Angst vor Lehman 2: Welche Folgen die Schuldenkrise für Privatanleger hat

Es geht nicht mehr nur um ein paar Milliarden heimischer Steuerzahler, sondern darum, ob Griechenland & Co einen zweiten Finanzcrash samt Weltwirtschaftskrise auslösen. Die Börsen sind schon hochnervös.

Als wäre es nicht schon genug, dass am Wochenende bekannt wurde, dass das Geld der griechischen Regierung nur noch bis zum 18. Juli reicht: Fast zeitgleich senkte auch die Ratingagentur Standard & Poor’s den Ausblick auf die Kreditwürdigkeit Italiens von „stabil“ auf „negativ“. Am darauf folgenden Montag ging es weltweit an den Börsen rund. Erst gingen Asiens Börsen in die Knie, China-Aktien fielen zum Beispiel um drei Prozent. Dann gab der deutsche Leitindex DAX um zwei Prozent nach, der Dow Jones zog wenig später nach unten. Auch der Euro musste Federn lassen: Er sank auf 1,3970 Dollar und markierte gleichzeitig ein Rekordtief zum Schweizer Franken.

Die Unsicherheit ist auf den globalen Finanzmärkten allgegenwärtig. „Auf jede Schockmeldung wird momentan sofort reagiert“, beobachtet Stefan Bruckbauer, Ökonom bei der UniCredit. Dabei geht es nicht nur um Griechenland. Unruhestifter sind auch die ausufernde Inflation, eine Immobilienblase in China und die Explosion der Rohstoffpreise. Gesucht wird nach dem kleinsten Zeichen, das als Menetekel eines neuen Super-GAUs gelten könnte: einer Finanzkrise mit angeschlossener Wirtschaftskrise, wie sie die Welt nach dem Fall der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 ereilte.

Damals haben sich die Börsenkurse zum Teil halbiert, Pensionskassen und Investmentfonds erlitten hohe Verluste, Häuslbauer standen mit ihren fondsgebundenen Krediten im Regen. Es folgte eine Wirtschaftskrise mit steigenden Arbeitslosenzahlen, Bankenrettungspaketen, Konjunkturprogrammen und explodierenden Staatsschulden. Nun droht sich der Kreis zu schließen: Für Jürgen Stark, den Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), könnten die Auswirkungen der Griechenland-Krise im schlimmsten Fall jene der Lehman-Pleite in den Schatten stellen. Reine Panikmache? Nur dazu da, den Druck auf Griechenland zu erhöhen und den Rest Europas zu Solidarität zu zwingen? Soll man sein Erspartes gleich von der Bank holen, sämtliche Aktien verkaufen? Wie wahrscheinlich ist „Lehman II“, ein zweiter Crash?

Furcht vor Ansteckung

Ausgeschlossen ist es nicht, dass sich die Geschichte wiederholt. „Im Fall einer Griechenland-Pleite besteht die Gefahr eines Dominoeffekts, der wie damals ausgehend von der Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft übergreifen könnte“, fürchtet Bruckbauer. Und wie damals wisse man wieder nicht, was wirklich passieren könnte. Die Pleite eines westlichen Industriestaats, der noch dazu Teil der europäischen Währungsunion ist, habe bis vor einem Jahr niemand auf der Agenda gehabt.

Wie viele Dominosteine bei einer Umschuldung Griechenlands fallen könnten, lässt sich nur erahnen: Als Allererstes träfe sie Griechenlands Gläubiger. Das sind in erster Linie griechische Banken, die wohl sofort pleite wären. Deutsche und französische Institute stünden zwar nicht vor dem Aus, trotzdem hätten sie Milliarden-Probleme. „Dabei ginge es dann nicht nur um direkte Investoren, sondern auch um jene, die Credit Default Swaps, also Besicherungen für Kredite, verkauft haben“, sagt Michael Bräuninger, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts.

Problemfall EZB

Daneben investierten aber auch Pensionsfonds, Investmentfonds und Versicherungen Geld ihrer Kunden, auch vieler Kleinanleger, in griechischen Staats- und Unternehmensanleihen. Sie alle müssten diese Vermögenswerte, die meist immer noch zu 100 Prozent in den Bilanzen stehen, abschreiben. Nicht einmal die EZB ist über jeden Zweifel erhaben. Laut der Deutschen Bank droht den Notenbankern im schlimmsten Fall ein Abschreibungsbedarf von 40 Milliarden Euro – die Warnungen Starks vor einer Umschuldung dienen auch dem Selbstschutz.

Als nächste Dominosteine könnten dann weitere Staaten fallen, allen voran Portugal und Irland. Die Ratingagentur Moody’s hat angekündigt, dass Anleihen dieser Staaten bei einer Pleite Griechenlands sofort auf Ramschstatus fallen würden. Ein Käuferstreik wäre die Folge, mit Ausnahme von Deutschland könnte sich kaum ein Land noch zu akzeptablen Konditionen finanzieren. Ein solcher Ausfall würde auch in ganz Osteuropa ein Beben verursachen, warnte der tschechische Regierungschef Petr Necas – also eine weitere, gerade für Österreichs Banken wichtige Region anstecken.

