Atomare Kehrtwende: Langfristig ist Ausstieg möglich, auch wenn sich die Wirtschaft weigert

Die Katastrophe in Japan hat eine weltweite Debatte über den Atomausstieg ausgelöst. Eine Wende zu erneuerbaren Energien ist möglich, wird aber noch dauern.

Mittwoch, 16. März, 10.28 Uhr ­mitteleuropäischer Zeit: Die Heli­kop­ter beenden ihren Lösch­einsatz über dem Reaktorblock 3 des devastierten Kraftwerks ­erfolglos. Die Radioaktivität ist zu hoch, um noch Wasser von der Luft aus auf das Gebäude zu ­sprühen. Die atomare Katastrophe in den sechs Reaktoren in Fukushima scheint unaufhaltbar: Seit dem Erdbeben fünf Tage vorher kam es in den Reaktoren 1 bis 4 zu mehreren Wasserstoff­explosionen. Kernschmelzen sind im Gange.

Die Blöcke 3 und 4 brennen

Auch beim abseits stehenden Block 5 gehen die Behörden von einer kritischen Situation aus: Der Wasserpegel im Kühlbecken sinkt. Die Strahlung erreichte in der Nacht auf Mittwoch im direkten Umfeld des AKWs den Wert von 1.000 Millisievert. Tschernobyl führte vor Augen, dass bei 4.000 Millisievert jeder zweite Betroffene stirbt. Der Großteil der 800 Rettungskräfte wird ­abgezogen, nur noch fünfzig Personen versuchen zu retten, was kaum noch zu retten ist. Dass auch in den Atomkraftwerken Tokai und Onagawa der nukleare Notstand ausgerufen wurde, geht in den Meldungen rund um Fukushima beinahe unter. Die 11.000 Toten und Vermissten durch das Erdbeben und den Tsunami sind in den Hintergrund gerückt. Der sonst so zurückhaltende Kaiser Japans, Akihito, wendete sich mit einer Ansprache an das Volk: „Ich hoffe aufrichtig, dass die Menschen diese schreckliche Zeit überstehen, indem sie sich gegenseitig helfen. Ich bete für die Sicherheit so vieler Menschen wie möglich.“ Manche Experten sprechen noch vom GAU, andere bereits vom Super-GAU.

Die Atomkatastrophe in Fukushima hat weltweit die Angst vor der Kernkraft wieder ins ­Bewusstsein gerückt. Vor Ort, im disziplinierten Japan, bislang noch ziemlich verhalten, aber in Europa ist in Windeseile eine aufgeregte Debatte entbrannt: Nicht nur eingefleischte Atomkraft­gegner fordern den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie. Schlag auf Schlag folgen politische Schnellschüsse, die der Bevölkerung wieder etwas vom verlorengegangenen Sicherheitsgefühl zurückgeben sollen. Von einem Revival der Atomkraft, nach dem es bis vor kurzem noch ausgesehen hat, ist nun keine Rede mehr. Stattdessen könnte man den Eindruck gewinnen, als ob die Weichen in Richtung endgültigem Ausstieg gestellt werden. Die geplante Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke wird ausgesetzt. Ein deutsches Atomkraftwerk, Isar I, ist bereits – voraussichtlich für immer – vom Netz genommen worden. Sieben weitere sollen folgen. Und bei einem eilig einberufenen EU-Gipfel wird ein AKW-Stresstest vereinbart.

Energiebedarf steigt

Aber ist das mehr als politisches Kalkül? Gibt es eine Antwort, wie die Energie aus den 437 Atomreaktoren weltweit ersetzt werden kann? Wie hoch wären die Kosten eines Umstiegs auf andere Formen der Stromerzeugung? Und bis wann könnte der Ausstieg erfolgen?

Trotz des derzeitigen Aktionismus ist ein rascher Ausstieg aus der Kernenergie absolut unrealistisch. Zu viele Staaten wollen ihre Kraftwerksparks im Gegenteil sogar ausbauen. Vor allem Schwellenländer wie Indien und China, die nuklear noch in den Kinderschuhen stecken, gehen andere Wege. Aufgrund ihrer rasant wachsenden Wirtschaft sind sie mit einem massiv steigenden Energiebedarf konfrontiert. China etwa, das zurzeit erst 1,9 Prozent seines Strombedarfs mit Atomstrom deckt, baut derzeit 27 Reaktoren. Die Ankündigung, weitere Pläne vorerst auf Eis zu legen, wird nicht sehr lange halten.

