Apokalypse Alpe Adria: FORMAT präsentiert geheimes Positionspapier zur Bankenzukunft

Ein FORMAT exklusiv vorliegendes Vorstandspapier dokumentiert die düstere Zukunft der Hypo Group. Die Bank ist pleite. Zur Fortführung muss sie mit Unterstützung des Steuerzahlers zerschlagen werden.

Ein Vorstand sieht schwarz. Normalerweise findet Franz Pinkl stets Zeit für einen kleinen Plausch mit Freunden, Geschäftspartnern oder Journalisten. Aber seit Wochen ist sein Terminkalender voll und er selbst auf Tauchstation. Denn mit seinem Kollegen aus der Führungsriege der Kärntner Hypo Group Alpe Adria hat Pinkl alle Hände voll zu tun, um verunsicherte Sparer zu beruhigen, besorgte Finanzminister zu besänftigen und ein Zukunftskonzept für die sechstgrößte Bank Österreichs aus dem Hut zu zaubern. Pinkl weiß, dass jedes falsche Wort von ihm die Bankenlandschaft von München bis Zagreb erschüttert. Darum schweigt er.

Pinkls geheimes Positionspapier
Seine düsteren Erkenntnisse hat Pinkl jedoch zu Papier gebracht. Das 20-seitige Fortführungskonzept wurde an die Eigentümer und den Finanzminister höchstpersönlich geschickt. Damit diese in ihrem Poker, wer Milliarden für den Fortbestand der Hypo aufbringen sollte, den gleichen Wissensstand haben. Das streng vertrauliche „Positionspapier des Vorstands“, das FORMAT exklusiv vorliegt, berücksichtigt auch die Untersuchungen des Sonderprüfers ­PricewaterhouseCoopers (PWC) – und zeichnet das Bild einer Apokalypse Alpe Adria. Aktuell liegt die Kernkapital-Quote (Tier-1) bei 3,8 Prozent. Damit ist die Hypo Group rein technisch gesehen pleite, denn das Gesetz sieht eine Mindestquote von vier Prozent vor. Die Risikovorsorgen für faule Kredite in Österreich und Südosteuropa nehmen Furcht erregende Ausmaße an: Bis 2013 müssen 3,1 Milliarden Euro rückgestellt werden. Aufgrund der zahlreichen Problemkredite ist nach Verlusten 2008 (520 Millionen Euro) und 2009 (1,45 Milliarden) auch 2010 ein Minus schon fix.

Dreier-Allianz gegen Pröll
Kein Wunder, dass auch ­andere schwarz sehen: Der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon bezeichnete den Kauf der Hypo Alpe Adria durch die BayernLB kürzlich als Fehler. Die Landesbank steht fast zur Gänze im Eigentum des Freistaats und zahlte vor zwei Jahren 1,6 Milliarden Euro für 67 Prozent an der Hypo Group – und schoss seither 1,2 Milliarden nach. Kracht die Hypo, könnte noch mehr Geld für die Bayern verloren gehen. Grabesstimmung auch beim zweiten wichtigen Bankeigentümer, dem Land Kärnten. Der Zukunftsfonds, der mit rund 500 Millionen Euro gespeist ist, muss für die Rettung der Bank herhalten. Außerdem haftet Kärnten für 18 Milliarden Euro Hypo-Kredite, weshalb im Klagenfurter Landhaus seit Monaten die Nerven blank liegen. In Totenstarre verfallen ist der dritte Hypo-Aktionär, die Grazer Wechselseitige Versicherung. Deren Chef Othmar Ederer würde das aktuelle Trauerspiel sehr gerne rasch beenden. Für ihn steht fest: Aus Graz soll kein neues Geld mehr fließen.

Regierung bereitet sich auf Ernstfall vor
Am liebsten wäre es den drei Hypo-Anteilseignern, wenn Josef Pröll das krachende Kreditinstitut mit Milliarden aus dem Bankenhilfspaket rettet. Nur: Der Finanzminister ziert sich. Er flog lieber nach Mauritius auf Urlaub als nach München zur Arbeit. Seine Abwesenheit war taktisch nicht ungeschickt: Den Hypo-Aktionären wurde eindringlich vor Augen ­geführt, dass sie hauptverantwortlich für die Bank sind und nicht die Republik.
Eine Insolvenz kann Pröll jedoch nicht zulassen. Im Hintergrund wurden daher für den Ernstfall, dass selbst das reiche Bayern kein Geld mehr lockermacht, ­bereits die Weichen gestellt: Fünf von der Finanzmarktaufsicht handverlesene Wirtschaftsprüfer stehen auf Abruf bereit, um den heiklen Job als Regierungskommissär zu übernehmen. Ein solcher vertritt die ­Interessen der Gläubiger und kümmert sich um die Abwicklung der Bank. Sparer wurden vorsorglich beruhigt. „Wir werden sicher keinen Sparer im Regen stehen ­lassen“, sagte Pröll vor ein paar Tagen.

Die Bank bricht auseinander
Mehr Grund zum Zittern haben die rund 7.500 Mitarbeiter der Hypo Group. Denn dass die Bank zerschlagen werden muss, steht bereits fest, auch wenn eine Trennung in einen Österreich- und einen Osteuropa-Teil nur schwer zu bewerkstelligen ist, weil beide Bereiche zu stark miteinander verwoben sind. Aber die Hypo braucht eine Bad Bank, in die sie die Problemfälle auslagert – zur Finanzierung dieser Giftmüll-Deponie müssen andere Assets rasch verkauft werden. Auch das österreichische Geschäft könnte abgegeben werden. Mittelfristig wird in der Zentrale in Klagenfurt, geplant vom amerikanischen Architektenbüro Morphosis, nur mehr wenig Hypo übrig bleiben – wenn überhaupt. Auch gemäß dem brisanten Pinkl-Papier ist ein „tiefgreifender Umbau des Geschäftsmodells und ein damit einhergehender Change of Mind“ unausweichlich: „Das heißt, dass sich die Hypo Group gezielt aus bestimmten Märkten zurückzieht, dass sie ihren Produkt- und Geschäftssegmente-Mix ändern wird und dass sie bestehende Aktivitäten weiter massiv umstrukturieren und durch Kostensenkungen nachhaltig profitabel machen wird.“ Wobei nachhaltig profitabel bloß Hoffnung ist.

Miriam Koch, Ashwien Sankholkar

Mehr Details über das Hypo-Desaster, zum geplanten Mitarbeiterabbau und verschwundenen Luxusbooten lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen FORMAT 50/09.

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