Ametsreiter: "Die USA machen es viel schlauer“

Ametsreiter: "Die USA machen es viel schlauer“

FORMAT: Raue Zeiten, so heißt das Motto des jüngsten Geschäftsberichts der Telekom Austria. Wann werden denn aus den rauen wieder rosige Zeiten?

Hannes Ametsreiter: Einfacher wird die Situation nicht werden. Aber wir hatten ein sehr gutes erstes Quartal, das deutlich über den Erwartungen lag. Damit sind wir stark ins Jahr 2013 gestartet.

Welcher Markt ist denn am schwierigsten?

Ametsreiter: Derzeit ist Bulgarien aufgrund der makroökonomischen Umstände sehr schwierig. Und in Österreich ist es der Mobilfunkbereich. Im Festnetz aber haben wir den Turnaround geschafft, hier wachsen wir leicht.

Woher rührt das Comeback des Festnetzes?

Ametsreiter: Es ist der Hunger der Konsumenten nach Bandbreite. Sprachtelefonie hat für das klassische Festnetz keine Bedeutung mehr.

Heißt das, die Talsohle im Festnetz ist durchschritten?

Ametsreiter: Wir haben erfreuliche Aussichten. Wir werden weiter in Glasfaser investieren und die Bandbreiten erhöhen müssen. Wenn wir das wirklich gut schaffen, hat das Festnetz eine schöne Zukunft vor sich. Wir erwarten uns hier Umsatzwachstum und versuchen, auch die Zahl der Anschlüsse wieder zu steigern.

Im hart umkämpften Bereich Mobilfunk haben Sie vor kurzem neue Pauschal-Tarife eingeführt. Wie kommen die an?

Ametsreiter: Die verkaufen sich sensationell. SMS und Telefonie unlimitiert, das kommt sehr gut an. Das ist einfach, das wird verstanden. Wir sind zur Zeit die, die in Österreich die meisten Packages verkaufen.

Heizt das den Preiskampf nicht weiter an?

Ametsreiter: Nein, weil das komplett andere Tarife sind. Diese Unlimitert-Positionierung hat sonst niemand. Die Tarife sind nicht vergleichbar. Wir haben Roaming oder internationale Telefonie und neue Zusatzfunktionen dabei.

Eine Booz-Allen-Studie hat unlängst eine Milliarde Euro "Schaden” errechnet für den heimischen Mobilfunk. Ist dieser Schaden nicht eigentlich der Nutzen für die Konsumenten?

Ametsreiter: Es ist wie so oft eine Gratwanderung. Das eine ist, sicherzustellen, dass in Infrastruktur investiert wird, damit die Wirtschaft prosperiert. Man braucht Rahmenbedingungen, dass man diese Investments wieder zurückverdienen kann. Die sind heute nicht in genügendem Ausmaß gegeben. Auf der anderen Seite würden sich die Kunden immer noch günstigere Tarife wünschen. Da ist Österreich heute schon ein Paradies. Doch klar ist, zu Preisen von 7,50 Euro im Monat können sie kein Mobilfunknetz, dass hunderte Millionen Euro kostet, betreiben. Einer der Betreiber hat es sich in Österreich nicht mehr leisten können.

Durch den Merger von Orange und 3 kam "yesss“ zur Telekom Austria. Kann die Telekom Austria etwas von "yesss“ lernen?

Ametsreiter: Ja, wie schnell man mit schlanken Systemen agieren kann. Große Konzerne tendieren dazu, große Systeme zu haben, die eine längere Reaktionszeit nach sich ziehen. Das ist etwas, das ich absolut nicht zulassen will. Daher arbeiten wir an einer gewaltigen IT- und Systemtransformation, um uns zu beschleunigen. Ich will Speed haben im Unternehmen. Geschwindigkeit heißt kürzere Prozesse für den Kunden. Ich möchte, dass in einigen Jahren ein Festnetz so verkauft wird wie heute ein Mobilfunkprodukt. Dass man es über das Internet bestellen kann und am nächsten Tag seinen Internet-Anschluss im Haus hat.

Wie viel wollen sie heuer in Infrastruktur investieren?

Ametsreiter: In der Gruppe 700 Millionen, davon 400 Millionen in Österreich. Damit sind wir einer der größten Investoren in Österreich und in jedem Fall der größte im Telekom-Sektor.

Die deutsche "Welt" beschrieb unter dem Titel "Schlagloch Deutschland“ den drohenden Verfall der Infrastruktur. Orten Sie so eine Gefahr auch für Österreich?

Ametsreiter: Ja. Die EU-Politik konzentriert sich heute vornehmlich darauf, Preise zu regulieren und viel zu wenig auf eine gute Industriepolitik. Die Folge: Bei Herstellern und Mobilfunkern werden Mitarbeiter abgebaut, es wird weniger investiert. Die europäischen Mobilfunker haben die niedrigsten Bewertungen der Welt. In den USA sind AT&T und Verizon die Unternehmen, die am meisten investieren. Die USA machen das viel schlauer als Europa: Sie regulieren weniger und erzeugen damit Wachstumsimpulse.

