Atom-Unfall belebt Wasser-Power: Verbund-Aktie im Höhenflug

Erdbeben und Tsunami in Japan haben nicht nur den Atommeiler Fukushima zerstört, sondern auch die Fundamente der Energiepolitik. Einer der Sieger: der österreichische Stromkonzern Verbund. Dessen Aktie ist im Höhenflug.

Die Kraftwerks-Katastrophe in Japan hat die Welt verändert, auch die von Wolfgang Anzengruber im fernen Österreich. Noch vor wenigen Wochen, Anfang März, präsentierte der Verbund-Chef eher kleinlaut die enttäuschende Bilanz von Österreichs größtem Energieversorger: weniger Umsatz, weniger Gewinn, Millionenverluste mit der Frankreich-Tochter Poweo, eine radikal gekürzte Dividende für die Aktionäre, ein trüber Ausblick für 2011 – ein einziges Rückzugsgefecht.

Die Anleger senkten die Daumen, die Deutsche Bank das Kursziel, die Verbund-Aktie stürzte am Tag der Bilanz-Vorstellung wie das Wasser durch die Kraftwerksturbinen – minus sechs Prozent. Und auch hinter den Kulissen gab es heftige Kritik. Vor allem beim Hauptaktionär Republik Österreich, der 51 Prozent der Anteile hält, war die Enttäuschung über die magere Dividende groß. Um die Kapitalerhöhung im vergangenen November bei der Regierung durchzubringen, hatte der Verbund-Chef auch mit einer ordentlichen Rendite geworben. Die Republik machte schließlich 510 Millionen Euro für die Kapitalerhöhung locker. Doch statt 1,25 Euro wie noch im Vorjahr will Anzengruber nur 0,55 Cent pro Aktie ausschütten, was für manche Spannungen bei Politikern sorgte.

Doch jetzt, nach dem Atomreaktor-Desaster in Japan, ist alles anders. Der Verbund ist wieder der Liebling der Analysten und kann sich über Upgrades von Erste Bank, UniCredit und Société Générale freuen. „Der Verbund ist perfekt positioniert, um vom aktuellen Geschäftsumfeld zu profitieren“, lobt Erste-Analyst Christoph Schultes und setzt das Kursziel für die Aktie von 29 auf 35,50 Euro nach oben. Mitte der Woche kratzte der Kurs bereits an der 30er-Marke.

Grüne Welle

Seit die Bilder außer Kontrolle geratener Reaktorblöcke in Fukushima über die TV-Bildschirme laufen, schwimmt Österreichs Wasserkraft-Riese auf einer grünen Welle nach oben. In der Woche nach dem Japan-Beben legte die Verbund-Aktie gleich um 16 Prozent zu. Sogar die eher verschlafene EVN-Aktie rückte plötzlich in den Fokus der Börsianer. Hauptgrund: der Anteil von 13 Prozent, den die EVN am Verbund hält. „Der Verbund als großer Wasserkraft-Erzeuger wird jetzt viel positiver bewertet“, kommentiert Verbund-Chef Anzengruber.

Vom Nebel der Fukushima-Rauchschwaden befreit, ist das Bild allerdings weniger verklärt. Die Investoren haben keinesfalls plötzlich ihre Liebe zum sauberen Strom entdeckt und sind aus der Finanzwelt ins Öko-Lager gewechselt, sie rechnen nur präzise nach. Die nüchterne Kalkulation: Die teilweise schon erfolgte Abschaltung von sieben Atomkraftwerken in Deutschland hat Stromkapazitäten aus dem Markt genommen. Die Folge: Der Strompreis steigt – und davon profitiert der Verbund mehr als die Branchenkollegen.

