"Anfangs gab es kein Limit"

"Anfangs gab es kein Limit"

FORMAT: Am 1. Mai 2004 traten zehn Staaten - darunter acht osteuropäische - der Europäischen Union bei. War diese EU-Osterweiterung aus heutiger Sicht ein Erfolg?

Gianni Franco Papa: Ich glaube sowohl persönlich als auch als Bankmanager, dass sie ein Erfolg für beide Seiten war, für den Osten und für den Westen Europas. Natürlich lässt sich die Entwicklung in verschiedene Phasen teilen. Von 2004 bis 2008 gab es einen enormen Boom in der Region. In der Krise, dem Zusammenbruch von Lehman folgend, haben internationale Finanzinstitutionen lokale Regierungen und Banken etwa mit der Vienna Initiative sehr gut und stabilisierend reagiert, indem sie bekräftigten, weiter in Osteuropa zu bleiben. Jetzt zeigt sich wieder Licht am Ende des Tunnels, und es lässt sich sagen, dass Osteuropa heute wirtschaftlich besser dasteht als vor zehn Jahren. Und auch Westeuropa hat stark von der Ostöffnung profitiert.

Dennoch zeigt sich in der Region auch, dass sich einige Banken und Unternehmen nun wieder enttäuscht zurückziehen.

Papa: In den ersten Jahren der Osterweiterung gab es quasi kein Limit, alles war möglich. Die Ostländer brauchten Direktinvestitionen. Davon profitierten westeuropäische Firmen und Banken, sie gelangten auf neues Territorium. Aber in jedem Wirtschaftszyklus muss man sich immer wieder ansehen, was sich durchsetzt. Jetzt haben sich einzelne Banken und Firmen zurückgezogen, weil sie selektiver wachsen wollen. Aber Wachstum ist immer noch da. Eine generelle Abwanderungs- oder Verkaufsbewegung ist das nicht, die Firmen und Banken werden ja übernommen und bleiben bestehen.

Die UniCredit hat sich im Vorjahr nach nur knapp sechs Jahren wieder von ihrer kasachischen Tochterbank getrennt. Was ist falsch gelaufen?

Papa: Wir haben die Bank am Höhepunkt des Booms gekauft, dann kam die Lehman-Krise. Die Folgen waren nicht vorhersehbar. In Kasachstan blieben die Entwicklung von KMU und das Privatkundengeschäft hinter den Erwartungen zurück. Lokale Investoren haben die Bank übernommen. Was aus unserer Sicht falsch gelaufen ist, ist nicht das Investment an sich, sondern das Timing.

Auch die Ukraine-Tochter der UniCredit soll nun verkauft werden. Wie geht es damit voran?

Papa: Die momentane Situation macht den Verkauf natürlich mehr als schwierig, weil ein solcher Verkauf ein stabiles Umfeld braucht. Wir haben die Ukrsotsbank 2008 gekauft. Die Ukraine ist ein sehr interessanter Markt mit zu wenigen Banken für seine 45 Millionen Einwohner. Die Bank entwickelte sich auch besser als die Konkurrenz. Sie war profitabel; nur im vergangenen Jahr verzeichnete sie einen Verlust, weil sie die Deckungsquote erhöhte, um auf Nummer sicher zu gehen. Leider ist die Ukraine ein Land im Übergang. Viele internationale Firmen und Banken haben das Land verlassen, die politische Situation ist schwierig. Und das war sie in der Ukraine schon länger. Banking braucht Stabilität. In der Ukraine gibt es noch keinen Rechtsstaat auf westeuropäischem Niveau.

Wie ist die UniCredit-Tochter in Russland von der aktuellen geopolitischen Unruhe betroffen?

Papa: Noch läuft es gut, aber alles Weitere wird natürlich davon abhängen, wie sich die bestehenden Spannungen weiterentwickeln. Die Russland-Tochter ist eine unserer größten lokalen Banken und sehr profitabel. Wir haben uns auf Top-Kunden spezialisiert. Natürlich gibt es Spannungen am Finanzmarkt, der Rubel hat abgewertet, aber noch läuft es. Die Zahlen für das erste Quartal trafen die Erwartungen, und noch gehen wir auch nicht davon aus, dass die Profitabilität der Bank abnimmt. Das könnte aber eintreten, sollte sich die Situation verschärfen.

Verliert die Region Osteuropa an Zugkraft für westliche Investoren?

