AUA-Kapitäne in Turbulenzen: Management verlangt Gehaltsverzicht und Mehrarbeit

Die Sanierung der AUA wird für die Bord-Mitarbeiter zu tieferen Einschnitten führen als bisher bekannt. Neben Gehaltskürzungen steht Mehrarbeit auf dem Programm. Der Betriebsrat rebelliert.

Es waren Worte wie Peitschenhiebe, die AUA-Chef Andreas Bierwirth am 2. Oktober mittels E-Mail an das gesamte Kabinenpersonal verschickte. „Mir ist bewusst, dass ich viel von Ihnen verlange und dass die notwendigen weiteren Schritte hart sein werden“, heißt es in dem FORMAT vorliegenden Schreiben. Die derzeitige Situation der Fluglinie sei „so einfach wie brutal“, kurz, so Bierwirth: „Wir müssen die Kosten reduzieren, um zu überleben.“

Mehr arbeiten, weniger verdienen
Nachrichten wie diese, mit der der oberste AUA-Kapitän versucht, seine Mannschaft auf noch dunklere Zeiten als bisher einzuschwören („Dazu brauchen wir die Unterstützung aller. Auch Ihre.“), bekommen Flugbegleiter und Piloten dieser Tage häufiger zu lesen, ob direkt aus dem Top-Management oder den Reihen der Arbeitnehmervertreter. Bereits zum zweiten Mal seit der AUA-Übernahme Anfang September trafen sich beide Seiten Mitte vergangener Woche zu Verhandlungen. Es ging um Gehaltskürzungen bei gleichzeitig gesteigerter Produktivität. In anderen Worten: mehr arbeiten und dafür weniger verdienen. Für den Bord-Betriebsrat sind die Vorstellungen des Managements allerdings derart abwegig, dass er für diesen Freitag die erste Betriebsversammlung einberufen hat. Nachdem sich die Arbeitnehmervertreter nun längere Zeit lammfromm gegeben haben, um den wackligen Übernahmedeal nicht zu gefährden, wird jetzt wieder eine härtere Gangart eingelegt.

"Forderungen grenzen an Leibeigenschaft"
„Die Versammlung soll zunächst einmal dazu dienen, die Kollegen über die völlig überzogenen Forderungen zu informieren“, versucht Karl Minhard, der stellvertretende Bord-Betriebsrat, zu beschwichtigen, scheint aber seine Wut nur schwer unterdrücken zu können. Man habe schließlich schon eingelenkt und für heuer auf fünf Prozent des Gehalts verzichtet, sagt Minhard. Auch für die nächsten Jahre sei ein ebensolches Minus beim Salär ausgemachte Sache gewesen. „Jetzt sollen es plötzlich sieben Prozent jährlich sein“, schäumt Minhard, „und außerdem will die Führung noch Produktivitätssteigerungen von 25 Prozent – das grenzt an Leibeigenschaft.“

150 Mio Euro Personaleinsparungen
„Wir haben in der Airline-Branche mit dramatisch gefallenen Margen zu kämpfen“, entgegnet AUA-Sprecher Martin Hehemann, „und an dieser Situation wird sich in den nächsten Jahren auch nichts ändern.“ Die Folge: Ein Sparpaket reiht sich ans andere, wie der Weltluftfahrtverband IATA kürzt auch die AUA ihre Zukunftserwartungen ein ums andere Mal. Nach den Gehaltskürzungen von 2009 sollen ab nächstem Jahr fünf Jahre lang in Summe rund 150 Millionen Euro Personalaufwand eingespart werden, jene sieben Prozent pro Jahr, die gerade Gegenstand von Detailverhandlungen sind. Außerdem werden bis Ende nächsten Jahres noch weit über 1.000 Stellen gestrichen. Statt derzeit 7.500 sollen es dann nur noch rund 6.000 sein. Durch die übliche Fluktuation ist das nicht zu bewerkstelligen, vielen Mitarbeitern wird deshalb in den nächsten Monaten das Kündigungsschreiben ins Haus flattern.

Kabinenpersonal-Kürzungen
Ihren Hut nehmen müssen Beschäftigte aus allen Bereichen des Unternehmens, auch das Kabinenpersonal ist jetzt betroffen. Weil infolge der Krise auf der Kurzstrecke kein Mensch mehr Business-Klasse bucht, werden die entsprechenden kleinen Maschinen durch größere ersetzt. Das senkt die Kosten pro Sitzplatz. Das Problem: Piloten sind an bestimmte Flugzeugtypen gebunden. Wer also die 50-Sitzer fliegt, die jetzt getauscht werden, muss gehen. In Summe sind das 70 Piloten und die doppelte Anzahl Flugbegleiter, die bei der Kurzstreckentochter Tyrolean eingesetzt sind. „All das, und jetzt sollen wir auch noch mehr arbeiten“, sagt ein AUA-Kapitän erschöpft. Kurzarbeit im Cockpit wäre mehr nach seinem Geschmack.

200 freie Tage im Jahr
Dabei kann es den AUA-Piloten so schlecht eigentlich nicht gehen. Im Schnitt verdienen Flugzeugführer in Europa zwischen 6.000 und 15.000 Euro brutto im Monat. Das gilt auch für die Piloten der AUA. Berufsanfänger und Kapitäne von Billig-Airlines liegen am unteren Rand des Preisbands, altgediente Langstreckenpiloten am oberen. Der Arbeitsaufwand für solche Saläre ist durchaus überschaubar: Die maximale Anzahl an Blockstunden, also der Arbeitszeit zwischen Abflug und Landung, liegt bei 900 – und zwar pro Jahr. Erreicht wird dieser Wert aber höchstens von Billig-Carriern, Netzairlines wie die AUA liegen bei 500 bis 800 Stunden.

Stehzeiten sollen reduziert werden
Da so manch ein AUA-Langstreckenpilot am Zenit seiner Karriere über 200 freie Tage im Jahr genießt, will die Fluglinie nun ihr Netz gehörig straffen und damit vor allem unnötige Stehzeiten reduzieren. Ein Japan-Flug bedeutet für einen AUA-Piloten eine Arbeitszeit von drei Tagen. Bis dato kann er danach fünf Tage ausruhen. Diese Zeit soll sich in Zukunft ebenso reduzieren wie die zwei Tage Zeitausgleich für die Übernachtung in Frankfurt oder London. Insgesamt, so heißt es AUA-intern, sollen die Piloten aber nicht um 25, sondern nur um rund 7 Prozent produktiver werden. Immer noch besser als die Kündigung, werden sich viele denken – ganz im Sinne von Bierwirths E-Mail: „In einer Krise wie der jetzigen“, heißt es dort trocken, „ermutige ich Sie, Ihre Motivation aus dem Erhalt Ihres Arbeitsplatzes zu beziehen.“

Von Arndt Müller

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