Auch Indien deckt erst 2,2 Prozent seines Elektrizitätsbedarfs nuklear, hat aber eine Verdreifachung seines Kraftwerksparks geplant. Selbst Russland setzt trotz seiner Vorräte an fossilen Energien auf Atom: Bereits jetzt gehört die Ex-Sowjetrepublik zu den Staaten mit dem höchsten Anteil an Kernenergie. An den Plänen, die Kapazität zu verdoppeln, will Russlands Staatsspitze unverändert festhalten.

In Europa ist die Situation gespalten

Deutschland will sieben Altreaktoren zumindest vorübergehend abschalten, auch die erst kürzlich beschlossene Laufzeitverlängerung wackelt schwer. Die Schweiz hat die Pläne zur Bewilligung neuer Meiler vorerst ausgesetzt. Andere Länder Europas sind da weniger zimperlich: Ob Frankreich, Schweden und Finnland, Spanien oder die Türkei – aussteigen aus der Kernenergie will derzeit keiner. Im Gegenteil: Länder wie Polen oder Italien halten sogar an ihren Einstiegsplänen fest. Vor allem Klimaschutzargumente werden dafür ins Treffen geführt. Denn im Gegensatz zur Strom­erzeugung aus Öl und Kohle verbessert Atomkraft die CO2-Bilanz und ist oft die einzige Maßnahme, um die EU-Klimaziele noch zu erreichen. Ein Argument, das übrigens auch von der Atommacht USA gebraucht wird.

Keine Renaissance mehr  

Klimaschutz, wachsende Weltbevölkerung und damit steigender Energiehunger – für Zukunftsforscher Jeremy Rifkin sind das alles keine Gründe, die Renaissance der Kernenergie zu rechtfertigen. Denn auch bisher hat diese am welt­weiten Energiemix nur einen Anteil von sechs Prozent. „Um auch nur einen marginalen Einfluss auf den Klimawandel zu haben, müsste sie mindestens 20 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs decken“, schätzt Rifkin. Die bisherige Anzahl an Kraftwerken müsste sich dazu vervierfachen, „eine Herkulesaufgabe, die sogar die Betreiber solcher Anlagen für ­unrealistisch halten“.

Eine ähnliche Position vertritt der international gefragte Atomexperte Mycle Schneider. Er meint, der Atomstrom-Anteil werde auch ohne bewusste Wende in der Energiepolitik sinken. Der Verfasser des Welt-Statusreports Atomenergie geht davon aus, dass zu den 52 Reaktoren, die derzeit gebaut werden, allein bis 2015 noch 42 hinzukommen müssten, nur um die Abschaltungen veralteter Kraftwerke auszugleichen. Im darauf folgenden Jahrzehnt müssten noch einmal 192 Reaktoren ans Netz gehen – alle 19 Tage einer. Das erscheint durch den verstärkten Widerstand ­gegen die Kernkraft zweifelhafter denn je.

Rechnen tun sich Atomkraftwerke nur, wenn sie sehr lange in Betrieb sind, und auch dann nur, wenn diverse Kosten wie jene für die nach wie vor unge­löste Endlagerfrage nicht berücksichtigt werden. Banken ist das Finanzierungsrisiko inzwischen oft zu hoch. Wie gerechtfertigt das ist, zeigt der Bau des Kraftwerks im finnischen Olkiluoto, dessen Kosten statt auf drei inzwischen auf den doppelten Euro-Milliardenbetrag geschätzt werden. Ein Super-GAU, wie er sich derzeit in Japan abzeichnet, wird die Risikobereitschaft der Banken sicher nicht steigern. Außerdem werden sich atomfreundliche Politiker künftig noch stärker gegen die Stimmung in ihren Ländern durchsetzen müssen.

Aber gibt es zur Atomkraft überhaupt Alter­nativen? Lässt sich die weltweite Energieversorgung nachhaltig umbauen? Ein klares Ja kommt dazu von Umweltschutzorganisationen, deren Studien sogar versprechen, dass neben dem Atomausstieg auch auf Fossilenergie verzichtet werden könnte – in Europa und sogar weltweit.