Die USA haben im Gegensatz zu Europa einen echten Binnenmarkt ...

Ametsreiter: Das ist doch nur eine Frage, wie ich es angehe. Warum gibt es keine Europa-Lizenzen? Hier muss das Wettbewerbsrecht endlich auch eine Europa-Sicht entwickeln. Man könnte endlich die Interconnection Fees (Gebühren zwischen den Betreibern, Anm.) einfrieren oder völlig neue Zugänge schaffen im Roaming-Bereich. Das Heil in Europas Telekom-Industrie liegt nicht im niedrigsten Preis, sondern in der besten Qualität.

Brüssel sieht das offenbar derzeit anders ...

Ametsreiter: Wir verlieren uns im kleinteiligen Denken und vergessen den globalen Aspekt des Wettbewerbs. Da ist doch eine wirtschaftliche Fehlentwicklung im Gange. Wenn ich glaube, dass die Zukunft geprägt ist von Ideen, Innovationen und Export, von dem Europa immer gelebt hat, dann brauche ich einen Vorsprung und nicht eine schlechtere Ausgangsposition. Zwei Zahlen: Derzeit sind zirka zehn Prozent vom gesamten BIP dem IKT-Bereich (Internet, Telekom, Anm.) zuzurechnen. Und: Fast 30 Prozent des BIP-Wachstums kommt aus dem IKT-Bereich. Also müsste man hier Investitionen erleichtern!

Was hat sich denn bei der Telekom Austria seit dem Einstieg von Carlos Slim getan?

Ametsreiter: Wir haben jetzt einen exzellenten Industriepartner und damit sehr gute Möglichkeiten zur Kooperation. Synergien heben wir laufend. Wir wollen unter anderem ein attraktives Großhandels- und Backbone-Angebot (breitbandige Hochgeschwindigkeitsverbindungen, Anm.) für die anderen Telekom-Provider auf den Markt bringen, mit dem diese unsere Infrastrukturkapazitäten europaweit und auch darüber hinaus nützen können.

Sie haben gesagt, Sie haben bei der Telekom nach den Skandalen aufgeräumt. Hat sie das misstrauischer gemacht, persönlich verändert?

Ametsreiter: Man lernt daraus. Durch so etwas verändert sich ein Unternehmen, aber auch die Personen. Manchmal ist es auch notwendig, dass man Dinge neu betrachtet, neue Sensitivitäten schafft, noch höhere Anforderungen anlegt an sich selber und an die verschiedenen Prozesse. Wir wollen bei der Compliance eine Zertifizierung nach deutschem Standard erreichen, damit sind wir die erste Firma in Österreich.

Wie stehen Sie zur aktuellen Debatte über ein Handy-Verbot, wie sie derzeit an Schulen stattfindet?

Ametsreiter: Ich glaube, dass Schulen in eine andere Richtung denken sollten. Jeder Lehrer sollte einen EDV-Führerschein haben. Jede Schule sollte Notebook- beziehungsweise Tablet-Klassen haben. Das ist das neue Schulbuch. Wer diesen Anschluss versäumt, ist zu spät dran. Darüberhinaus muss natürlich ein vernünftiger Umgang mit den Medien herrschen. Wie man den bemisst, das überlasse ich den Schulen. Aber die Infrastruktur muss stimmen.

Hintergrund

Schon bald könnte es Radlichter mit SIM-Karten geben - für eine einfache Ortung.

Auf der Agenda stehen heuer ein paar große Brocken für Hannes Ametsreiter. Die nächste Technologie-Generation im Mobilfunk (LTE) geht ins Geld: Mit der Frequenz-Auktion im Herbst werden Lizenzgebühren in Millionenhöhe fällig, und dann muss in den Netzausbau investiert werden.

Ein großer Hoffnungsmarkt im Mobilfunkbereich ist die Maschinen-Kommunikation (M2M). In der Industrie und im Logistik-Bereich ist die automatisierte Kommunikation über SIM-Karten schon Standard. Bei den intelligenten Stromzählern (Smart Metering) rechnet sich die A1 ebenfalls gute Chancen aus. Ein erstes M2M-Projekt, das die Verbraucher unmittelbar vom Nutzen der Technologie überzeugen soll, ist eine Diebstahlssicherung für Fahrräder, die es in der Schweiz und Großbritannien bereits gibt. Hier wird eine SIM-Karte zuerst ins Rücklicht, später auch ins Fahrrad verbaut, und der Nutzer kann im Fall des Falles dem Dieb virtuell folgen. Ametsreiter ist überzeugt, dass M2M "extrem viel Potenzial“ hat und in immer mehr Geräte SIM-Karten eingebaut werden.

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff