Alpine Bau: So sollen 5.000 Arbeitsplätze gerettet werden

Alpine Bau: So sollen 5.000 Arbeitsplätze gerettet werden

Nach der wird heftig um die Fortführung gerungen. Derzeit stehen Baustellen still, Zulieferern droht die Pleite und Banken prüfen Klagen.

Es werden lange Arbeitstage für Stephan Riel. Der Wiener Anwalt wurde am Mittwoch zum Masseverwalter der insolventen Alpine Bau GmbH bestimmt – eine der größten Pleite in der Nachkriegszeit: Gesamtpassiva von rund 2,6 Milliarden Euro, 4.905 betroffene Dienstnehmer in Österreich, tausende Zulieferer und Sub-Unternehmen, die nun selbst ums Überleben bangen. Unter den 8.000 Gläubigern ist auch die Republik Österreich.

Die Pleite ist auch eine der folgenschwersten, die das Land je erschüttert hat. Und zwar für Gläubigerbanken, Mitarbeiter, Lieferanten und Bauherren gleichermaßen. Die Politik mischt nun eifrig mit und versucht, mit Arbeitsstiftungen die Alpine-Lawine zu stoppen. Das Land Niederösterreich etwa hat Mittel reserviert, um die schlimmsten Folgen aus der Insolvenz abzufedern und um die Finanzierung bestehender Aufträge zu ermöglichen. Eifrig versucht man zu verhindern, dass weitere Teile des zweitgrößten Baukonzerns Österreichs in die Insolvenz schlittern. Denn insgesamt beschäftigt die Alpine 15.000 Personen.

Möglichst große Teile der Alpine GmbH sollen fortgeführt werden. Nach FORMAT-Informationen könnte dabei die Tochtergesellschaft Universale eine wichtige Rolle spielen. Schon in den vergangenen Wochen hatte sie sich – und nicht die Alpine – verstärkt um öffentliche Aufträge bemüht.

„Things are going wrong in Spain.“

Dass sich die Alpine in gefährlicher Schieflage befand, war seit mehr als einem halben Jahr klar. Die Banken haben schon einmal ein Rettungspaket geschnürt: Erst Anfang März verzichteten die Geldinstitute auf 150 Millionen Euro ihrer Schulden, und die spanische 100-Prozent-Eigentümerin, die FCC, hatte eine Liquiditätsspritze von 250 Millionen Euro zugesagt. Die 48 Gläubiger-Banken wären bereit gewesen, noch einmal 150 bis 160 Millionen Euro nachzulassen. Auch die Politik machte sich hinter den Kulissen dafür stark, eine Pleite so knapp vor der Nationalratswahl zu verhindern. Bei dem „All-Lenders-Meeting” am Montag, bei dem auch Vertreter der FCC dabei waren, wurde von den Spaniern eine neue Zusage in Höhe von 150 Millionen Euro abgegeben. Die Alpine begann deshalb, offene Rechnungen an Lieferanten zu begleichen.

Doch am Dienstag kam – wie aus heiterem Himmel – alles anders: Gegen Mittag erreichte Arnold Schiefer, der erst seit April den Baukonzern leitet, ein Anruf seines spanischen Chefs. Inhalt: „Things are going wrong in Spain.“ Die dortigen Banken würden kein Geld mehr zur Verfügung stellen. Schiefer solle einen Insolvenzantrag vorbereiten. Am Abend wurde öffentlich gemacht, dass die „Bemühungen zur außergerichtlichen Sanierung der Alpine-Gruppe abgebrochen“ sind, am Mittwoch wurde die Insolvenz beantragt .

Die Pleite überraschte auch die Mitarbeiter. Die Betriebsräte erklärten ihnen am Mittwoch, dass alle weiter zur Arbeit kommen müssen, um ihre Ansprüche zu behalten. Aber viele wussten nicht, was sie tun sollten. Auf einigen Baustellen kam es zum Stillstand, weil es keine Material- Lieferungen mehr gab, Leiharbeiter mussten wieder nach Hause gehen.

