf Kurs, so Metelko.

Gespart wird aber nicht nur bei Mitarbeitern, sondern auch bei neuen Projekten. So ist zu hören, dass der Verbund aus dem 450 Millionen Euro teuren Gemeinschaftskraftwerk Inn in Tirol aussteigen möchte.

Versorgungs-Fragen

Auf die Kraftwerksschließungen beim größten heimischen Stromproduzenten hat die Gewerkschaft relativ deutlich reagiert. Unter der Berufung auf Mitarbeiterinformationen warnt sie davor, dass es zu ernsten Problemen bei der Versorgungssicherheit kommen könnte. Sie sieht die Energiereserven in Gefahr. Die Regulierungsbehörde E-Control beruhigt: "Die betroffenen Kraftwerke erzeugten in den vergangenen Jahren schon wenig Strom“, sagt E-Control-Vorstand Walter Boltz. Auch an Reserveleistung gäbe es in Österreich genug - europaweit aber Unregelmäßigkeiten auszugleichen, werde in Zukunft wichtiger. Solange die Sonne scheint, Wind weht und die Flüsse viel Wasser führen, gibt es dank der erneuerbaren Energie kein Problem. Bei Dürre und Windstille kann es aber gut sein, dass man auf Gas- und Kohlekraftwerke zurückgreifen muss - sofern es noch welche gibt. In Italien, Frankreich und Großbritannien gibt es bereits Pläne, Kraftwerksbetreiber für ihre Kapazitätsreserven zu belohnen. Auch in Österreich wird darüber nachgedacht, aber Geld locker machen will man eher nicht. Wahrscheinlicher ist es, die Öko-Förderungen runterzuschrauben, statt den Markt auf beiden Seiten zu verzerren.

Für solche Reservezwecke kann etwa Mellach nicht ad hoc zur Verfügung stehen. Die Einmottung von Kraftwerken dauert ein halbes bis dreiviertel Jahr, die Ausmottung ebenfalls. Das Kohlekraftwerk Dürnrohr, dessen Schließung NGOs bereits bejubelt haben, wird als "Kaltreserve“ noch ein wenig am Leben gehalten. Möglicherweise wird der dort erzeugte Strom in Deutschland im Winter verkauft werden. Auch die niederösterreichischen EVN und die Oberösterreicher haben "Kapazitätsreserven“ im süddeutschen Raum vermarktet.

Durch die Kraftwerksschließungen werden Verlustbringer zwar kaltgestellt, aber Probleme bleiben dem teilstaatlichen Unternehmen genug. Nicht nur weil die Finanzmarktaufsicht den Informationsfluss im Zuge des Türkei-Ausstiegs untersucht. Eine deutliche Steigerung des Strompreises ist angesichts der schwachen Konjunktur nicht in Sicht. Die Stromproduktion ist wetter- und wasserabhängig. Und Analysten trauen auch der Aktie momentan keine großen Sprünge zu.

4.000 Gigawattstunden (GWh) Strom erzeugte der Verbund 2013 aus Gas und Kohle, 30.900 GWh aus Wasserkraft.

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