Ob es wirklich zu einer globalen Panik kommt wie nach der Lehman-Pleite, ist ungewiss. Aber die Angst ist real. Auch wenn der Bankensektor Europas etwas solider dazustehen scheint als 2008: Bonität und Eigenkapitalausstattung haben sich verbessert, der Eigenhandel und Aktivitäten außerhalb der Bilanz gingen zurück. Außerdem käme die Zahlungsunfähigkeit der Griechen nicht so überraschend wie damals die Lehman-Pleite.

Um es gar nicht erst darauf ankommen zu lassen, spielen Europas Spitzenpolitiker weiter auf Zeit. Wenn sich Griechenland zu weiteren Sparmaßnahmen durchringt und sein Tafelsilber verkauft, wird es weitere Geldspritzen aus der EU und vom IWF erhalten.

Aber „wie lange es politisch noch durchsetzbar ist, zusätzliche Hilfen zu gewährleisten, ohne Anleihengläubiger zur Kasse zu bitten“, fragen sich nicht nur die Analysten von Raiffeisen. Ob Demonstrationen in Spanien oder Wahlerfolge populistischer Parteien wie der „Wahren Finnen“ – die Geduld unter Europas Bürgern, wieder einmal die Zeche der Banken zu übernehmen, schwindet rapide. Es wird deshalb zunehmend wahrscheinlich, dass die Politik die Anleihengläubiger zur Kasse bitten wird und dabei sogar einen Streit mit der EZB riskiert.

Dollar zurück auf 1,10?

Was dann passiert, hängt davon ab, ob es auf eine „sanfte Umschuldung“, also eine Laufzeitverlängerung, hinausläuft oder ob es zu einem harten Schuldenschnitt kommt. Im ersten Fall rechnet man bei Raiffeisen damit, dass die Kapitalmärkte dies relativ leicht verdauen. Beinahe sicher erscheint die Finanzkrise im Falle eines harten Haircuts – mit allen Folgen nicht nur für Banken, sondern auch für die Bürger: Denn das Eurozonen-BIP würde den Raiffeisen-Experten zufolge dann im kommenden Jahr negativ ausfallen. Börsenbarometer wie DAX und EuroStoxx 50 könnten bis zu einem Drittel ihres Wertes verlieren, der Dollar gegenüber dem Euro bis auf einen Kurs von 1,10 erstarken.

Noch dramatischer wären aus österreichischer Sicht die Folgen, falls auch der Franken kurzfristig auf 1,10 steigt, wie Raiffeisen befürchtet. Das würde nicht nur die vielen Fremdwährungsschuldner unter Druck setzen, sondern auch die Banken, die dann auch in Osteuropa um ihre Frankenkredite zittern müssten.

Das große Problem: In einem solchen Worst Case „ist das Geld nirgends mehr ganz sicher“, warnt der deutsche Volkswirt Norbert Walter. Walter rät deshalb, dass die Leute „am besten über die Runden kommen, wenn sie Liquidität aufbauen“. Schließlich hat sich auch in den vergangenen Krisen das Halten einer Cash-Kasse gelohnt. Wer im März 2009, als österreichische Immo-Aktien 76 Prozent verloren hatten, liquide und mutig war, konnte seinen Einsatz in kurzer Zeit vervielfachen.

Auch generell meint Deutschbanker Walter, dass Aktien auch im Worst-Case-Szenario unter lauter ungünstigen Optionen relativ gesehen noch das geringste Risiko aufweisen. Raiffeisen-Aktienchef Helge Rechberger sieht die Sachlage ähnlich: „Schon jetzt ist in der Börsenbewertung viel Vorsicht eingepreist. Wir befinden uns eigentlich in einer Phase der Hochkonjunktur – die Kurs-Buchwert-Verhältnisse vieler Aktien sind trotzdem auf Rezessionsniveau.“ Auch Erste-Bank-Research-Chef Friedrich Mostböck plädiert für die Aktienmärkte. „Was auch sonst? Die Zinsen sicherer Staatsanleihen beenden sich im Keller – was sich auch angesichts der Schuldenkrise in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht ändern wird.“ Gleichzeitig erklimmen die Preise vermeintlich sicherer Anlagen wie Gold oder Immobilien stetig neue Rekordstände – wer auf diesem Niveau einsteigt, muss auch mit Verlusten rechnen.

Gute Nerven werden die Europäer sowieso brauchen: Die Angst vor einem Crash 2.0 wird die Börsen noch lange begleiten. Und nicht nur die Börsen.

– Martina Bachler, Martin Kwauka, Arndt Müller

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