Ausstieg à la Österreich

In Ermangelung eigener Reaktoren geriert sich die österreichische Politik ­gerne als treibende Kraft beim Ausstieg aus der Atomkraft – auch jetzt nach der Atomkatastrophe in Fuku­shima wieder: Erst forderte Umweltminister Nikolaus Berlakovich Sicherheitsprüfungen in den europäischen Atomkraftwerken und lässt sich nun von den internationalen Medien dafür feiern. Und: „Das Ziel für Europa muss lauten: Raus aus dem Atom. Das ­erwarten sich die Menschen.“

Der Haken allerdings ist: Auch Österreich sponsert die Atomlobby, beteiligt sich zum Beispiel mit bis zu 100 Millionen Euro jährlich als Mitglied von Euratom an der Weiterentwicklung der friedlichen Nutzung von Atomkraft. Dazu kommt: Österreich importiert Atomstrom. Je nach Studie kommen drei bis 14 Prozent der österreichischen Energie aus Atomkraft­werken. Global-2000-Mitarbeiter Reinhard Uhrig spricht von sechs Prozent: „Österreich ist also für einen der Reaktorblöcke in Temelin verantwortlich.“

Eine Studie für den Klima- und Energiefonds zeigt aber, dass hierzulande der Umstieg auf alternative ­Energie von Wasserkraft über Solarenergie bis hin zur Biomasse möglich wäre. Voraussetzung dafür ist mehr Effizienz in der Energienutzung mit einer daraus ­folgenden Einsparung von 40 Prozent bis 2050. Genau da sieht die grüne Energie­sprecherin Christiane Brunner das Problem der österreichischen Politik: „Studien, Bekenntnisse und Ziele sind gut, nur die Gesetze dafür fehlen nach wie vor.“ Die Energiestrategie 2020 wartet bereits seit zwei Jahren auf ihre Umsetzung. Für Photovoltaik-Anlagen gibt es Wartezeiten bis 2024. Ein Energieeffizienz­gesetz fehlt ebenso wie ein Klimaschutzgesetz. Die Präsentation von Berlakovich als „Mister Klimaschutz und Atomausstiegspapst“ ist deshalb für die Grüne Brunner nicht sehr glaubwürdig. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner untermauert diesen Eindruck: „Wie ein Land den notwendigen Strom aufbringt, ist nationale Sache.“ Von gemeinsamen EU-Bestrebungen keine Rede.

Europäische Alternative

Sofern der politische Wille da sei, könnten konkrete Pläne für den Atom­ausstieg in allen EU-Staaten ab sofort in Schritten umgesetzt werden – ohne dabei auf fossile Energieträger wie Kohle, Erdgas oder Erdöl zurückgreifen zu müssen. Das Stockholm Environment Institute (SEI) hat in Zusammenarbeit mit der Umweltorganisation Friends of Earth ein mögliches Szenario für Europa berechnet. Wobei die Studie einräumt, dass einige Länder – wie zum Beispiel Frankreich mit einem überdurchschnittlich hohen Atomstromanteil von über 70 Prozent – ein größeres Zeitfenster bis 2050 brauchen. Von enormer Bedeutung für das Gelingen der Energiewende ist, dass man nicht nur bei der Energieerzeugung, sondern auch bei der Nachfrage ansetzt: Der Energieverbrauch könnte demnach europaweit über eine Förderung von Effizienzmaßnahmen wie thermische Sanierung bis 2020 um 25 Prozent und bis 2050 um 72 Prozent gesenkt werden. Zugleich müsste der Ausbau von alternativen Energien gefördert werden – sodass 2050 schließlich nicht mehr nur zehn, sondern 70 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen. Kostenpunkt des Unterfangens: 1,94 Billionen Euro. Das entspricht 1,7 Prozent des EU-BIPs zwischen 2010 und 2020. Dieser enormen Summe kann man allerdings 410.000 zusätzliche Jobs und die vermiedenen Klimakosten gegenüberstellen: Der Stern-Report zum Klimawandel kommt auf mindestens fünf Prozent des EU-BIPs, die ohne Energiewende EU-weit verlorengehen.