Überrumpelt wurden auch viele Bauherren. „Die Alpine ist bei den ÖBB bei rund 30 Großbauvorhaben beschäftigt“, sagt ÖBB-Sprecherin Sonja Horner. Die Bahn habe jedoch bei keinem Projekt eine finanzielle Vorleistung erbracht, daher gebe es auch keinen finanziellen Schaden. „Ob es zu Verzögerungen kommt, können wir derzeit noch nicht abschätzen, wir arbeiten aber bereits an Alternativ-Maßnahmen, um einen planmäßigen Bau gewährleisten zu können“, so Horner. Bei der Asfinag konnte man am Mittwoch noch nicht abschätzen, welche Auswirkungen die angekündigte Insolvenz hat. Dem Vernehmen nach soll die Alpine derzeit Aufträge über hundert Millionen Euro von der Autobahngesellschaft am Laufen haben. Nun wird überlegt, inwieweit diese Verträge zu kündigen sind.

Ebbe in der Kasse

Ziel ist, die 5.000 Alpine-Arbeitsplätze in Österreich weitgehend zu retten und gesunde Teile des Unternehmens in einer Auffanggesellschaft weiterzuführen, möglicherweise eben unter dem Dach der Univerale. Bislang ist aber noch ungeklärt, wer das finanzieren soll. In der Alpine-Kasse ist Ebbe: Der riesige Konzern soll nur noch rund fünf Millionen Cash haben.

Konkurrent Porr hat bereits Interesse am Österreich-Geschäft signalisiert. Allerdings ist es kartellrechtlich wahrscheinlich trotz der Krise nicht leicht darstellbar, dass die Nummer zwei und Nummer drei der Branche zusammengehen. Doch einzelne Baustellen könnten Porr oder Strabag übernehmen. Auch der frühere Alpine-Miteigentümer Dietmar Aluta wird als Käufer für Teile des Baukonzerns gehandelt.

Bei größeren Projekten hat die Alpine mit Mitbewerbern Arbeitsgemeinschaften (Argen) gebildet. Diese haften solidarisch, daher sollte es für die Kunden keine Änderungen geben. „Wir gehen davon aus, dass sich unsere Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber den Argen in etwa ausgleichen, sodass sich für Strabag keine materiellen Konsequenzen aus der Alpine-Insolvenz ergeben“, sagt Strabag-Sprecherin Diana Klein.

Banken prüfen Strafanzeige

Hinter den Kulissen überlegen sich die Gläubigerbanken indes strafrechtliche Schritte gegen das frühere Alpine-Management unter Johannes Dotter und Enrique Sanz. „Bilanzfälschung ist noch das Geringste, was man ihnen vorwerfen könnte“, heißt es aus einer Bank. Auch die Finanzmarktaufsicht soll unter Hochdruck gegen Dotter ermitteln und ihre Gangart verschärft haben. Sie kritisiert verspätete Ad-hoc-Meldungen.

Die kürzlich erfolgte Übernahme der Alpine Energie durch die FCC wird nun ebenfalls kritisch gesehen. Es ist davon auszugehen, dass der Insolvenzverwalter prüfen wird, inwiefern er diese Transaktion nach der Insolvenzordnung anfechten kann, um einen etwaigen Verkaufserlös zu vereinnahmen. Eine Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass die Alpine Bau bei Abschluss der Transaktion bereits zahlungsunfähig oder insolvenzrechtlich überschuldet war.

Bedauernswert ist Arnold Schiefer, der Kurzzeit-Alpine-Boss. Er hat vor nicht einmal drei Monaten seinen sicheren Vorstandsposten beim ÖBB-Güterverkehr aufgegeben. Prinzipiell würde ihn die Bahn wohl zurücknehmen, weil er dort einen guten Job gemacht hat. Ob das praktisch funktioniert, ist fraglich.

Stephan Riel, der Masseverwalter, ist Probleme, wie sie jetzt auf ihn zukommen, schon gewöhnt: Er hat schon bei der A-Tec von Mirko Kovats und bei Niemetz Insolvenzen abgewickelt. Spätestens am 4. Juli muss er einen ersten Plan entwickelt haben, für diesen Tag ist die Gläubigerversammlung angesetzt. Angestrebt wird eine Quote von 20 Prozent.

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