"Albanien ist heuer wirklich ein Sonderfall": RI-Chef Herbert Stepic im FORMAT-Interview

Raiffeisen-International-Boss Stepic über die Chancen Albaniens und die Rolle seines Unternehmens im Mittelmeerland.

FORMAT: Herr Generaldirektor, stimmt der Eindruck, dass Albanien die internationale Wirtschaftskrise relativ wenig zu spüren bekommt?
Stepic: Ja, Albanien ist wirklich ein Sonderfall. Die Wirtschaft dürfte heuer bei null stagnieren. Albanien ist damit das einzige europäische Land ohne schrumpfende Wirtschaft, obwohl auch hier die Prognosen laufend nach unten korrigiert werden und gegenüber den plus acht Prozent vom Vorjahr ein extremer Abfall zu verzeichnen ist.
FORMAT: Warum steht Albanien relativ stabil da?
Stepic: Der Hauptgrund ist, dass die Wirtschaft noch nicht sehr groß ist, der Wachstumsprozess erst spät begann und auch die Außenverschuldung gering ist. Albanien ist obendrein nur zu zehn Prozent exportabhängig, während es die Ungarn zum Beispiel zu 70 Prozent sind. Der Außenschock war deshalb geringer.

"Große Chance: Wasserkraft"
FORMAT: Verläuft die Entwicklung in Albanien schon länger so gut?
Stepic: Nein, die Albaner hatten einen langsamen Start. Sie mussten erst Demokratie lernen, was aber erstaunlich schnell ging. Sie haben noch eine sehr niedrige Wirtschaftsleistung von 6.400 Euro pro Kopf, das ist nur ein Viertel des EU-Schnitts. Die künftigen Wachstumsmöglichkeiten sind aber beachtlich. Die große Chance des Landes ist aufgrund der Topografie der Ausbau der Wasserkraft, um Strom zu exportieren. Albanien hat auch noch unberührte Mittelmeerküste, der Tourismus steht aber noch am Beginn. Vorerst werden große Investitionen in die Infrastruktur getätigt, die überwiegend aus dem Ausland finanziert werden.
FORMAT: Ist das von der albanischen Regierung genannte Ziel eines EU-Beitritts 2013 realistisch?
Stepic: Mit der Karotte einer EU-Mitgliedschaft werden sich die Prozesse noch extrem beschleunigen. Jede Erweiterung ist aber wegen der Stimmung in der EU viel schwieriger geworden. Ich bin deswegen weniger optimistisch, vielleicht ist ein Beitritt im Jahr 2015 möglich.
FORMAT: Könnte es zu einer Beitrittswelle kommen, bei der auch alle Nachfolgestaaten Jugoslawiens aufgenommen werden?
Stepic: Von der Logik her wäre das das einzig Sinnvolle.

"Gewaltiger Fortschritt seit 2004"
FORMAT: Wie schaffte es Raiffeisen, Albaniens größte Bank zu werden?
Stepic: 1997 hatte das Land als Folge eines Pyramidenspiels 1,2 Milliarden Dollar verloren, was für Albanien enorm war. Viele alte Geschäftspartner verließen damals abrupt das Land, die UBS stellte von einem Tag auf den anderen die gesamte Versorgung mit Dollar ein. Das Land befand sich in einer echten Notsituation. Damals rief mich Zentralbankchef Ardian Fullani an, ob wir blitzartig einspringen könnten, um den Banknotenumlauf sicherzustellen. Wir haben in drei Tagen das erste Flugzeug organisiert, was man uns bis heute hoch anrechnet. Vor fünf Jahren haben wir dann die alte staatliche Sparkasse gekauft, die ziemlich archaisch geführt war und nur Spareinlagen entgegennahm. Wir haben in Albanien das moderne Bankensystem mit Gehaltskonten eingeführt. Raiffeisen bot auch als erstes Institut Kreditkarten und Bausparen an und war Eisbrecher für internationale Investitionen in Albanien. Jetzt haben wir einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent.
FORMAT: Was hat sich in den vergangen fünf Jahren geändert?
Stepic: Der Fortschritt ist gewaltig. Wenn man 2004 vom Flughafen nach Tirana hereinkam, fuhr man über eine Straße voller Schlaglöcher, zwei Drittel aller Gebäude an der jetzigen Schnellstraße standen noch nicht. Es gab auch de facto keinen Wohnbau.

"Hauptproblem ist Liquiditätsrückgang"
FORMAT: Im Vergleich zu Albanien haben die meisten Staaten in Osteuropa deutlich gravierendere Probleme. Wie stark schrumpft die Wirtschaft?
Stepic: Im Schnitt rechnen wir heuer mit einem Rückgang in Zentral- und Osteuropa von 5,4 Prozent, wobei das Minus in Russland mit 7,5 Prozent und in der Ukraine mit acht Prozent deutlich höher ausfallen wird. Aber 2009 und 2010 von Prognosen zu sprechen ist schwierig, weil diese sich vierzehntäglich ändern und immer noch sinken.
FORMAT: Was ist das Hauptproblem?
Stepic: Der drastische Rückgang der Liquidität. Im Jahr 2007 flossen noch rund 430 Milliarden US-Dollar nach Osteuropa, 2008 waren es nur noch 250 Milliarden, und für heuer werden nur noch 30 Milliarden Euro prognostiziert. Nur die sechs großen internationalen Banken Raiffeisen, Erste, UniCredit, KBC, Intensa und Société Générale, die für weit über die Hälfte der Gesamteinlagen in der Region zuständig sind, stellen noch frische Liquidität zur Verfügung.
FORMAT: Wann könnte es in der Realwirtschaft wieder aufwärts gehen?
Stepic: Wir erleben eine massive Erschütterung des globalen Finanzsystems. Schwellenländer kommen dadurch am stärksten unter Druck, weil sie viel abhängiger von der externen Liquiditätszufuhr sind. Ich persönlich glaube, dass die Realwirtschaft zumindest bis ins dritte oder vierte Quartal dieses Jahres schrumpft. Erst Ende 2010 oder Anfang 2011 werden wir eine echte Stabilisierung sehen, ab Mitte 2011 könnte wieder eine dynamische Aufwärtsbewegung erfolgen.

Zur Person
Diplomkaufmann Dr. Herbert Stepic , 63, kam 1973 nach dem Studium der Handelswissenschaften zur RZB. Er baute den Außenhandelsservice und das interna­tionale Netzwerk der Korrespondenzbanken auf und wurde 1987 zum Mitglied des Vorstandes. Seit 1995 ist er Vize-Generaldirektor der RZB und seit 2001 zusätzlich Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen International. Osteuropa-Pionier Stepic wurde zum „European Banker of the Year 2006“ gekürt und 2007 zum „European Manager of the Year“.

Interview: Martin Kwauka

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen FORMAT-Ausgabe 25/09.

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