Der Umweltökonom und Volkswirt Stefan Schleicher ist sich sicher, dass der Atomausstieg gelingen könnte: „Schon allein, dass 2050 alle heutigen Atom­anlagen veraltet sind und weder das Ersetzen noch das Erneuern ohne staatliche Stütze rentabel sind, macht den Ausstieg spätestens dann realistisch.“

Und Schleicher zeigt auf, dass gerade Japan in den kommenden Jahren zeigen könnte, wie das geht. Schließlich müssen dort allein durch den Ausfall der Kernkraftwerke durch das Erdbeben 15 Prozent der elektrischen Energie ersetzt werden. Schritt eins ist die Energiereduktion in den Haushalten und in der Industrie – macht fünf Prozent. Weitere fünf Prozent sind kurzfristig durch thermische Sanierung zu holen, da dann weniger Kühl- und Heizbedarf besteht. Schritt drei sind Windkraftwerke, die sich in einem Jahr errichten ließen. Mittelfristiger bieten Wasserkraft und die Kraft-Wärme-Kopplung Chancen. Schleicher meint deshalb sogar: „Japan könnte nun notgedrungen vorexerzieren, wie der Einstieg in den Atomausstieg funktioniert.“

Globaler Umstieg möglich  

Doch nicht nur in der EU oder Japan, selbst weltweit ist ein Komplettausstieg aus Nuklear- und Fossilenergie eine realistische Alternative. Zumindest wenn man den Umweltschützern von Greenpeace glaubt, die 2010 eine umfangreiche Studie zum Thema vorgestellt haben. Bis 2050, so die von Greenpeace beauftragten Studienautoren vom deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum, kann die gesamte weltweite Energieversorgung nachhaltig umgebaut werden. Den bis dahin gestiegenen Strombedarf – Boomregionen wie China und Indien sind einberechnet – decken Wind- und Solarenergie, im Wärmesektor kommen Geothermie, Bio­masse und Solarthermie zum Einsatz. Gleichzeitig wird das gesamte Energiesystem ­radikal auf Effizienz getrimmt. Auch die Kosten des Umbaus haben die Forscher berechnet: Bis 2030 müssten jährlich 640 Milliarden Euro investiert werden. Aber: Allein im Strom­bereich ließen sich 5,3 Billionen Euro an Brennstoffkosten einsparen. Nur diese Einsparungen decken so die Mehrkosten für den Umbau. Damit nicht genug: In den kommenden zwei Jahrzehnten könnten Greenpeace zufolge zwölf Millionen Jobs geschaffen werden, drei Millionen mehr als im atomar-fossilen Szenario.

Mächtige Gegner des Ausstiegs

Die Ausstiegsszenarien, ob für Österreich, Europa oder die Welt, eint jedoch eines: der lange Zeitraum des Umbaus. Was langfristig realistisch sein mag, ist es kurz- und mittelfristig noch lange nicht. Das liegt an der technischen Machbarkeit, das liegt aber ebenso sehr an den Machtverhältnissen im internationalen Energiebereich. Exemplarisch dafür ist die in Deutschland zuletzt durchgeboxte Laufzeitverlängerung für alte Atomkraftwerke. Studien wie die des staatsnahen deutschen Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) kommen zum Schluss, dass „eine Verlängerung der Laufzeit von AKW nicht notwendig“ sei, und ­warnen sogar, „dass durch Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke Überkapazitäten im System entstehen“. Geichzeitig haben Mega-Konzerne wie RWE oder E-on die deutsche Politik offenbar in der Hand. Abgesehen vom Gewinnstreben gibt es für eine Laufzeitverlängerung keinen triftigen Grund. Das aber reicht: Die Laufzeitverlängerung garantiert den vier großen europäischen Stromriesen Zusatzgewinne von 230 Milliarden Euro, zeigt ein Gutachten, das der Online-Plattform Greenleaks.com zugespielt wurde, Geld, mit dem das Wohlwollen der Politiker leicht ­erkauft werden kann.

Gegen einen raschen Ausstieg sprechen aber auch die Machteliten in bestimmten Staaten, sagt etwa ­Globalisierungsexperte Franz Josef Radermacher: „Manche Länder profitieren davon, wenn es zu keiner globalen Energie- und Klimalösung kommt. Etwa weil sie Privilegien verlieren würden, die daraus ­resultieren, dass sie bestimmte knappe Ressourcen kontrollieren.“

Kurzfristig wird die Katastrophe von Fukushima wenig bewegen. Langfristig könnte sie dazu beitragen, eine Revolution in der Energieversorgung auszulösen – sowohl was die atomare Stromversorgung betrifft als auch jene mit fossilen Energieträgern. Wie ein Blick auf den arabischen Raum zeigt, sitzen ­zuweilen auch die Eliten nicht ewig im Sattel.

Martina Madner, Arndt Müller

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