Armutsbekämpfung: Wie Hilfe wirklich hilft

Armutsbekämpfung: Wie Hilfe wirklich hilft

530 Milliarden Dollar fließen jährlich in Entwicklungshilfe. Häufig versickert das Geld. Aber es gibt neue Ansätze für effizientere Hilfe.

Eine Familie in einem indischen Dorf, nicht weit entfernt von der IT-Boomstadt Bangalore. Vor einigen Jahren starb der Vater, ohne etwas zu hinterlassen. Die Witwe bringt sich und ihre sechs Kinder allein durch. Die drei älteren Kinder haben sogar studiert, doch das 14-jährige Mädchen und der zehnjährige Bub brechen die Schule jetzt ab. Sie helfen der Mutter auf dem Feld.

Ein klarer Fall, lautet die Ferndiagnose: Sie müssen jetzt Geld verdienen.

Doch so einfach, wie die westlichen Vorstellungen vom Leben in Entwicklungsländern oft gestrickt sind, sieht es vor Ort nicht aus. "Wir hängen stereotypen Vorstellungen von Armut nach“, sagt die französische Ökonomin Esther Duflo , "und diese bestimmen auch, wie wir an Entwicklungshilfe herangehen.“

Statt ständiger Grundsatzdiskussionen über mehr oder weniger Geld, mehr oder weniger Eigenverantwortung der Armen, mehr oder weniger Demokratie in den von Armut betroffenen Ländern fordert sie Pragmatik: Regierungen und Non-Profit-Organisationen sollen schlicht jene Hilfe anbieten, die wirklich gegen Armut und Hunger wirkt.

Nur: Wer weiß, was wirklich wirkt? Natürlich hat sich in den vergangenen Jahren viel Positives getan. Die Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2000 die "Millenniumsziele“, die festlegten, wie viel weniger Armut, wie viel mehr Schulabschlüsse und andere Verbesserungen es bis 2015 geben soll. Diese Ziele werden auf staatliche und private Programme heruntergebrochen. "Der Fortschritt wird anhand gemeinsam mit den Entwicklungsländern festgelegter Indikatoren geprüft“, sagt Doris Gebru-Zeilermayr von der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, über die die - rückläufige - staatliche Hilfe abgewickelt wird.

Der Vergleich macht sicher

Dennoch: Esther Duflo und ihre Mitstreiter am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und dem Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab sehen enormen Verbesserungsbedarf. Oft seien die Ansätze richtig, aber die Umsetzung falsch, oft gehe auch die Planung bereits an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei. Ihr als revolutionär bezeichneter Ansatz: Sie stellen zufallsbasierte Vergleichsstudien an. Eine Gruppe bekommt die Hilfsmaßnahme, die andere nicht. Unter identen Voraussetzungen lässt sich herausfinden, welche Maßnahmen zu Verändungen geführt haben oder wo die Probleme liegen. Die Forscher blicken hinter die Statistik - sie stellen Fragen.

Durch Gespräche wurde etwa klar, dass die eingangs geschilderten indischen Geschwister die Schule abbrachen, weil sie einfach keine Lust mehr darauf hatten. Sie hörten nicht auf, weil sie mehr Geld brauchten, denn die Mutter kam gut durch und förderte ihre Schulbildung. Sie hörten auch nicht auf, weil sie keinen Sinn in einem Schulabschluss sahen, denn in ihrer Region sind Fachkräfte gefragt. Kurz: Sie handelten nicht rational.

Ähnlich irrationale Verhaltensmuster haben die Forscher in anderen Lebensbereichen entdeckt: Oft ist der kurzfristige Genuss wichtiger, als sich möglichst günstig die nötige Menge an Kalorien zu verschaffen. Das Sparen wird verschoben, weil man das wenige Geld lieber gleich ausgibt. Hinzu kommen katastrophale Rahmenbedingungen: kein Trinkwasser, kaum gesundheitliche Versorgung, keine Versicherung, große wirtschaftliche und politische Unsicherheit, die keinerlei Zukunftsplanung zulassen. Zusammen mit den Mustern führt das dazu, dass es nur wenigen Menschen gelingt, der Armutsfalle dauerhaft zu entkommen.

Hilfe, die wirken soll, muss laut den Armutsökonomen um Duflo die komplexen Probleme der jeweils betroffenen Menschen stärker berücksichtigen. "Aufklärung darüber, dass Bildung oder Impfungen wichtig sind, reicht nicht“, so die Ökonomin, "das Angebot muss stimmen.“ So wurde festgestellt, dass Schüler armer Eltern in Kenia bereitgestellte Schulen oft deshalb nicht besuchen, weil sie dort nichts lernen. Lehrer fördern nur die von Beginn an besseren Schüler aus bessergestellten Familien, weil sie eine gewisse Anzahl an Schulabschlüssen vorweisen müssen. "Andere Anreize bewirken hier enorm viel“, sagt Duflo.

In Indien wiederum wurde die Anwesenheit von Krankenschwestern in Krankenstationen erhöht, weil ein vernünftiger Dienstplan berücksichtigte, dass viele eine Anreise von zwei Stunden auf sich nehmen müssen. Davor waren die Stationen so selten besetzt, dass Frauen, die ihre Kinder impfen lassen wollten, nicht hingingen - und Krankheitsfälle trotz staatlicher Gesundheitsvorsorge zunahmen.

"Armut ist bekämpfbar“, ist Esther Duflo überzeugt. Man muss nur auf das setzen, was tatsächlich hilft.

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