Papa: Unabhängig von der aktuellen geopolitischen Unruhe werden wir kein zweistelliges Wirtschaftswachstum mehr sehen, aber das gilt beinahe für die ganze Welt. Aber als UniCredit wollen wir weiter in Osteuropa investieren, weil das Wachstum in der Region in den kommenden Jahren doppelt so stark sein wird wie in Westeuropa. Das Kreditvolumen wird doppelt so schnell wachsen, es gibt hier immer noch viel Potenzial. Aber die Welt hat sich verändert, wir werden uns die Produktpaletten genau ansehen, effizienter werden. Die Digitalisierung wird gerade in Ländern wie der Türkei, die auch zu unserem Portfolio zählt und über eine sehr junge Bevölkerung verfügt, wichtig. Hinzu kommt, dass immer mehr osteuropäische Unternehmen im Westen investieren und dafür Banken brauchen, die sie begleiten. Hier zeigt sich wirkliche europäische Integration, weil Investments nun in beide Richtungen funktionieren und ganz Europa davon profitiert.

Ist eine weitere Osterweiterung in Richtung Ukraine oder sogar Türkei zu diesem Zeitpunkt machbar und sinnvoll?

Papa: Die Ukraine ist ein schwieriger Fall, weil dies nur im Konsens mit Russland geschehen könnte, was aber unwahrscheinlich ist. Was die Türkei betrifft, hat Europa wahrscheinlich eine große Chance verspielt. Das Land ist groß, seine Bevölkerung im Durchschnitt sehr jung, es braucht Investitionen. Dieser große Markt wäre wichtig für die EU. Nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch, weil sie dadurch zu einem stärkeren Block würde, der nicht so leicht zwischen den USA und China zerrieben würde. Die EU braucht mehr Integration. Ich denke, dass die Bevölkerung da weiter ist als die Politiker.

Wirklich? Viele Umfragen zeigen, dass die Unterstützung der EU abgenommen hat.

Papa: Was bestimmt an den harten fiskalpolitischen Maßnahmen liegt, die zu hoher Arbeitslosigkeit führten. Wir sehen immer viel zu wenig die positiven Seiten der EU und des Euro: die niedrige Inflation und die niedrigen Zinsen. So wie früher Währungen einfach abzuwerten, wenn es eng wird, hat nichts mit Wettbewerbsfähigkeit zu tun, sondern das waren immer nur Kurzfristmaßnahmen. Schon jetzt zeigt sich, dass sich die Lage in den Krisenländern deutlich verbessert hat.

Die UniCredit berichtete für 2013 einen sehr großen Verlust, der aber "alles auf den Tisch legen sollte”. Wo bestehen weiterhin Risikofaktoren?

Papa: Der Verlust geht zu großen Teilen auf nicht zahlungswirksame Abschreibungen zurück, um sicherzugehen. Wir hatten in den vergangen Jahren stark expandiert, wir wollten die Buchwerte berichtigen und die Deckungsquote erhöhen. Wir glauben, die Bücher sind sauber, und wir haben deutlich Risken aus unserer Bilanz genommen. In der Ukraine geht es am Ende um für die Bank sehr kleine Volumina. In Russland arbeiten wir mit Topkunden. Verschlechtert sich hier die Situation, würden wir das natürlich spüren, aber wir gehen momentan nicht davon aus.

Gibt es Pläne, weitere Banken in der Region zu kaufen?

Papa: Es wird in Ost- und Westeuropa weiter Konsolidierung am Bankensektor geben, alle warten die Prüfung der Banken-Aktiva durch die EZB ab. Wir kaufen selektiv weiter zu, allerdings nicht Banken, sondern Portfolios wie etwa den Retail-Teil der Royal Bank of Scotland in Rumänien im letzen Jahr. Mit wirklichen Übernahmen rechnen wir in den kommenden Monaten nicht.

Würde sich der US-Ökonom Paul Krugman, der 2009 vor dem Zusammenbruch österreichischer Banken aufgrund ihres Ost-Europa-Exposures warnte, heute anders anhören?

Papa: Damals hat man sich nur das Kreditexposure in der Region angesehen, aber nicht, dass der Großteil davon in den jeweiligen Ländern refinanziert war. Diese Situation hat sich weiter deutlich verbessert, es gibt mehr Kredite in den jeweiligen Währungen, auch weil Fremdwährungskredite verboten wurden. Auch hier haben wir zu sehr die Risiken im Auge, nicht aber, was uns die Osterweiterung gebracht hat: Sie hat österreichischen Unternehmen den Weg nach Osteuropa geebnet, den Export gestärkt und Arbeitsplätze gesichert.

Für einen Bankmanager dieser Tage hört man Sie erstaunlich wenig jammern.

Papa: Das ist wahrscheinlich eine Charakterfrage. Jammern hilft am Ende nichts. Banken sind überreguliert, in Osteuropa hab ich mit vielen verschiedenen Regulatoren zu tun. Das macht meinen Job interessant. Aber noch interessanter ist es, dass ich in Ländern arbeite, in denen immer noch etwas in Bewegung ist, wo junge Leute Ideen haben und auch den Willen, sie umzusetzen.

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