„Nach der Ankündigung der deutschen Regierung ist der Preis für die Megawattstunde deutlich gestiegen“, sagt UniCredit-Analyst Lueder Schumacher, „und der Verbund ist das Unternehmen mit dem höchsten operativen Hebel, weil er dank Wasserkraft den Strom besonders günstig produzieren kann.“

90 Prozent seines Stromes gewinnt der Verbund durch Wasserkraft. Das ist nicht nur sauber, sondern auch konkurrenzlos günstig. Ist die Errichtung von Staumauer und Kraftwerk erst einmal in der Bilanz abgeschrieben, kostet die Produktion einer Megawattstunde zwei bis drei Euro. Zum Vergleich: Die gleiche Menge Strom, aus Kohle hergestellt, verschlingt rund 50 Euro (inklusive CO2-Zertifikate), bei einem Gaskraftwerk fallen Kosten von rund 45 Euro an.

Gleiche Leistung, mehr Geld

„Der Verbund ist damit in einer einzigartigen Situation: Er bekommt für die gleiche Leistung bei gleichen Produktionskosten deutlich mehr Geld“, analysiert Erste-Bank-Experte Schultes. Zwar hat das Unternehmen aufgrund langfristiger Lieferkontrakte bereits rund zwei Drittel der Jahresproduktion zu festen Preisen verkauft, aber beim restlichen Drittel winkt durch die Preiserhöhung ein fetter Profit – kein schlechter Hebel, zumal die Tarife weiter steigen dürften.

In Wien, Niederösterreich und dem Burgenland haben die Energieversorger ihren Kunden bereits höhere Tarife angekündigt. „Weitere Strompreiserhöhungen sind realistisch und bieten für die Aktie weiteres Aufwärtspotenzial“, sagt Schultes. Und auch Schumacher erwartet Großhandelspreise Richtung 70 Euro: „Wird der Ausbau der Atomkraftwerke gestoppt, brauchen wir neue Gaskraftwerke, und die sind erst ab einem Preis von 70 Euro pro Megawattstunde profitabel zu betreiben.“

Plus für Wasserkraft

Das Zukunftsszenario für den Verbund ist doppelt erfreulich. „Der Strombedarf in Europa wird weiter steigen“, ist Florian Haslauer, Energiespezialist der Unternehmensberatung AT Kearney, überzeugt, „E-Mobility und auch Wärmeerzeugung sind dafür entscheidend.“ Mit sauberer Wasserkraft sitzt der Verbund zudem auf der richtigen Energiequelle, die nicht in Gefahr gerät, von Wind- oder Solarenergie ersetzt zu werden. Deren erwarteter Zuwachs im Energiemix der Zukunft wird die klimabelastenden Brennstoffe Öl und Kohle zurückdrängen, keineswegs aber die Wasserkraft. Im Gegenteil: Im Zukunftskonzept des Klima- und Energiefonds für 2050 wird deren Anteil sogar größer als heute gesehen.

Zusätzliches Plus für den Verbund: Nachdem die Wasserkraft jetzt Everybody’s Darling ist, haben Bürgerproteste gegen Erweiterungs- oder Leitungsprojekte einen schwereren Stand. Anzengruber gibt bereits die Richtung vor: „Ich erwarte jetzt mehr Verständnis von Bürgern und lokalen Institutionen. Wenn man den Ausbau der Wasserkraft will, dürfen Genehmigungsverfahren nicht unendlich dauern.“ Zudem wirft der Verbund-Chef neuerdings wieder begehrliche Blicke auf die Kraftwerke der ÖBB.

Im Gegensatz zur Frankreich-Expansion, die in der Bilanz 2010 gerade um 56 Millionen Euro abgewertet wurde, erweist sich das Verbund-Engagement in der Türkei als echtes Asset. Gemeinsam mit Partner Sabanci entstehen dort aktuell neun neue Kraftwerke. „Zusätzliche Gaskraftwerke sowie der Ausbau der erneuerbaren Energie – das sind die Energietrends der Zukunft in Europa“, lobt Experte Haslauer, „und die Türkei ist einer der interessantesten Märkte. Sie bietet bessere Chancen als etwa Osteuropa.“

Manch einer wünscht dem Konzern allerdings mehr interne Power. „Der Verbund hat ideale Möglichkeiten, nutzt dieses Potenzial aber nicht optimal aus“, kritisiert Alois Wögerbauer, Chef der 3 Banken Generali Invest, „das Unternehmen könnte noch wesentlich gewinnorientierter sein.“

– Arne Johannsen

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